AI-Musik
Können Sie heraushören, dass hier kein Mensch singt?

  • von Oliver vom Hofe
Die AI-Band The Velvet Sundown
Die vermeintliche Band The Velvet Sundown war einer der ersten großen AI-Fakes, der aufflog – die Fotos sahen zu künstlich aus. Aber Millionen streamten die Musik, ohne etwas zu ahnen
© Screenshot Instagram
Testen Sie sich selbst: Diese Lieder und Künstler wurden mit einer AI erschaffen – und Millionen Menschen sind darauf hereingefallen. Hören Sie den Unterschied heraus?

Mindestens 50.000 Songs, die aus der Retorte stammen, werden auf den Streamingdiensten hochgeladen – täglich. Vieles davon wird millionenfach gestreamt, geliked, geteilt, und niemand ahnt, dass er sich gerade von einem AI-Produkt das Herz erwärmen lässt. Umso größer sind Enttäuschung und Empörung, wenn die Täuschung auffliegt: etwa im Fall der „Soul-Sängerin“ Sienna Rose oder der „Band“ Velvet Sundown. Denn so täuschend meschlich die Musik oft klingt – Künstler, die niemals auf Tour gehen und Interviews geben, stehen mittlerweile ganz schnell unter AI-Verdacht.

AI ist in der Musik allgegenwärtig

Aber ist es tatsächlich unmöglich, AI-Musik zu erkennen, ist die Software bereits so gut? Mit bestimmter Software lassen sich digitale Künstler bereits gut identifizieren, aber man kann auch sein Gehör trainieren. Zugegeben, die fünf folgenden Beispiele sind schon recht perfekt, aber wer sehr genau hinhört, erkennt vielleicht einige der Sound-Artefakte, die besonders bei hundertprozentigen AI-Songs entstehen. Der Gesang klingt dann einen Hauch zu schrill und zischend, vor allem in den Höhen. Gewisse Instrumente wie Piano oder Gitarre können bei hohen Tönen ebenfalls körperlos wirken. Schließen Sie die Augen, hören Sie kurz rein und trainieren Sie Ihren AI-Detektor.

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1. The Velvet Sundown: Dust On The Wind

Ganz ehrlich: Hätten Sie erkannt, dass der Seventies-Rock mit der akustischen Gitarre à la Neil Young nur ein Computerprodukt ist? Viele sind darauf hereingefallen: „Der samtene Sonnenuntergang“, so der Bandname auf Deutsch, gelangte in den englischen Streaming-Charts von Spotify mit diesem Song sogar auf Platz eins.

Doch bald nach dem Erscheinen auf Spotify im Juni 2025 wunderten sich immer mehr Fans über die Bandfotos, die computergeneriert wirkten, und fanden heraus, dass es im weltweiten Internet kaum etwas über die Band herauszufinden gibt. Dann förderten Musikproduzenten noch etwas Seltsames zutage: Klang-Artefakte. Wenn man den Song mit einer speziellen AI in seine Einzelteile zerlegte – Gesang, Gitarre, Keyboards, Bass, Schlagzeug –, dann erklangen auf den einzelnen Tonspuren Nebengeräusche. Diese sogenannten Artefakte entstehen, wenn eine künstliche Intelligenz den Song generiert.

Die Band beteuerte auf Spotify immer ihre Unschuld, doch der Betrug endete auf einer lustigen Note: Ein gewisser Andrew Frelon tauchte auf und gestand, alles sei bloß ein AI-Fake, und er selbst stecke dahinter. Kurz darauf meldete sich ein Anonymus über das Spotify-Profil von The Velvet Sundown: Frelon habe nichts mit der Band zu tun, diese sei ein „synthetisches Musikprojekt, angeleitet von einer menschlichen, kreativen Direktion“. Da hatte wohl jemand Angst, Frelon könnte Anspruch auf die Streaming-Einnahmen erheben.

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2. Jacub: Jag vet, du är inte min

Zarte Gitarren, ein sehnsuchtsvolles Tremolo in der Stimme, als der Sänger auf Schwedisch seiner verlorenen Liebe hinterhersingt „Ich weiß, du gehörst nicht mir …“ Schweden konnte dem Sänger Jacub und seinem gewisperten Leid nicht widerstehen und streamte das Folk-Pop-Stück bis ganz nach oben auf Platz eins der Charts. Die Romanze zwischen Star und Publikum währte aber nur kurz: Der Junggeselle wurde als AI entlarvt – und die schwedische Musikorganisation IFPI verbannte den Song Anfang Januar aus der Hitparade.

Der Investigativ-Journalist Emanuel Karsten stöberte Jacubs Schöpfer bei der dänischen Musik- und AI-Firma Stellar Music auf. Schließlich gaben sie ihm sogar ein außergewöhnlich offenherziges Mail-Interview: AI sei für sie nichts anderes als ein neues Werkzeug oder Instrument in einem von Menschen kontrollierten Prozess. „Das Team hinter Jacub besteht aus erfahrenen Musikschaffenden, Songwritern und Produzenten, die viel Zeit, Sorgfalt, Emotionen und Geld investiert haben.“ Aber ob Jacub damit auch schon eine reale Person sei? Die Antwort von Stellar Music hätte von einer AI stammen können: „Das kommt auf die Definition an.“

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3. Sienna Rose: Into The Blue

Mehr als 13 Millionen Streams auf Spotify – die Soul-Ballade „Into The Blue“ ist der wohl erfolgreichste AI-Song des vergangenen Jahres. Wobei: Bislang hat sich noch niemand dazu bekannt, dass er oder sie hinter Sienna Rose stecken, ein letzter Beweis fehlt also noch. Doch die Indizien, dass die hübsche Soul-Sängerin gar kein Mensch ist, sind erdrückend. Der Streamingdienst Deezer, der sich anders als andere Anbieter von AI-Musik distanziert, hat ihre Musik jedenfalls als künstlich identifiziert und gelabelt.

Und der Verdacht scheint berechtigt: Obwohl Fans und Kritiker im Netz nach Sienna Rose fahndeten, hat sich die Frau mit dem norwegischen Instagram-Profil nicht gemeldet. Weder hat man sie jemals live gesehen, noch ist sie auf Social Media besonders aktiv. Ihre Kurz-Videos strotzen vor kleinen AI-Fehlern, etwa wenn sich Ringe an ihren Fingern auflösen und wieder materialisieren. Laut einem Team von „Trasherche“ führen Spuren im Netz von Sienna Rose zu zwei norwegischen Musik- und AI-Produzenten, Maksim Murajov und Hafsteinn Runarsson. Konfrontiert mit der Recherche haben die beiden die künstlerische Urheberschaft aber nicht anerkannt.

Erschreckend: Musik und Stimme sind es kaum anzuhören, dass Sienna Rose AI ist – zunächst. Hört man allerdings ein Dutzend der sehr soften, sehr ätherisch und sehr dahingehaucht wirkenden Songs nacheinander an und dabei sehr gut hin, dann stellt sich ein seltsames Musikerlebnis ein: ein Wohlklang, der zu gleichförmig schön ist, um wahr zu sein.

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4. Breaking Rust: Walk My Walk

Ende vergangenen Jahres ging ein Aufschrei durch die Country-Music-Community: „Walk My Walk“ von Breaking Rust war der erste AI-Song auf Platz eins der Country-Charts! Tatsächlich war das Lied nur kurz die Nummer eins der Downloads gewesen, aber der Kulturschock war nicht wieder rückgängig zu machen.

Auch hier hatten Fans und Hörer herauszufinden versucht, wer hinter dem Typen mit der whiskeygegerbten Stimme und dem Cowboyhut steckt, der im Video zwischen brennenden Autowracks unbeirrt seinen Weg geht. Bis heute erreichte er damit mehr als 22 Millionen Streams, aber auch von ihm fand sich sonst kaum eine Spur – weder im Netz, noch auf Bühnen oder in Publikationen.

Doch vielleicht gibt es Breaking Rust tatsächlich, und er ist nur ein Kauz. In der Song-Info auf YouTube schreibt er: „I Don’t Give A Damn Who Don’t Like Me“ – „Mir egal, wer mich nicht mag“. Damit meint er wahrscheinlich den Userkommentar direkt darunter: „Er muss ganz schön viele digitale Zigaretten gequalmt haben, um so eine rauchige Stimme zu bekommen.“

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5. Xania Monet: How Was I Supposed To Know

Ein Blick in einen der Kurzfilme von Xania Monet, und es wird sofort klar: Diese Frau ist nicht von dieser Welt. Aber dieser Fall von AI-Musik liegt etwas anders – und zeigt, wie in Zukunft Musik gemacht wird. Denn Telisha Jones, die Schöpferin von Xania Monet, hat immer zugegeben, dass diese nur ein Avatar ist. Aber: „Ich betrachte sie als eine reale Person.“ Das hat Jones zur Multimillionärin gemacht.

Die Amerikanerin führte einen Print-Shop zum Bedrucken von Shirts und Werbeartikeln, als sie sich 2025 zum ersten Mal mit AI auseinandersetzte. Binnen vier Monaten brachte sie sich bei, wie man Bilder, Kurzfilme und Musik produzierte, und erschuf ihren Avatar, den sie Xania Monet taufte. Die Texte schreibt Telisha Jones selbst und „komponiert“ dann mit dem Programm Suno dazu die Musik. So geht der Soul-Song „How Was I Supposed To Know“ auf den Tod ihres Vaters zurück, als sie noch ein kleines Mädchen war. Vielleicht sorgte diese sehr menschliche Note für den Erfolg: Das Stück eroberte gleich diverse Hitparaden der US-Billboard-Charts und wurde millionenfach gestreamt. Und Telisha Jones wurde zu einem Phänomen, das in Talkshows dem verblüfften Publikum zeigte, wie leicht man mit dem Laptop ein Kunstgeschöpf kreiert.

Und das ist erst der Anfang: Labels überboten sich, um Telisha Jones unter Vertrag zu nehmen, sie unterschrieb für drei Millionen Dollar. Und sagt: „Wenn Neuerungen auftreten, hat die Welt zwei Optionen: Bekämpfe sie oder passe dich an. Am Ende … passen sich alle an.“

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