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Sprachkultur: Sprechen Sie Dus?

Gerade Jugendliche neigen immer weniger zum schnellen "Du" - nur noch 48 Prozent können sich dafür begeistern. Die Wahl zwischen "Du" und "Sie" hängt von Dialekt, sozialer Stellung und dem Umfeld ab.

Duzen kann teuer werden. Der Berliner Grünen-Politiker Özcan Mutlu, Mitglied im Abgeordnetenhaus, musste vor kurzem für die falsche Anrede eines Polizisten 2000 Euro Geldstrafe zahlen. Duzen oder Siezen ist im Deutschen ohnehin eine heikle Sache. Wer zu schnell duzt, gilt als unhöflich - wer zu lange siezt, wirkt steif. Mit der viel diskutierten Rückkehr der alten Werte und nach dem Ende des Booms um die Internetfirmen, in denen man es lässig beim Vornamen hielt, geht es nun wieder etwas förmlicher zu.

Sah es in den 80er Jahren - nicht nur in Teeküchen und auf Friedensdemos - noch so aus, als könnte sich das "Du" als generelle Anrede immer mehr durchsetzen, hat das Institut für Demoskopie Allensbach 2003 eine Trendwende ausgemacht. Gerade die Jüngeren neigen wieder eher zum "Sie". Vor zehn Jahren sagten noch 59 Prozent der 16- bis 29-Jährigen, sie wechselten schnell zum "Du". Mittlerweile sind es nur noch 48 Prozent.

Dialekt, Umfeld und soziale Stellung spielen eine Rolle

Auch der Sprachwissenschaftler Lutz Kuntzsch von der Gesellschaft für Deutsche Sprache (Wiesbaden) hat den Trend beobachtet - und findet ihn gar nicht mal schlecht: "Eine Sie-Form bedeutet nicht nur ein distanziertes Verhältnis, sondern kann auch Respekt ausdrücken." Im Deutschen hängt die Entscheidung zwischen "Du" und "Sie" nicht nur vom Alter ab, sondern auch von Dialekt, sozialer Stellung und Umfeld.

Klassische "Du"-Zonen sind zum Beispiel das Theater, manche Universität, die Musikbranche und das Internet. Auch der Sport zählt dazu, wie beim mittlerweile legendären Dialog zwischen dem Team-Chef der deutschen Fußball-Mannschaft, Rudi Völler, und Fernsehmoderator Waldemar Hartmann, bei dem Völler einen Wutausbruch bekam, zu hören war: "Du sitzt da in deinem Stuhl, hast schon deine drei Weizenbiere getrunken". Mit dem Verbrüdern klappt es aber nicht immer. Das Projekt, am Rathaus des niedersächsischen Westerstede mit Schildern eine "Duz-Zone" einzurichten, dürfte wohl kaum bundesweit Schule machen.

Sonderformen: das "Hamburger Sie" und das "Kassiererinnen-Du"

Auch im 21. Jahrhundert gibt es noch Sonderformen. Was Kolumnist Max Goldt einmal als "Hamburger Sie" bezeichnet hat, kennt auch der Sprachwissenschaftler Werner Kallmeyer vom Institut für Deutsche Sprache (Mannheim). War die frühere Anrede für das Personal als Kombination von Vorname und "Sie" ("Minna, kommen Sie mal") lange verpönt, erlebt sie nun eine kleine Renaissance. Professoren gebrauchen sie für ihre Hilfskräfte, Eltern reden so die erwachsenen Freunde ihrer Kinder an. "In der Regel machen das nicht Gleichaltrige, Gleichrangige", sagt Kallmeyer.

Im Supermarkt lässt sich oft eine weitere Sonderform beobachten: Das "Kassiererinnen-Du", wie bei "Du Frau Meyer, was kosten die Zucchini?". "Meine Erklärung wäre, dass sich zwei Anforderungen überlappen", so Kallmeyer. Auf der einen Seite ist keine Vertraulichkeit vor Publikum erwünscht, zum anderen gibt es die Solidarität unter den Kollegen.

Ein Anrecht auf ein "Sie" am Arbeitsplatz gibt es übrigens nicht, wenn das "Du" zur Unternehmenskultur gehört. So urteilte das Landesarbeitsgericht Hamm 1998. Ein 45 Jahre alter Abteilungsleiter der Modekette Hennes & Mauritz hatte geklagt - weil er "kein junger Hüpfer" mehr sei.

Caroline Bock, DPA / DPA