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"Die Brüder Karamasow" am Thalia-Theater: Missgunst, Verrat, Liebe und viel Applaus

Wuchtig hat Luk Perceval am Hamburger Thalia-Theater Dostojewskijs Roman "Die Brüder Karamasow" umgesetzt. Der vierstündigen Abend über letzte Menschheitsfragen erhielt bei der Premiere viel Beifall.

Geld, Lüsternheit und Liebe ohne Treue treiben die Menschen hier um - Gier, Hass und Verachtung prägen ihr Leben. Dabei sind diese Männer und Frauen Leidende bis auf den Grund ihrer schuldhaften, nach Reinheit dürstenden Seele. Gequält von ihrer Doppelnatur, suchen sie verzweifelt nach Sinn hinter allem Sein - nach Gott. "Wir sind verrucht und gut", sagt die laszive Gruschenka (Patrycia Ziolkowska) zum Offizier Dimitrij (Bernd Grawert), der seinen ihm verhassten Vater ermordet haben soll. Nach Dostojewskijs monumentalem, im Jahr 1880 vollendeten Altersroman "Die Brüder Karamasow" hat Luk Perceval, 55, am Hamburger Thalia-Theater ein düsteres, gedankenschweres Gerichtsstück geschaffen.

Bei der Premiere am Dienstagabend spendete das Publikum nach der vierstündigen Aufführung viel Beifall. Getragen wurde der eher statische, konzeptuell wirkende Abend von einem überwiegend grandiosen Ensemble, zu dem auch Burghart Klaußner als Vater sowie Alexander Simon (Aljoscha) und Jens Harzer (Iwan) als weitere, ungleiche Brüder gehören. Für das Werk über letzte Menschheitsfragen, das zugleich Familiendrama und Kampf der Geschlechter ist, ließ Perceval, belgischer Buddhist und Leitender Regisseur am Haus, von Annette Kurz ein eindrucksvolles Bühnenbild gestalten: einen kargen, hohen, nur spärlich beleuchteten Raum voller Metallröhren, der an einen Glockenturm erinnert und das gesprochene Wort hin und wieder zum Klingen bringt.

Kampf der Brüder, Kämpfe der Weltanschauungen

Eine große, schwere Glocke liegt am Boden, der gewellt und von russischen Schriftzeichen überzogen ist. Auf diesem Grund spielt die ursprünglich 1200 Romanseiten umfassende Geschichte des alten, verkommenen Fjodor Karamasow und seiner Söhne, zu denen wohl auch der dubiose Bedienstete Smerdjakow (Rafael Stachowiak) gehört. Der wurde geboren von einer Magd, die man "die Stinkende" nennt. Die drei Ältesten hatte Fjodor nach dem Tod ihrer Mütter abgeschoben. Nun kehren sie zurück und lernen sich erstmals kennen. Dimitrij, mit seiner Verlobten angereist, fordert sein Erbe, was der Vater zurückweist. Wie eine Ikone hockt er auf der Glocke. Als Dimitrij sich in Gruschenka verliebt, die der reiche Fjodor mit Geld zu sich locken will, konkurrieren Vater und Sohn um dieselbe Frau.

Seine Wut auf seinen Erzeuger schreit der grobschlächtig wirkende Älteste mit hochrotem Kopf heraus. Doch er bekennt: "Ich dürste nach Auferstehung und Erlösung." Sein Bruder Iwan war als Vermittler aus der Stadt mitgekommen, ihn quält nun eine Leidenschaft für Dimitrijs betrogene Verlobte. Ein atheistischer Intellektueller nach westlicher Art, sagt der spitzfindige Iwan mit hoher, nölender Stimme Sätze wie "Alles ist erlaubt" und "Ein Reptil verschlingt das andere Reptil. Beide haben recht." Bestenfalls seinen Fernsten könne man lieben - keinesfalls seinen Nächsten, da man den ja gut kenne. Der jüngste Bruder, Aljoscha, bislang Novize im Kloster, diskutiert seinen Glauben mit Iwan. "Lieben vor aller Logik", nennt er sein Credo.

Ulrike Cordes, DPA / DPA
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