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Niedersachsen im Festival-Fieber: "Hurricane" wirbelt Scheeßel auf

Von wegen Ruhe im Auge des "Hurricane". Etwa 70 000 Besucher haben auf dem Festival im niedersächsischen Scheeßel Pop- und Rockgrößen wie Mando Diao, die Beatsteaks und Billy Talent gefeiert.

Scheeßel in Niedersachsen ist ein friedliches Fleckchen: 13 000 Einwohner, ein paar Geschäfte, viel Wald und grüne Wiesen. Doch seit einigen Tagen spielt sich Sonderbares vor den Augen der gemütlich grasenden Kühe ab. Dreckverschmierte Menschen in Gummistiefeln stapfen über Stoppelfelder, die mit bunten Zelten übersät sind. Laute Gitarrenmusik und das Gegröle Betrunkener hallt über das platte Land. Es ist wieder "Hurricane"-Zeit in Scheeßel.

Einmal im Jahr verwandelt sich die Motorradrennbahn des Ortes, der Eichenring, in eine Pilgerstätte für zehntausende Musikfans. Zur 14. Ausgabe an diesem Wochenende kamen etwa 70 000 Besucher, um Rock- und Pop-Größen wie Mando Diao, Beatsteaks, Billy Talent, Massive Attack, The Strokes und The Prodigy zu sehen. Knapp 80 Konzerte auf vier Bühnen standen auf dem Programm, was die Zuschauer zuweilen vor die Qual der Wahl stellte. Denn die Auftritte begehrter Bands überschnitten sich zum Teil oder liefen sogar gleichzeitig.

Sobald ein Act zu Ende war, rannten deshalb viele fluchtartig über das 35 000 Quadratmeter große Gelände zur nächsten Bühne. Mit dem Ergebnis, dass sich in der Mitte alles staute. Die meisten Besucher nahmen das elendige Geschiebe mit Humor. Festivals muss man halt mögen - genauso wie warmes Bier, Dosenravioli und Grillfleisch zum Frühstück, Schlangen vor den mobilen Toiletten und Zelte zwischen Müllbergen.

Doch gerade das macht für viele den Charme aus. "Ich bin vor allen Dingen wegen der Atmosphäre gekommen. Hier kann man mit jedem feiern", erzählt Andy Pesch. Der 30-jährige Belgier ist bereits zum vierten Mal beim "Hurricane" dabei. "Aber fürs Campen bin ich langsam zu alt. Nächstes Jahr komme ich mit dem Wohnwagen." Wichtig ist vor allem die richtige Ausrüstung. Neben Bier und Grill gehören robuste Schuhe, Regenjacken, Ohrstöpsel, verrückte Kostüme und auffällige Hüte zur Grundausstattung.

Nachschub gibt es in der etwa zwei Kilometer entfernten Ortsmitte, wo die hungrigen Horden schon nach dem Aufstehen einfallen. "Sie kaufen hauptsächlich Bier, Toast, Grillsachen, Pappteller und dieses Jahr auch ein bisschen Obst", zählt die Supermarkt-Angestellte Katja Kaminski auf. "Die Einweggrills sind aber schon aus." Dabei ist es gerade erst Mittag. Ständig muss Kaminski die Regale auffüllen, die Schlangen an der Kasse ziehen sich durch das gesamte Geschäft.

Auch bei der Apotheke ist einiges los. "Der Renner sind Anti- Allergika, gefolgt von Schmerzmitteln aller Art", sagt Besitzer Hans- Erik Meyer. Und das Freibad freut sich über außergewöhnlich viele Besucher - dank der sauberen Duschen. In Scheeßel ist das "Hurricane" längst Kult. Trotz Drecks und Lärms, die Einwohner freuen sich jedes Jahr wieder auf Norddeutschlands größtes Musikfestival. "Es tut einem kleinen Ort gut, dass da mal so ein "Hurricane" durchfegt", sagt Meyer und grinst.

Irena Güttel, DPA / DPA