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Ruhrtriennale 2011: Percevals gestraffter "Macbeth" lässt Fragen offen

In Luk Percevals Inszenierung scheitern Macbeth und seine Gemahlin mehr an sich selbst als an ihren Gegnern. Das Stück bei der Ruhrtriennale ist nicht leicht zu verstehen. Es bleiben Fragen.

Shakespeares "Macbeth" ist wegen der starken Kürzungen und Aktualisierungen von Regisseur Luk Perceval nur schwer wiederzuerkennen. Aber das Publikum spendet nach der Premiere der Neuinszenierung bei der Ruhrtriennale am Freitagabend in der ausverkauften Maschinenhalle Zweckel in Gladbeck langen Beifall - wenn zunächst auch etwas zögerlich.

Die Halle, ein Industriedenkmal, bietet eine sehr lange Spielfläche, sie ist hoch, durch die neogotischen Spitzbogenfenster fällt anfangs Tageslicht, das schnell in Dämmerung und Nacht übergeht und so effektvoll den Abstieg Macbeths begleitet. An der Langseite gegenüber des Publikums hat Bühnenbildnerin Annette Kurz hunderte Tische aufeinandergestapelt. Ganz oben wird das Gleichgewicht prekär - wie in großer Höhe in der Machtsphäre. Unten liegen unzählige Stiefel durcheinander, sie erinnern an gefallene Soldaten, Opfer von Machtkämpfen.

Scheitern an der eigenen Sensibilität

Bruno Cathomas (Macbeth) und Maja Schöne (Lady Macbeth) tragen Kleidung von heute - es ist schwer zu entscheiden, ob sie Politiker sein sollen oder einfach Durchschnittsmenschen. Die radikal verkürzte Fassung von Luk Perceval arbeitet heraus, dass weder Macbeth noch seine Frau in der Lage sind, die Verbrechen, die sie auf ihr Gewissen geladen haben, kaltblütig zu tragen. Sie scheitern in dieser Fassung mehr an ihrer Sensibilität als an ihren Gegnern.

Gerade am Ende treten Macbeths Feinde, die sich im Exil gegen ihn zusammenschließen, gar nicht mehr auf - von ihnen wird nur gesprochen. Feinde sind eher neun nackte Tänzerinnen, die ihre Blöße mit knöchellangem Haar bedecken: Hexen, die wohl die Verlockungen der Macht verkörpern sollen.

Shakespeares dramtische Dynamik bleibt auf der Strecke

Es ist schwer, dieser ausgedünnten Fassung zu folgen, wenn man "Macbeth" nicht kennt. Gleichwohl hat das Spiel des Ensembles auch fesselnde Aspekte. Alle Auftritte wirken äußerst statuarisch. Es wird langsam, deutlich gesprochen - vor allem die großen Monologe kommen in ihrer Verdichtung klar über die Rampe. Auf der Strecke bleibt allerdings Shakespeares dramatische Dynamik, am Ende verlischt die Handlung.

Es bleibt undeutlich, wer mit Macbeth heute gemeint sein könnte. Vielleicht will Luk Perceval die Zeitgenossen davor warnen, um des Aufstiegs willen über Leichen zu gehen - wir könnten uns überschätzen, unsere Rücksichtslosigkeit könnte auf uns selbst zurückfallen und uns ins Verderben führen.

Luk Percevals Inszenierung wirft mehr Fragen auf als sie Antworten gibt. Der größte Star des Abends ist die Maschinenhalle Zweckel. Der Industrieraum wirkt in seiner Nüchternheit, als spiegele er die Unmenschlichkeit jener instrumentellen Vernunft, die Macbeth und seine Gemahlin ihrem Handeln zugrunde legen.

Ulrich Fischer, DPA / DPA
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