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Musikwettbewerb: China sucht das Super Girl

Rund 200 Millionen Menschen saßen vor dem Fernseher, als der Sieger der chinesischen Variante von "Deutschland sucht den Superstar" gekürt wurde. Doch das neue "Super Girl" verwirrt ihre Landsleute.

Es war eine kleine Revolution. Die 21-jährige Li Yuchun ist keine Schönheit, singt nicht besonders und scheint das unauffällige Mädchen von nebenan zu sein. Doch ist Li Yuchun das chinesische "Super Girl". 3,52 Millionen Chinesen haben die junge Frau im Finale des großen Talentwettbewerbs zum neuen Pop-Idol gekürt und chinesische Fernsehgeschichte geschrieben. Doch rätseln jetzt Millionen: "Was ist ihr Geheimnis?" Denn auf den ersten Blick ist Li Yuchun mit ihrem struppigen Kurzhaarschnitt weder eindeutig als junge Frau noch als junger Mann zu identifizieren.

Vielleicht ist aber ihr Erfolgsrezept genau dieses androgyne Aussehen, das traditionelle chinesische Schönheitsideale auf den Kopf stellt. So feierten Feministen den Sieg von Li Yuchun als Zeichen, dass Chinas Männer nicht mehr alleine bestimmen können, wie Frauen sich kleiden und wie sie aussehen sollen. Seit Wochen hatten hysterische Fans mit Aktionen in Einkaufszentren und Plakaten für ihr "Super Girl" geworben. Täglich gab der Monate dauernde Wettbewerb Gesprächsstoff in Büros, Familien oder Restaurants. Im Finale konnten die Chinesen selbst per SMS-Kurznachricht abstimmen.

"Zeichen für die Öffnung unserer Gesellschaft"

Die Show habe "eine Schneise für kulturelle Demokratie geschlagen", wurde der Kulturkritiker Zhu Dake zitiert. "Es ist ein gigantisches Spiel, das viele Menschen in eine Wahleuphorie gerissen hat, die ein Zeichen für die Öffnung unserer Gesellschaft ist." Jeder konnte mitmachen, so dass die Vorrunden mit ungelenken Möchtegern-Stars eher auf Reality-TV-Niveau lagen. Manche Kritiker fanden das vulgär, doch argumentierten Medienwissenschaftler, es befriedige den Wunsch, sich selbst darzustellen und seine Gefühle rauszulassen.

Die Show orientierte sich wie "Deutschland sucht den Superstar" an dem US-Vorbild "American Idol". Zeitungen feierten den "Triumph der Massen, sich von der Ästhetik der Elite loszureißen, die das Unterhaltungsgeschäft des Landes stranguliert". Der Wettbewerb rücke von der Norm ab, was die Popularität erkläre. Revolutionär war auch die Einschaltquote. Das vom Provinzsender aus Hunan ausgestrahlte Finale soll mit landesweit 200 Millionen Zuschauer mehr Menschen erreicht haben als sonst die Neujahrsgala des zentralen Staatsfernsehens am Frühlingsfest, dem jährlichen Höhepunkt des elitären, althergebrachten Fernsehbetriebs.

Kleine, demokratische Schönheitsrevolution

Doch fragte die Tageszeitung "China Daily": "Wie kann diese Kopie eines demokratischen Systems damit enden, dass die Sängerin gewählt wird, die am wenigsten einen Ton halten kann?" So wurde argumentiert, Li Yuchun ähnele den unter Jugendlichen populären Cartoon-Figuren. Andere dachten gar etwas verquer, dass sich Zuschauerinnen vielleicht zu der einen Kandidatin hingezogen fühlten, die am männlichsten aussehe, da keine Männer zu Wahl standen. Am Ende läuft aber alles eher auf eine kleine, demokratische Schönheitsrevolution hinaus.

Das burschikose "Super Girl" mit dem fransigen Stufenhaarschnitt kann als Symbol der modernen chinesischen Popkultur gelten - eine Abkehr vom männlich dominierten Ideal traditioneller chinesischer Schönheit, weder langhaarig, hübsch und makellos glatt, noch süßlich oder dem Mann zu Diensten. "Oft sind es Männer, die Ästhetik monopolisieren, was aber in Wirklichkeit Frauen schadet", beklagte Li Yinhe, der in China als Kapazität für Geschlechterfragen gilt. Den androgynen Reiz des "Super-Girls" nutzten auch schon viele Stars wie Boy George und Michael Jackson, um Männer wie Frauen gleichermaßen anzusprechen, erklärte der Experte der "China Daily". "Jede demographische Gruppe hat das Recht, für ihren eigenen Schönheitsstandard zu werben, diesen aber nicht anderen aufzuzwingen."

Andreas Landwehr/DPA / DPA
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