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Elektro-Pop: Helden? Verehrung!

Ihr Name ist Programm: Mit Witz wehrt sich die Band "Wir sind Helden" gegen Konsumterror und Opportunismus.

Judith pustet Ameisen von der Resopal-Tischplatte. Mark malt seinem Kollegen Pola mit dem Kuli einen kleinen Anker auf den Unterarm. Beinah verträumt wirken die Herrschaften in den verwaschenen T-Shirts, die da in ihrem Kreuzberger Stammcafé sitzen. Aber der Eindruck täuscht: Sie sind Helden.

Helden, weil sie es geschafft haben, dass ihr Video auf MTV lief, obwohl sie nicht einmal einen Plattenvertrag hatten. Helden, weil sie das Video ohne Geld in ihrem Übungsraum drehten. Helden, weil der Song "Guten Tag (Die Reklamation)" so schnell und schnörkellos abgeht wie lange kein Stück deutscher Popmusik. Den Refrain kann man sich auch gut an Häuserwände gesprüht vorstellen: "Ich kauf nichts mehr, ich will mein Leben zurück."

Der Hype des Sommers

Schon die ersten Takte dieses Drei-Minuten-Wunders erinnern an die goldenen Zeiten des deutschen New Wave, an Ideal, Fehlfarben und DAF. Rumpelndes Schlagzeug, zickiger Synthie, Schrammelgitarre. Und Judith Holofernes singt: "Meine Fäuste gegen eure Nagelpflegelotion." Ihre Augen sind blau und ihre Texte Appelle zur Konsumverweigerung. Da wurde auch eine Plattenfirma sentimental. Nun sind "Wir sind Helden" der Hype des Sommers - und Helden der Arbeit.

"Arbeit", findet Judith trotzdem, "wird überbewertet. Als hauptsinnstiftendes Modell hat sie ausgedient." Nicht nur, weil es immer weniger davon gibt, sondern auch, weil diejenigen, die welche haben, "von ihrem Geld versklavt werden aus Angst, es könnte weniger werden". Für sich selbst legt sie Wert auf Einfachheit, "studentischer Lebensstil" und eine Einzimmerwohnung genügen.

"Eher ein Hippie"

Im Zuge des schwelenden 80er-Revivals trifft die 26-Jährige damit den richtigen Ton - aber nicht aus Kalkül. Judith Holofernes, geboren in Berlin, aufgewachsen in Freiburg, fühlt sich "eher als Hippie", bewundert Patti Smith und Tom Verlaine. Seit sie 14 ist, hat sie Straßenmusik gemacht, Songs von David Bowie mit Gitarre und Cello gespielt. Ihre Bandkollegen lernte sie bei einem Kontaktstudiengang der Hamburger Musikhochschule kennen: "Es war wie Verliebtsein im Ferienlager."

Reklamation statt Revolution

Seitdem führen die Helden eine Fernbeziehung zwischen ihren Wohnorten Hamburg, Hannover und Berlin. Und üben sich in lässiger Konsumkritik. Sie finden: Wer tatsächlich glaubt, ein Leben wie aus dem Lifestyle-Magazin führen zu müssen, ist selbst schuld. Die Band hat nichts übrig für all diese Bilder von tollen Karrieren, tollen Wohnungen, tollen Klamotten, tollen Partys. Aber es ist ein fröhlicher Überdruss. Reklamation heißt eben nicht gleich Revolution.

Ralph Geisenhanslüke

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