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Neues Album "Bring mich nach Hause": Die dunklere Seite der Helden

Mit fröhlich-frechen Songs wurde die Pop-Band Wir sind Helden bekannt. Ihr neues Album "Bring Mich Nach Hause" zeigt eine andere, deutlich dunklere Seite. Melancholie ist das beherrschende Gefühl.

So sehnsuchtsvoll klangen die Helden noch nie. Im Titelsong "Bring mich nach Hause" singt Judith Holofernes berührend von dem Wunsch nach einem Freund, der sie heim bringt. Das Piano klingt genauso traurig. "Ich bin schon zu lange hier draußen" klagt die Stimme wehmütig. "Und dort auf der Schwelle will ich verbluten, wenn ich still bin, soll der Regen jede Zelle umfluten" - solch düstere Zeilen hat man von den vier Musikern bislang nicht gehört.

Drei Jahre Baby- und Kreativpause haben sich Holofernes, ihr Mann und Schlagzeuger Pola Roy (34), Keyboarder und Gitarrist Jean-Michel Tourette (35) und Bassist Mark Tavassol (36) nach ihrem dritten Album "Soundso" genommen. Nun melden sie sich mit zwölf neuen Songs zurück - das Album "Bring mich nach Hause" erscheint an diesem Freitag. Kaum etwas erinnert an alte Hits wie "Müssen nur wollen", "Denkmal" oder "Gekommen um zu bleiben".

Angst, dass den Fans das Album zu dunkel ist, hat die Band nicht. "Ich weiß, dass unser Publikum wahnsinnig offen ist für melancholische Songs", sagt Holofernes, die inzwischen zweifache Mutter ist. Überfordert könnten höchstens diejenigen sein, die Wir sind Helden nur aus dem Radio kennen. "Und das ist nicht so schlimm", ergänzt die 33-Jährige - und gibt zu, dass sie schon jetzt wieder Lust hat, fröhliche und alberne Songs zu schreiben, "zu denen Leute auch wieder rumhüpfen werden".

Ein bisschen Rumhüpfen ist aber auch mit dem neuen Album möglich. So klingt "Was uns beiden gehört" sehr nach Balkan-Pop, das Lied "Kreise" lebt von einem lebendigen Gitarren- und Schlagzeugsound, der zum Tanzen auffordert. Musikalisch haben sich die Vier neue Herausforderungen gesucht: Zupfinstrumente wie Banjo und Ukulele, Akkordeon und das Percussioninstrument Cuica. "Wir wollten, dass es noch bandmäßiger klingt, wir wollten echte Instrumente", erklärt Holofernes, und Tourette ergänzt: "Obwohl wir das teilweise - wie bei mir das Akkordeon - nicht wirklich gut spielen können."

Die Texte der Songs stimmen meist nachdenklich, manche bringen den Zuhörer aber auch zum Schmunzeln. So erzählt "Die Ballade von Wolfgang und Brigitte" auf eine äußerst charmante Art von freier und unerfüllter Liebe. Eine Gruppe von Freunden trifft sich und genießt das Leben, die Gefühle der einzelnen bleiben dabei aber meist unerfüllt. "Für das Wahre, Schöne, Gute, will jeder gerne bluten und fühlen, was es zu fühlen gibt. Es war alles schön und gut, es gibt nichts, was man nicht tut, aber Wolfgang hat Brigitte geliebt (...) aber Brigitte hat Irene geliebt (...) aber Manfred hat Gabi geliebt (...) aber Gabi hat Wolfgang geliebt (...) aber Dieter hat Reinhard geliebt (...)".

"Ich hatte dieses Mal große Lust, Geschichten zu erzählen", sagt die Sängerin, die ihre langen dunkelblonden Haare beim Gespräch offen trägt. Neben der "Ballade von Wolfgang und Brigitte", die sie als Gemisch aus vielen Geschichten ihrer 70er-Jahre-Kindheit beschreibt, seien sehr persönliche Sachen dabei.

Die Songs hat die Band zum ersten Mal in ihrer Geschichte live im Studio eingespielt. Als Produzenten wählte sie den Engländer Ian Davenport. "Das war eine ganz bewusste Entscheidung. Wir wollten was Neues ausprobieren", erklärt Tourette. Dass Davenport kaum Deutsch kann, sorgte allerdings auch für Missverständnisse. Der Unterschied zwischen sehnsüchtig und sexsüchtig sei ihm zum Beispiel nicht so klar gewesen, sagt der Gitarrist. "Meine häufigste Gesangsanweisung war sexsüchtig und wechmüchtig zu singen, was auch ganz gut den Kern des Albums spiegelt", ergänzt Holofernes und lacht.

Helen Hoffmann, DPA / DPA