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"Scarred": Offene Brüche, blutige Wunden

Mit "Jackass" hat der Popkultur-Sender MTV für Furore gesorgt. Typen, die sich selbst verstümmeln mit durchgeknallten Aktionen. Jetzt gibt es ein neues Format: "Scarred" zeigt die realen Folgen von halsbrecherischen Stunts: offene Brüche und weit aufklaffende Wunden.

Von Kathrin Buchner

Cody nimmt Anlauf, springt mit seinem Skateboard über die Treppe, achtzehn Stufen lang. Im Moment des Absprungs merkt er, dass er es nicht schafft. Er kickt das Board weg, um auf dem Absatz aufzukommen, rutscht aber die Stufen runter. Der Knöchel knickt um, als ob er an einem Gummiband befestigt wäre. Der Knochen springt heraus, Cody kauert am Boden, stöhnt vor Schmerzen, aus seinem Turnschuh läuft Blut.

Wieder und wieder wird der Sturz gezeigt, in Zeitlupe, aus verschiedenen Perspektiven. Das Hinsehen tut schon weh, weggucken kann man aber auch nicht. "Jede Narbe eine Geschichte", lautet der Slogan für die neue MTV-Sendung "Scarred". Sie zeigt die Folgen spektakulärer Funsport-Stunts. Das, was nach durchgeknallten Aktionen wirklich passieren kann. Ein Backstage-Report der ganz besonderen Art. An "Jackass" soll "Scarred" aber nicht anknüpfen. "'Jackass' zeigte, was passiert, wenn Stuntprofis ihre Arbeit tun. 'Scarred' zeigt, was passiert, wenn sich Privatpersonen in ihren Fähigkeiten überschätzen", sagt Elmar Giglinger, Senior Vice President von MTV und Viva.

Illuminierte Knochen auf Röntgenbildern

Offene Brüche, Löcher im Gesicht, weit aufklaffende Wunde, verdrehte Gliedmaßen - was man als Zuschauer sieht, ist schlimmer als jeder Splatter-Movie. Auch wenn die filmische Aufmachung einem Horrorstreifen gleicht, - illuminierte Knochen auf Röntgenbildern, spritzendes Blut -, ist es bittere Realität. Vor Schmerz verzerrte Gesichter in Nahaufnahme. BMX-Fahrer, Skateboarder und Inline-Skater werden nach ihren missglückten Kunststückchen mit dem Krankenwagen abtransportiert. Sie liegen an Schläuchen angeschlossen im Klinikbett. Manche sind nur knapp mit dem Leben davon gekommen.

So wie Yuri aus Kansas, der weder Helm noch sonstige Protektoren trug. Er rutschte über ein Treppengeländer, stürzte viereinhalb Meter in die Tiefe, knallte mit dem Hinterkopf auf den Betonboden. Ergebnis: Ein Hämatom zwischen Hirn und Schädel. Drei Tage lag er im künstlichen Koma. Er hat Glück, überhaupt noch zu leben. "Braucht ihr noch mehr, um einen Helm zu tragen?", fragt Moderator Jacoby Shaddix, dessen Körper lückenlos mit Tattoos und Piercings bedeckt ist. Gelegentlich wirkt die Show wie ein Werbefilm von einem Protektorenhersteller. Genau das ist beabsichtigt. "Wer einmal 'Scarred' gesehen hat, wird sich in Zukunft ganz genau überlegen, was er mit seinem Skateboard oder BMW-Rad anstellt", sagt Elmar Giglinger.

Die Faszination des Schmerzes

Die pädagogische Mission allein ist es sicherlich nicht, die MTV veranlasst, die Sendung in Serie zu zeigen. Eher die Faszination des Schmerzes, des Extrems. Dieser Kick des Schocks, der nicht nur die Zuschauer erfasst, sondern dem auch die Protagonisten erliegen. Keiner der Verletzten, der nach dem Unfall befragt wird, lässt von seinem Sport. Er würde jetzt einen Helm tragen, sagt Yuri. Aber aufhören kommt für ihn nicht in Frage. Im Gegensatz zu gängigen Funsport-Aktion-Videos wird zwar in "Scarred" nicht verheimlicht, was nach spektakulären Loops und Flips passieren kann. Der eine oder andere Hobbysportler wird so sicherlich aufgerüttelt.

Aber sensationslüstern und reißerisch ist die Umsetzung auf jeden Fall. Es ist voyeuristisch, man hat ein merkwürdiges Gefühl zuzusehen, wie sich die Verletzten vor Schmerzen krümmen und die Kamera drauf hält. Auch wenn Giglinger betont, dass kein eingesandtes Material angenommen würde, darauf weise man ausdrücklich am Anfang und Ende jeder Sendung hin. Alle Szenen würden aus bereits vorhandenem Videomaterial stammen, das meist von den Beteiligten und deren Freunden gedreht wurde. Am Ende halten die Betroffenen ihre Narben in die Kamera. Ungefähr zehn Zentimeter ist die von Cody an der Stelle, an der der Fußknochen heraustrat. Wenn er sie anfasst, kribbelt sie. Jetzt ist er vorsichtiger, denn wenn er sich noch mal am Knöchel verletzt, wäre es endgültig vorbei mit dem Skaten. Und das will Cody unbedingt vermeiden.

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