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Orffs "Prometheus" bei der Ruhrtriennale Altgriechische Rebellion in Zeitlupe


Die Ruhrtriennale mutet den Zuschauern einiges zu. Carl Orffs monströser "Prometheus" wird zum Beispiel konsequent auf Altgriechisch präsentiert. Gesungen wird auch nur selten.

Im Programmbuch der Ruhrtriennale kann man nachlesen, dass es keinen Grund gebe, dem Zuschauer "Komplexität zu ersparen". Wie ernst es den Festival-Machern damit ist, war am Sonntagabend in der Duisburger Kraftzentrale bei der Premiere von Carl Orffs "Prometheus" zu erleben. Zweieinhalb Stunden antikes Deklamationstheater von Aischylos auf Altgriechisch ohne Übertitelung wurde den Premierenbesuchern aufgebürdet. Das war einigen zu viel. Bereits nach 30 Minuten wanderten die ersten ab.

Carl Orffs "Prometheus" ist nicht ohne Grund seit seiner Uraufführung 1968 fast nie gespielt worden, denn das Werk ist ein Monstrum: Im Orchester wird ein gigantisches Schlagzeug-Arsenal mit Perkussionsinstrumenten aus allen Erdteilen aufgeboten. Dafür gibt es keine Streicher außer neun Kontrabässen. Hinzu kommen vier Klaviere, vier Harfen, zwei Orgeln und Bläser. Mit dem Orchester entfacht Orff vorwiegend archaisch stampfende Klänge, die in ihrer Monotonie an Prinzipien der Minimal Music erinnern.

Sprechgesang ohne vorgeschriebene Tonhöhe

Ferner kommt ein Frauenchor zum Einsatz, der dem dröhnenden Schlagapparat ätherische Klänge entgegensetzt, und wenige Sänger-Schauspieler, die überwiegend deklamieren und selten singen. Das gilt vor allem für die Titelfigur des Prometheus, dessen Sprechgesangs-Part von Orff in den Tonhöhen nicht festgeschrieben wurde.

Der Bariton Wolfgang Newerla erfüllt die Anforderungen dieses gewaltigen Parts mit Bravour und stoischer Beharrungskraft, zumal er fast den ganzen Abend über reglos auf einer Bank sitzen und seine Bühnenpräsenz allein in seinen stimmlichen Ausdruck verlegen muss.

Keine Handlungen im üblichen Sinne

Die Bühne des 170 Meter langen Raums besteht aus einem in die Tiefe hinein gebauten Podest, das wie eine schwarze Wasserfläche wirkt und durch grüne Neon-Stäbe von unten beleuchtet werden kann. Der in Samoa geborene Choreograf Lemi Ponifasio, der den Abend unter Mitwirkung seiner Performance-Truppe MAU inszenierte, war auch für die Ausstattung zuständig. Überwiegend im Halbdunkel lässt Ponifasio seine Darsteller meistens statuarisch verharren oder in Zeitlupe ritualisierte Gänge und Gesten exerzieren. Eine Handlung im üblichen Sinne kommt so nicht zustande, eher ein Bilderreigen.

Vom Mythos des Prometheus, der gegen die Götter rebellierte und an einen Felsen gekettet wurde, ist konkret nichts zu sehen. Als David Bennent gegen Ende mit sägender Stimme und tierhafter Körperpräsenz als Hermes auftaucht, wird die Aufmerksamkeit noch einmal kurz gefordert, bevor alles wieder im archaischen Ritual erstarrt.

Wie immer bei der Ruhrtriennale ist auch "Prometheus" technisch brillant, das Orchester unter der Leitung von Peter Rundel fabelhaft, ebenso der Chor und das Solistenensemble, aus dem neben Wolfgang Newerla vor allem Brigitte Pinters Io Inachis herausragt. Insgesamt aber ein Abend, der sich endlos zieht und seltsam leer bleibt.

Constanze Schmidt, DPA DPA

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