HOME

TV-Tipp 16.12. Doku "Ruhestand im Rotlichtviertel": Alte Körper, rotes Viertel

Sie gehören zu den dienstältesten Huren Europas. Martine und Louise Fokkens haben 50 ihrer 70 Jahre in Amsterdam angeschafft. Ein einfühlsames Porträt über das Nicht-Loslassen-Können.

Geben Einblick in ihr Leben im Rotlichtviertel von Amsterdam: die Zwillingsschwestern Martine (l.) und Louise Fokkens (r.)

Geben Einblick in ihr Leben im Rotlichtviertel von Amsterdam: die Zwillingsschwestern Martine (l.) und Louise Fokkens (r.)

"Töte mich, ruft er dann. Ich mach das natürlich nicht." Martine Fokkens über einen Freier

"Ruhestand im Rotlichtviertel"
02:30 Uhr, Arte

DOKU Man hätte sich leicht darüber lustig machen können. Zwei siebzigjährige Zwillingsschwestern, nicht gerade dünn, das Fleisch sitzt schon etwas locker, tanzen im Blümchenkleid-Partnerlook durch das Amsterdamer Rotlichtviertel, scherzen mit den Passanten und wackeln mit ihrem ausladenden Busen. Eine von ihnen geht noch immer anschaffen, die andere hat gerade aufgegeben. Das Rheuma.

Es wäre ein katastrophal respektloser Film geworden. Rob Schröder und Gabrielle Provaas machen es besser, lassen den ganzen Krawall außen vor und porträtieren zwei Menschen, die im letzten Drittel ihres Lebens angekommen sind und nun zurückblicken auf das, was gut und das, was schlecht war.

Ich bin immer noch erstaunt und beeindruckt davon, wie viel Vertrauen Martine und Louise Fokkens den Filmemachern geschenkt haben, wie weit sie bereit waren, sich vor der Kamera nackt zu machen - körperlich, ja, aber vor allem auch seelisch. Da braucht es keinen Off-Kommentar, keinen Erzähler, der die Geschichte in eine gewünschte Bahn drängt, ihr gar eine Moral aufzwängen will. Nur eine Kamera, die die beiden Frauen an die Orte begleitet, die ihnen einmal wichtig waren und noch immer wichtig sind. Und sie einfach erzählen lässt: Über den Ehemann, der die erste "ins Fenster geprügelt" hat. Über den Kampf, ein eigenes zuhälterfreies Bordell zu eröffnen. Über die guten und die schlechten Männer. Und über die Scham, das eigene Kind zu Pflegeeltern gegeben zu haben.

Zurück bleibt eine seltsame Mischung aus Traurigkeit, Melancholie und Stolz auf die stille Würde dieser lauten, schlagfertigen Schwestern. "Ich würd's nicht nochmal tun", sagt Louise, "Für kein Geld der Welt. Ich hätt's auch anders schaffen können. Geschafft hätt ich's."

Ein TV-Tipp von Jens Wiesner, freier Autor beim stern. Wer mag, kann ihm hier auf Facebook oder auf Twitter folgen

Themen in diesem Artikel
Wie heißt der Film?
Hallo, seit langer Zeit bin ich auf der Suche nach einem Film, den ich vor ca. 25 Jahren gesehen habe. Es ist ein französischer Film von oder in der Art wie Eric Rohmer. Der Titel könnte "Betrug" oder ähnlich lauten. Es geht um eine Dreiecksgeschichte, bei der ein Mann von seiner Ehefrau und seinem besten Freund betrogen wird. Der Film erzählt seine Geschichte in Rückblenden und steigert die Spannung dadurch, dass der anfangs unwissende Zuschauer von Rückblende zu Rückblende mehr Informationen erhält, bis er gegen Ende sogar wissender ist als die Darsteller. Wie ein roter Faden zieht sich dabei die Frage durch den Film: Wer hat zu welchem Zeitpunkt was gewusst. - Ab wann wusste der betrogene Ehemann, dass er betrogen wurde? - Ab wann wussten die Betrüger, dass der Ehemann wusste, dass er betrogen wurde usw. Der Film beginnt äußerst langatmig. Wenn ich mich recht erinnere mit einer 20-minütigen fast statischen Kameraeinstellung. Zwei Personen (Ehefrau und Liebhaber) sitzen an einem Tisch eines sehr einfachen Restaurants. Aus dem Gespräch erfährt man, dass sie früher einmal ein Verhältnis hatten. Im Laufe der Unterhaltung verdichtet sich allmählich die Befürchtung, der Beste Freund/ Ehemann könnte eine Ahnung gehabt haben. Dann folgt die erste Rückblende. Dieses Prinzip von sich verdichtender Ahnung verstärkt sich immer mehr und verleiht dem Film eine - wie ich finde - einzigartige Dramaturgie. Wäre wundervoll, wenn jemand helfen könnte. Gruß Leo