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Udo Lindenberg und Jan Delay: "Wir haben den Nasensound"

Rocker und Rapper vereint: Udo Lindenberg und Jan Delay im exklusiven Gespräch über ihre Freundschaft, Nervenzusammenbrüche und die Teamarbeit auf der neuen Udo-Lindenberg-CD "Stark wie Zwei".

Von Hannes Ross und Oliver Fuchs

Herr Lindenberg, Herr Delay, was verbindet einen 61-jährigen Deutschrocker mit einem 31-jährigen Rapper?

Udo Lindenberg: Der nasale Sound. Jan und ich, wir haben die zugestopftesten Nasen der Republik. Bei mir wollte ja mal ein Doktor an die Nebenhöhlen ran, da hab ich gesagt, nee, bloß nichts machen. Mein Sound ist doch Gold wert. Genau wie Jans Stimme. Naturbelassen und zeitlos.
Jan Delay: Udo ist für mich der größte lebende deutsche Poet. Er war der Grund, warum ich angefangen habe zu singen.

Udo Lindenberg, Sie sind offenbar für viele Musiker ein Idol. Auf Ihrem neuen Album "Stark wie Zwei" sind außer Jan Delay auch Silbermond, Helge Schneider und Till Brönner vertreten ...

Lindenberg:

... das sind alles meine Soul- Brüder und Soul-Schwestern, vom Clan der Lindianer. Die haben gesagt, hey Udo, wann gibt's endlich was Neues, gib uns neuen Stoff, wir werden ganz zappelig ohne neue Linden-Songs.

Acht Jahre lang haben Sie nichts veröffentlicht. Hatten Sie die Lust an der Musik verloren?

Lindenberg: Überhaupt nicht. Aber als Gesamtjongleur hatte ich noch andere Sachen laufen: meine Malerei zum Beispiel, meine Revue mit Immigrantensongs aus den 20er und 30er Jahren und Rockfestivals gegen Rechtsradikalismus. Auf meinem neuen Album geht der Blick wieder mehr nach innen. Mit der Taschenlampe tief in die Seele. Es geht um Freundschaft, Liebe, Verlust. Aber logisch, es gibt auch ordentlich Straßenaction, locker wie ein Rocker.

Und Sie klingen wieder so wie zu Beginn Ihrer Karriere. Dabei galt der Popstar Udo Lindenberg als Auslaufmodell. Umso erstaunlicher, dass es jetzt ein Hauen und Stechen gab um die Vermarktungsrechte an Ihrer neuen Platte. Erfüllt Sie das mit Genugtuung?

Lindenberg:

Noch als wir im Studio waren, ging die frohe Kunde rum wie ein Lauffeuerchen. Mir war klar, wer darauf nicht anspringt, ist eine absolute Blindschleiche.

Herr Delay, Sie singen nicht nur ein Duett mit Udo Lindenberg, sondern haben ihn auch musikalisch beraten. Hatten Sie manchmal Angst, Ihrem Idol die Meinung zu sagen?

Delay:

Wir sind mal nachts mit dem Auto über den Kiez gefahren, und Udo hat mir Probeaufnahmen vorgespielt. Ich war total entsetzt. Beim Hören musste ich an einen langhaarigen Gitarristen mit nacktem Oberkörper auf einer Klippe denken. Die Haare wehen im Wind, er spielt ein Schrammel-Solo. Da meinte ich zu Udo: Sorry, aber das ist 80er-Jahre-Hitradio. Ich bin froh, dass er jetzt mit einer Platte zurückkommt, die einen richtig durchrockt, so wie früher. Die alte Udo-Welt.

Udo-Welt?

Delay: Na ja, diese geilen Geschichten eben über verschrobene Charaktere, die mal Gutes erleben und mal Schlechtes, aber immer vorgetragen in wunderschönen Harmonien. Ich weiß noch, wie ich als Sechsjähriger im Autozug nach Sylt saß und zum ersten Mal ein Lied von Udo gehört habe, von dem ich total geflasht war. Ich hatte zum ersten Mal das Gefühl, dass ich jemanden in meiner Sprache zu mir singen hörte. Da redete einer genau so, wie die Leute morgens aufstehen und fluchen, das echte Leben halt.

Auf dem neuen Album singen Sie offen über Ihre Alkoholexzesse. "Knietief im Whiskey, bis zum Nabel im Wodka", heißt es in dem Lied "Nasses Gold".

Lindenberg:

Beim Schreiben dieses Liedes habe ich ein bisschen mit Absinth gegurgelt, hat 80 Umdrehungen, ist auch gut für die Stimme. Aber nur ein Schlückchen und keine Mengenlehre.

Dabei dachten wir, Sie hätten dem Alkohol abgeschworen, nachdem Sie mal mit 4,7 Promille ins Krankenhaus eingeliefert wurden.

Lindenberg:

So viel trink ich heute nicht mehr. In der Dosis liegt das Gift. Heute bevorzuge ich gezielte Exzesse. Nena berät mich bei der Trennkost und der Kiez-Boxklub- Boss Hanne K. beim Kampfsport. Ansonsten rauche ich Zigarre. Natürlich können Drogen die künstlerische Arbeit befeuern, das weiß man von Goethe, Freud, Bukowski und vielen anderen. Aber die haben eben auch die Regel befolgt: Im Rausch schreiben, nüchtern gegenlesen.

Delay:

Wenn ich einen Text schreibe, will ich nicht an meine Steuererklärung denken oder an das komische Jucken unter der Achsel, ob da gerade ein Furunkel wächst. Da rauch ich was, um in meiner kleinen Künstlerwelt zu versinken.

Bei den Aufnahmen zu Ihrem jüngsten Album "Mercedes Dance" sind Sie so weit abgedriftet, dass Freunde Sie aus dem Studio tragen und in einen Zwangsurlaub schicken mussten. Was war da passiert?

Delay: Da war ich fast anderthalb Jahre fast jede Nacht im Studio. Es wurde richtig anstrengend, weil ich Perfektionist bin. Irgendwann war ich so verstrickt, dass ich für jede Entscheidung drei Stunden brauchte. An dem Punkt dachte ich, ich hab mir zu viel vorgenommen, ehe ich völlig wahnsinnig werde, gönne ich mir jetzt eine Pause.
Lindenberg: Solche Schaffenskrisen kenne ich gut, bei mir dauerte das Jahre, das war in den Neunzigern. Da ging ich mir selbst ein bisschen verloren. Ich merkte, wie ich älter wurde. Ein Teeniestar mit Gummihose und Rolle rückwärts konnte ich nicht mehr sein, und für den weisen Rock-Chansonnier war ich noch zu jung. Ich musste meine neue Rolle erst finden, gab ja keine Vorbilder. Ich wollte keine Karikatur von mir selber werden und mit 60 zum millionsten Mal den "Sonderzug nach Pankow" singen.
Delay: Irgendwann klang deine Musik belanglos. Ab Mitte der Achtziger hab ich deine Platten zwar noch gehört, aber berührt haben sie mich nicht mehr. Du wurdest ein bisschen müde und faul, oder?
Lindenberg: Ich hatte mich verzettelt, zu viele Projekte, zu viel Partytime. Es musste schnell gehen im Studio, weil ja schon der Flieger wartete nach Istanbul oder Moskau oder Leningrad, wo ich im Dienste der Völkerfreundschaft unterwegs war. Ich habe nicht mehr mit dieser Riesenleidenschaft monatelang im Studio gelebt und unterm Mischpult gepennt.

Sie sind beide bekennende linke Musiker. Wie macht man engagierte Kunst, ohne Günter Grass zu werden?

Delay: Na ja, wir waren jetzt nicht in der SS.
Lindenberg: Und auch nicht in der SPD. Wir sind unabhängig und überparteilich.
Delay: So wie Udo sich für die Friedensbewegung in den 80er Jahren starkgemacht hat, so engagiere ich mich heute für Attac oder spiele in Heiligendamm auf dem G-8-Gipfel. Das mache ich mit Herzblut. Es geht mir da um eine Form von Opposition, aber ich würde mich niemals mit einer Partei zusammentun. Ich finde es ohnehin besser, einfach meine Musik zu machen - und dann zum richtigen Augenblick meine politische Meinung kundzutun. Es ist besser, wenn man beides getrennt hält.

Herr Lindenberg, Sie verbindet seit den 70er Jahren eine Freundschaft mit Gerhard Schröder. Kurz nach Ende seiner Kanzlerschaft hat Schröder beim russischen Erdgasunternehmen Gazprom angeheuert. Vertrauen Sie Schröder noch?

Lindenberg:

Aber kein blindes Vertrauen. Eine Freundschaft muss immer neu gelebt werden. Wir haben uns nach dem Gazprom-Ding kritisch auseinandergesetzt, momentan ist der Kontakt nicht so intensiv, beide zu viel um die Ohren. Aber ich habe nicht vergessen: Er hat uns aus dem Irak-Desaster rausgehalten.

Im Oktober wollen Sie wieder auf große Deutschlandtournee gehen. Früher verpflichteten Sie Ihre Musiker, mit mindestens 1,0 Promille auf die Bühne zu gehen. Um das zu überprüfen, hatten Sie sich eigens ein Alkoholmessgerät von der Polizei besorgt.

Lindenberg: Damals war das Panikorchester unsicher an den Instrumenten. Ich habe gesagt, wenn ihr schon so viel in die Tinte greift, muss wenigstens das Feeling stimmen, damit rüberkommt, dass wir die geilste Band überhaupt sind. Und wenn ihr das nüchtern nicht glaubt, müsst ihr euch eben einen reinbrettern. Heute ist das nicht mehr nötig, sind inzwischen ja alle Profis.

Fliegen Ihnen heute eigentlich noch BHs und Höschen entgegen?

Lindenberg:

Ja, aber inzwischen sind die Höschen auch mal ein bisschen breiter.

Fühlen Sie sich noch sexy?

Lindenberg:

Man muss sich selber schon lecker finden, wenn man vor 50.000 Leuten steht und sich teuer beleuchten lässt. Ich kann mich in Frauen und in Männer verlieben, aber auch in mich selbst.

Haben Sie Angst vorm Älterwerden?

Lindenberg:

Nö, ich bin ja schon älter. Außerdem kenne ich viele Wunderärzte, die sagen, Udo, keine Panik, du hast mindestens noch 30 Jahre. Johannes Heesters ist 103 und steht noch auf der Bühne. Da bin ich ja ein Teenager dagegen, ein junger Hüpfer.

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Wie heißt der Film?
Hallo, seit langer Zeit bin ich auf der Suche nach einem Film, den ich vor ca. 25 Jahren gesehen habe. Es ist ein französischer Film von oder in der Art wie Eric Rohmer. Der Titel könnte "Betrug" oder ähnlich lauten. Es geht um eine Dreiecksgeschichte, bei der ein Mann von seiner Ehefrau und seinem besten Freund betrogen wird. Der Film erzählt seine Geschichte in Rückblenden und steigert die Spannung dadurch, dass der anfangs unwissende Zuschauer von Rückblende zu Rückblende mehr Informationen erhält, bis er gegen Ende sogar wissender ist als die Darsteller. Wie ein roter Faden zieht sich dabei die Frage durch den Film: Wer hat zu welchem Zeitpunkt was gewusst. - Ab wann wusste der betrogene Ehemann, dass er betrogen wurde? - Ab wann wussten die Betrüger, dass der Ehemann wusste, dass er betrogen wurde usw. Der Film beginnt äußerst langatmig. Wenn ich mich recht erinnere mit einer 20-minütigen fast statischen Kameraeinstellung. Zwei Personen (Ehefrau und Liebhaber) sitzen an einem Tisch eines sehr einfachen Restaurants. Aus dem Gespräch erfährt man, dass sie früher einmal ein Verhältnis hatten. Im Laufe der Unterhaltung verdichtet sich allmählich die Befürchtung, der Beste Freund/ Ehemann könnte eine Ahnung gehabt haben. Dann folgt die erste Rückblende. Dieses Prinzip von sich verdichtender Ahnung verstärkt sich immer mehr und verleiht dem Film eine - wie ich finde - einzigartige Dramaturgie. Wäre wundervoll, wenn jemand helfen könnte. Gruß Leo