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"Tatort"-Kritik Missglückter Täter-Opfer-Ausgleich


Eine Familie wird brutal ausgelöscht, einer nach dem anderen. Der Leipzig-"Tatort" erzählt eine verstörende Geschichte, mit Menschen ohne Hoffnung - und einem unbefriedigenden Ende.
Von Carsten Heidböhmer

Nicht erst seit den "Sopranos" wissen wir, dass sich in der Müllentsorgungs-Branche allerlei zwielichtige Gestalten tummeln. Ein besonders unangenehmer Zeitgenosse ist der Abfall-Unternehmer Harald Kosen (Bernhard Schütz), "ein cholerischer Despot", der alle Menschen um ihn herum tyrannisiert. Der seinen Sohn noch beschimpft, als der mit einem Messer im Hals zu verbluten droht, seine Angestellten schlägt. Und der seine Tochter jahrelang missbraucht hat.

Als dieser Harald Kosen in seiner Villa tot aufgefunden wird, ist die Zahl der potenziellen Täter entsprechend groß: Ein Motiv hätte fast jeder aus seinem persönlichen Umfeld gehabt: Seine Kinder. Sein Schwiegersohn. Und sein ehemaliger Kompagnon Christian Scheidt (Uwe Bohm), dessen Tochter Kosen vor fünf Jahren bei einem Verkehrsunfall tötete und der seither auf Rache sinnt.

Es ist keine schöne Welt, in die uns dieser Leipzig-"Tatort" führt. Ständig misstrauen sich hier Menschen, schreien einander an, werden gewalttätig. Und dass Männer Frauen schlagen, scheint Alltag zu sein. Die ewig miesepetrigen Ermittler Eva Saalfeld (Simone Thomalla) und Andreas Keppler (Martin Wuttke) können die Folge auch nicht aufhellen.

Es passieren weitere Morde

Zunächst läuft es auf einen konventionellen Fall mit ewigen Befragungen und Hausbesuchen hinaus, in dem auch der kürzlich im Kiel-"Tatort" gelernte Begriff der "Stoßstangenobservation" zum Tragen kommt. Doch in der zweiten Hälfte nimmt "Blutschuld" (Buch und Regie: Stefan Kornatz) Fahrt auf. Denn es passieren weitere Morde: Nach und nach radiert der Mörder die ganze Familie aus. Kosens Tochter Sofie muss ebenso dran glauben wie Schwiegersohn Frank Bachmann (Alexander Khuon). Auf diese Weise reduziert sich der Kreis der möglichen Täter automatisch.

Am Ende ist es Kosens Sohn Patrick, der nach Jahren im Gefängnis eigentlich vorbildlich resozialisiert worden ist. Der doch eigentlich bloß einen Täter-Opfer-Ausgleich im Sinn hat und Wiedergutmachung an der Gesellschaft leisten will. Irgendwie hat er dann dieses Konzept gründlich missverstanden. Wieso er seine Schwester und seinen Schwager töten musste, erschließt sich nicht ganz.

In einer letzten Pointe offenbart Patrick dem vom Leben zerstörten Christian Scheidt, wer wirklich für den Tod seiner Tochter verantwortlich ist: Er selbst habe damals während eines Streits mit seinem Vater ins Lenkrad gegriffen. Nach diesem Geständnis lässt sich Patrick widerstandslos totprügeln. Das ist dann letztlich doch wieder eine Form von Täter-Opfer-Ausgleich, wenn auch auf perverse Art verdreht. Nicht nur Eva Saalfeld ist am Ende verwirrt, wie sie diesen Tod deuten soll. "Waren wir jetzt zu früh oder zu spät?", so ihre letzte Frage. Sie blieb, wie so vieles in diesem "Tatort", unbeantwortet.


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