Musik, die von künstlicher Intelligenz kommt, ist kaum noch zu unterscheiden von menschengemachten Songs. Warum dabei etwas Elementares verloren gehen könnte.
Eine überaus harmonische Frauenstimme erklingt, im Hintergrund setzen sanfte Trommeln ein, dann eine Gitarren-Melodie und warme Elektro-Sounds. Sofort fühle ich mich, als würde ich am Strand sitzen und zusehen, wie die Sonne langsam im Meer versinkt. Wieder einmal hat Spotify meinen Musikgeschmack getroffen. Vielleicht hat die Künstlerin noch mehr Tracks, die mir gefallen könnten, denke ich und rufe ihr Profil auf. Was ich dort vorfinde, macht mich stutzig.
Es gibt keinerlei Infos zur Musikerin. Stattdessen eine Reihe Songs, deren Titel („Divine Flow“, „Ocean Prayer“, „Tribal Sound“) ebenso generisch klingen wie das Profilfoto aussieht. Eine kurze Suche auf Social Media und bei Google ergibt dasselbe: Nichts. Eine erschlagende Gewissheit macht sich breit: Nicht nur der Song, sondern auch die Künstlerin ist KI-generiert. Meine Laune verabschiedet sich vom Strand und geht in den Keller. Stattdessen empfinde ich Enttäuschung, Wut und auch ein bisschen Scham. Ich fühle mich ertappt. Als wäre ich auf einen Enkeltrick hereingefallen.
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Damit bin ich nicht allein. Studien deuten darauf hin, dass Songs, die von künstlicher Intelligenz erstellt wurden, beim Hörer eher Ablehnung hervorrufen. Allerdings erst dann, wenn die KI-Lieder als solche gekennzeichnet sind. Woran das liegt, erklärt Hauke Egermann, Musikpsychologe an der Universität Köln: Ein Song, den man zum ersten Mal höre, löse sogleich eine körperliche und emotionale Reaktion aus. „Das passiert im Unterbewusstsein, das können wir gar nicht so stark beeinflussen“, sagt der Experte. Auch bei KI-Songs. Wenn man dann aber von der „Künstlichkeit“ des Liedes – oder gar des Musikers – wisse, schlügen die Bewertung und damit auch die Gefühle ins Negative um.
Musik ist ein soziales Erlebnis
Dass wir so auf nichtmenschliche Musik reagieren, ist zutiefst menschlich. „In der Musikgeschichte ging es schon immer um Persönlichkeiten“, erklärt Hauke Egermann. Genauer: Um Menschen, die Geschichten erzählen. Ob klassische Komponisten wie Mozart oder jüngere Stars wie Harry Styles und Taylor Swift. „Gerade im Kontext von Popmusik wird heutzutage sehr stark der Mensch in den Vordergrund gestellt“, sagt Egermann. Und so habe der Künstler einen großen Anteil daran, wie Musik auf uns wirkt.
„Gerade als junger Mensch suche ich mir Künstler, die das sagen, was in meiner Gruppe relevant ist“, erklärt Egermann. Musik diene als Orientierung, zum Ausdruck der eigenen Werte – und sie schaffe eine Gemeinschaft mit anderen Fans. All das fällt bei KI-Künstlern, die nur in der digitalen Sphäre existieren, weg. Damit gehe etwas Elementares verloren, sagt der Musikpsychologe: „Die Musik wirkt nur akustisch und nicht mehr auf der sozialen Ebene.“ Stark verknüpft mit der Persönlichkeit des Musikers ist dem Experten zufolge auch das Gefühl von Authentizität. Musiker würden als glaubwürdig und „echt“ gelten, wenn ihre Werke ihre Emotionen, Erfahrungen oder Überzeugungen spiegeln.
Spotify und Co. von KI-Songs überflutet
Die Streaming-Dienste werden dennoch längst überflutet von KI-Tracks. Der Plattform Deezer zufolge werden täglich 50.000 KI-generierte Inhalte hochgeladen, was 34 Prozent aller täglichen Uploads entspricht. Diese genauen Angaben sind möglich, weil Deezer im vergangenen Jahr ein KI-Tagging-System eingeführt hat. Angaben des Streamingdienstes zufolge wird ein unternehmenseigenes Erkennungstool genutzt, um KI-generierte Inhalte zu identifizieren und zu kennzeichnen. Davon sind andere Streaming-Plattformen offenbar weit entfernt. Anfragen des stern über die geschätzte Anzahl täglicher KI-Uploads und eine entsprechende Kennzeichnung wurden von Amazon und Apple trotz mehrfacher Nachfrage nicht beantwortet.
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Eine Rückmeldung gab es lediglich von Spotify, wobei diese vage ausfiel und auf allgemeine Informationen über den Umgang mit künstlicher Intelligenz verwies. Darin hieß es unter anderem: „Spotify unterstützt die Entwicklung eines Branchenstandards für KI-Kennzeichnungen in Musik-Credits.“ So sollen Hörer transparent nachvollziehen können, wie KI bei der Musikproduktion eingesetzt wurde – etwa bei Stimmen, Instrumenten oder Postproduktion. Eine einheitliche, verbindliche Kennzeichnungspflicht für KI‑Musik gibt es bisher bei keinem der großen Streaming-Anbieter. Allerdings ist davon auszugehen, dass auf den drei Plattformen mindestens genauso viele KI-Songs pro Tag erscheinen wie bei Deezer. Tendenziell sogar mehr, da Spotify, Apple und Amazon deutlich größere Marktanteile besitzen.
Das bittere Gefühl, getäuscht zu werden
Hauke Egermann kritisiert die unzureichende Kennzeichnung von KI-Musik. „Das ist ein Recht, das uns als Hörern zusteht“, stellt er klar. Ähnlich wie im Supermarkt, wo man ein Produkt aus dem Regal nehmen und auf der Verpackung lesen kann, wo es herkommt, und welche Zutaten enthalten sind, sollte es sich auch auf den Streaming-Plattformen verhalten. „Das hat mit Aufklärung und Konsumenteninformation zu tun“, betont der Musikpsychologe. Das Gefühl, vom Streaming-Anbieter seines Vertrauens, der einem regelmäßig personalisierte Playlists liefert, getäuscht zu werden, verstärke die Ablehnung von KI-Songs umso mehr.
Spotify-Features wie der „Release Radar“ oder der „Mix der Woche“ enthalten auf den Nutzer zugeschnittene Song-Vorschläge. Wie oft der Hörer in solchen Playlists mittlerweile auf KI-Tracks stößt, ist nicht klar
Für den Hörer ist es ohne entsprechende Kennzeichnung kaum noch möglich, künstliche von menschengemachter Musik zu unterscheiden. Das zeigt eine Umfrage von Ipsos, die der Streamingdienst Deezer vergangenes Jahr in Auftrag gegeben hat. Von 9000 Teilnehmern konnten 97 Prozent bei einem Blindtest nicht zwischen KI-generierter Musik und von Menschen komponierter Musik unterscheiden. „Es wird immer schwieriger. Die Beispiele, die ich gehört habe, waren wirklich sehr gut“, gibt auch Egermann zu. Überraschend sei das nicht. „Unsere Computersysteme sind heutzutage einfach extrem leistungsfähig“, sagt der Experte. Die KI könne in kürzester Zeit mit Tausenden Audiodateien gefüttert werden, aus denen sie musikalische Muster erkenne und nachbilde.
Wie erkenne ich KI-Musik ohne Kennzeichnung?
Wer KI-Songs von menschengemachter Musik unterscheiden will, sollte besonders auf die Tonqualität, den Gesang und das Zusammenspiel verschiedener Instrumente achten, rät Egermann. Wenn etwas holprig oder nicht ganz stimmig klinge, könnte eine KI dahinterstecken. Doch selbst dafür brauche es heutzutage ein geschultes Gehör. Gewissheit liefert in der Regel erst eine nähere Recherche oder zumindest ein Klick auf das Profil des vermeintlichen Musikers. Was futuristisch klingt, aber im K-Pop bereits Realität ist, sind virtuelle Artists. So besteht beispielsweise die Girlgroup „Mave“ aus digitalen Avataren, deren Stimmen und Auftritte komplett mit künstlicher Intelligenz geschaffen wurden. Dass sich solche Konzepte beim breiten Publikum durchsetzen, ist momentan noch schwer vorstellbar.
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Egermann zufolge werden künstlich generierte Lieder in Zukunft „einen großen Raum einnehmen“. Insbesondere denkt der Experte dabei an funktionale Musik: Songs, die im Hintergrund laufen – im Café, im Aufzug, im Fitnessstudio – und einen bestimmten Zweck erfüllen. „Ich glaube, in dem Bereich wird KI-Musik zunehmend Akzeptanz finden“, sagt der Musikpsychologe.
Fans wollen ein Gesamtpaket – und Emotionen
Im Kontrast dazu steht die Musik, die der Hörer bewusst auswählt. Wo es nicht nur um akustische Berieselung geht, sondern um Persönlichkeit – und echte Emotionen. Denn diese kann die KI (noch) nicht eins zu eins kopieren. Die aktuellen KI-Modelle sind laut Hauke Egermann besonders gut darin, die Musik zu reproduzieren, die es bereits gibt. Zwar könnten die Systeme aus dieser gigantischen Datenbank auch völlig neue Stücke kombinieren. Was die KI jedoch nicht hinzufügen könne, sind gewisse Gefühle.
Der Lieblingsband zujubeln, zur Live-Musik tanzen, den Sänger durchs Publikum surfen lassen – all die Momente, die offline stattfinden kann die KI nicht erzeugen
Eine KI kann weder den Schmerz nach einem Beziehungsende noch die Trauer über den Tod der Mutter oder die Nostalgie längst vergangener Kindheitstage empfinden. All die Emotionen, die menschliche Musiker zu berührenden Songs inspirieren, bleiben – zumindest momentan noch – den Menschen vorbehalten. Deshalb werden menschliche Künstler weiterhin eine große Rolle spielen. „Wir wollen das Gesamtpaket: Jemanden sehen und hören, auf ein Konzert gehen, uns mit anderen Fans austauschen“, sagt Egermann. Ob digitale Avatare diese Erlebnisse jemals ersetzen können, sei fraglich. Eine leblose Spotify-Playlist, selbst wenn sie noch so gut zum persönlichen Musikgeschmack passt, kann es jedenfalls nicht.