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Motörhead: Seniorentag im Hardrock-Café

Das neueste Album der Hardrocker Motörhead ist ihr bestes seit langem. Zwölf schnörkellose Song sind darauf zu hören: hart, erfrischend und abwechslungsreich.

Der Mann ist nun fast 60 Jahre alt. Er ist der Sohn eines Pfarrers und heißt Ian Fraiser Kilmister, Lemmy genannt. Erst war er Roadie bei Jimi Hendrix, dann zupfte er den Bass bei den Space-Rockern Hawkwind, die ihn rauswarfen, weil er wegen Drogenbesitz in den Knast kam. Es blieb ihm also nichts anderes übrig, als seine eigene Band zu gründen: Motörhead. Dort spielt er immer noch Bass. Außerdem singt er noch, wenn man das so nennen mag. Seit 1977 veröffentlichten Motörhead in schöner Regelmäßigkeit ca. 20 Alben.

Wie wird die neue Motörhead schon klingen?

Solange er keinen Zivi braucht, der ihm sein Instrument auf der Bühne hält, gibt es also für den Pfarrerssohn keinen Grund, ans Aufhören zu denken. Deshalb liegt uns mit "Inferno" jetzt ein knackfrisches Motörhead-Album vor. Na und? Wie wird die neue Motörhead schon klingen?

Wie immer natürlich, denkt man sich. Wenn Motörhead sich nicht mehr nach Motörhead anhören, würde sich wohl die Erde nicht mehr drehen. Es gibt schließlich Regeln und Naturgesetze. Aber "Inferno" ist extrem hart und das beste Album der Engländer seit mindestens zehn Jahren. So sieht's aus.

Satter, rauher Gitarrensound und hervorragende Riffs

Eine kleine Überraschung gibt es mit dem letzten Song des Albums. Auf "Whorehouse Blues" kommt eine Westerngitarre zum Einsatz inklusive jaulender Blues-Harp. Lemmy singt – oder besser gesagt: röhrt - uns den Blues. Da gab es auch noch nicht. Davor aber gibt es elf schnörkellose Metal-Hammer mit sattem, rauhem Gitarrensound und hervorragenden Riffs (Lemmy: "Ein Gitarrenriff sollte nie länger sein, als es dauert, eine Bierflasche zu köpfen"). Das Tempo variiert angenehm. Schnelle Tracks wechseln sich mit Midtempo-Nummern ab.

Als prominenter Gastmusiker konnte der Gitarrenfrickler Steve Vai gewonnen werden, der auf "Terminal Show" und "Down on me" zwei grandiose und tatsächlich passende Soli spielt. Der große Teil der Songs wurde von Gitarrist Phil Campbell und Drummer Mikkey Dee geschrieben. Die beiden haben ganze Arbeit geleistet. Manchmal sind die Anleihen, die sie sich etwa bei AD/DC (im Song "Suicide") oder auch bei Metallica ("In the Name of Tragedy": Kill 'Em All lässt grüßen) geholt haben, nicht zu überhören. Aber hinten kommt dann doch immer Motörhead heraus.

Tim Schulze
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