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Klingelton-Terror: Harter Sex und Plüschpop

Es fing an mit Crazy Frog und Schnappi, dann kamen Knut und der "Keinohrhase". Nun hat sich Schnuffel in der deutschen Chartspitze verbissen. Tiere, besonders die mit großen Augen, sind immer gut für ein paar DVD- und Plattenverkäufe. Schuld daran ist das bisher unbeachtete Prinzip Karotte. Dabei steckt darin das ganze Erfolgsgeheimnis.

Von Johannes Gernert

Ende Februar rief der Musiksender MTV in einem Spot zur Schlachtung eines Stars auf. Man holte sich sogar von einem Metzger Tipps für die anschließende Zubereitung. Allerdings ist diesem Appell bisher noch niemand nachgekommen. Wahrscheinlich liegt das vor allem daran, dass es sich bei dem Hassobjekt um eine fiktive Figur handelt. Wie schlachtet man einen Comic-Hasen, dessen Digital-DNA aus Einsen und Nullen besteht?

Da bräuchte es eher einen langhaarigen Hacker als einen breitschultrigen Metzger. Und selbst dann wäre es mittlerweile schon schwierig - obwohl der Hass auf den Puschelhasen in Teilen der Internet-Bevölkerung wirklich groß ist. Denn Schnuffel, so der Name der pelzigen Killerapplikation, vermehrt sich wie die Karnickel.

Seit Wochen schon hält sich das Cartoon-Plüschtier auf dem ersten Platz der deutschen Single-Charts. Sein "Kuschelsong" ist in zehn Sprachen übersetzt worden. Beim Klingeltonhersteller Jamba freut man sich über den "Goldhasen", dessen Lied mehr als 150.000 Mal verkauft wurde. Einen "Weltstar" nennen sie das Tier gar.

Eine große, sehr runde Karotte

Entworfen wurde Schnuffel nicht etwa für Kinder im Alter von neun bis elf Jahren, wie die MTV-Autoren ("Rage against Schnuffel") vermuteten, sondern für Frauen "Mitte bis Ende 20", teilt Jamba mit. Zum Herzerwärmen in der kalten Jahreszeit. Gemeint ist somit offensichtlich: für Single-Frauen, die sich länger schon nach einem Schnuffelchen sehnen und nun wenigstens eins auf dem Handy haben.

Ursprünglich war der "Kuschelsong" nämlich mal ein reiner Klingelton. Ist es in diesem Zusammenhang erwähnenswert, dass Schnuffel in dem im Netz gern geladenen Video die ganze Zeit über eine ziemlich große und sehr runde Karotte in den Armen wiegt und dabei erwähnt: "I do anything for you, there is nothing I wouldn't do"? Sind all diese "Mitte bis Ende 20"-jährigen Single-Frauen im Grunde nur scharf auf seine Karotte? Ist das der bisher völlig unterschätzte Freudsche Phallus-Erfolgskern der ganzen Schnuffel-Veranstaltung?

Knuts Macho-Sex-Anteil

Schnuffel ist im Klingelton-Hitparaden-Geschäft nicht der erste Weltstar in der Abteilung "Pelztier". Vor ziemlich genau einem Jahr beschäftigte ein junger Berliner namens Knut die nationale und internationale Presse. Vor dem Gehege des Eisbärenbabys standen Fans stundenlang Schlange. Nun mag man da argumentieren, dass die Zielgruppe deutlich breiter gewesen sei und bestimmt nicht nur weiblich, "Mitte bis Ende 20". Aber ein Teil der Faszination beruhte sicherlich auch darauf, dass aus dem kleinen, kulleräugigen, ach-sooho-süüühüßen Knutilein in absehbarer Zeit ein ganz, ganz Böser werden würde. Stichwort: tödliche Pratze. Sozusagen die Karottenkomponente in der Story, der unterschwellige Macho-Sex-Anteil.

Auch in diesem Jahr ist Schnuffel nicht allein. Während der Berlinale feierte der Erfolgs-Schauspieler-Regisseur-Produzent-und-Drehbuchautor Til Schweiger mit rauschender Party die Verkaufszahlen des Soundtracks zu seinem Film "Keinohrhasen". Für den Nachhauseweg durch die kalte Berliner Nacht gab es das Marketingmaskottchen - ein ohrenloses Plüschwesen mit debilem Silberblick.

"Keinohrhasen" klingt sexualtechnisch zunächst einmal fast so harmlos wie Schnuffel. In einer Szene geht es darin allerdings derart explizit um orale Praktiken, dass manche arglosen Eltern sich nach dem Filmbesuch wegen der niedrigen Altersfreigabe beschwert haben. Schließlich habe man mit der Einweisung des Nachwuchses in die Künste der Vaginastimulation noch etwas warten wollen. Trotzallem haben mehr als fünf Millionen Zuschauer "Keinohrhasen" bisher gesehen. Die Stofftiere lagen zwischenzeitlich auf den vordersten Verkaufsrängen des größten Online-Händlers Amazon. Später kamen noch "Keinohrhasen"-Eierwärmer dazu. Augenfällig auch in diesem Fall die Erfolgskombination: Sixpack-Sex (Til Schweiger) und Plüschpelz.

Eine Karotte namens Til Schweiger

Ist es also so einfach? Weist diese psychoanalytisch inspirierte Strategie der krisengeschüttelten Musikindustrie den Weg aus dem Tal? Man nehme: ein kulleräugiges Tier und dazu eine wie immer geformte "Karotte" - egal, ob sie jetzt als dildoähnliches Comicgebilde, als künftige Gefahr oder als Til Schweiger daher kommt? Und schön kalt muss es draußen sein, wegen der Herzerwärmung. Fertig ist der Chartbreaker?

Und wenn dem so wäre: Was käme da in den nächsten Wintern auf uns zu? Zuffi - der Killerkoala mit dem riesigen Zauberschwert. Textauszug: "I'll do anything for you, komm' nur her, und ich stech zu." Abgesehen von den Ohren könnte man sich da weitgehend an der Schnuffel-Optik orientieren.

Til Schweiger plant ja eine Fortsetzung von "Keinohrhasen". Er will wieder mitspielen, die Karotte wäre damit also besetzt. Aber ob das noch ein zweites Mal mit dem missgebildeten Hoppler funktioniert? Man muss bei der Tierauswahl sehr vorsichtig vorgehen:

Die verlorene Unschuld von Schnappi

Es ist mittlerweile schon wieder ein paar Jahre her, da befand sich über Wochen hinweg ein Krokodil in den Charts exakt dort, wo heute Schnuffel sitzt. Das Krokodil hieß Schnappi, und die Freudsche Symbolik im Subtext des Songs fiel etwas komplexer aus: Schnappi schnappte. Erst sich selbst aus dem Ei und dann in der Welt herum. Vielleicht war der Titel nicht deshalb so erfolgreich, sondern weil er klang wie ein solides Kinderlied und mit Joy Gruttmann eine solide Kindersängerin gefunden hatte.

Wer sich hinter der Stimme von Schnuffel verbirgt ist bisher nicht verraten worden. Jedenfalls: Nach Schnappi versuchte es Gruttmann noch einmal mit "Ein Lama in Yokohama". Das reichte allerdings nur für Platz sechs in den Charts. Lamas sind also folglich eher unsexy. Abgesehen davon sind aber durchaus noch ein paar Tierarten übrig. Auch solche mit großen Augen und Pelz.

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