HOME

"Tatort"-Kritik: Breaking Borowski

Ein Kopf, aber keine Leiche. Ein Dorf voller Irrer. Die Zeugin am Crystal-Meth-Abgrund. Borowskis Welt kriegt Risse. Zum Glücksfall für den "Tatort" wird jedoch seine grandiose Hauptdarstellerin.

Von Volker Königkrämer

Die Schilderungen der Zeugin Rita (Elisa Schlott) wecken den Beschützerinstinkt in Kommissar Borowski (Axel Millberg)

Die Schilderungen der Zeugin Rita (Elisa Schlott) wecken den Beschützerinstinkt in Kommissar Borowski (Axel Millberg)

Knapp 40 Jahre ist es her, da hatte Deutschland seinen "Reifezeugnis"-Moment. Am 23. März 1977 verführte Nastassja Kinski als 17-jährige Schülerin Sina Wolf mit ihrem Augenaufschlag eine ganze TV-Nation. Der "Tatort" damals kam aus Kiel, Ermittler war der eigenwillige Kommissar Finke, gespielt von Klaus Schwarzkopf.

Am Sonntag gab es wieder so einen magischen Bildschirmaugenblick. Nämlich als die 21-jährige Schauspielerin Elisa Schlott als Zeugin Rita aus traurigen Augen im Vernehmungszimmer erneut einen Kommissar aus Kiel anschaut und von Crystal Meth zu erzählen beginnt.

Da sind fast 25 Minuten rum. Und doch nimmt der "Tatort" erst jetzt richtig Fahrt auf. Dabei ist zuvor durchaus einiges passiert. Aus einem Fluss in der Nähe des Dorfes Mundsforde wird der abgetrennte Kopf eines jungen Mannes gefischt. Die Einwohner begrüßen Kommissar Borowski (Axel Milberg) und seine Kollegin Sarah Brandt (Sibel Kekilli) mit einer Mischung aus Feindseligkeit und Durchgeknalltheit. Es stellt sich raus: Das Opfer, der 20-jährige Mike Nickel (Joel Basman), war von der Droge Crystal Meth abhängig. Nach einem Fahndungsaufruf meldet sich schließlich Rita Holbeck, die Freundin des Toten. Auch sie war abhängig, ist aber nach einem Entzug inzwischen clean. Und dann, ja dann geht der "Tatort"-Trip los.

"Crystal kommt wie die Pest über das Land"

Ritas Schilderungen lassen Borowski und Brandt tief in den Kieler Drogensumpf abtauchen. Das erste Kennenlernen, das erste Mal Crystal Meth, der Rausch, der Sex, die unbegrenzte Leistungsfähigkeit. Aber auch das Abstumpfen, die Gewalt, Absturz und Verfall. Es ist ein grandioser Auftritt, den Elisa Schlott hier abliefert. Wie sie ihre Rita staunen, tanzen, drauf-sein lässt. Wie sie in entrückter Ernsthaftigkeit dem erschütterten Borowski die Faszination der Droge vermittelt: ("Es ist so, als ob in dir drinnen alles leuchtet. Alles wird ganz warm"). Doch zugleich ist im fahlen Licht des Verhörraums in jedem Moment ihre panische Angst spürbar, sich erneut an das Ungeheuer Crystal zu verlieren.

Regisseur Christian Schwochow und sein Kameramann Frank Lamm haben für Ritas Achterbahnfahrt vom Himmel in die Hölle und ihr fragiles Leben im nebeligen Kieler Alltag eindrucksvolle Bilder gefunden. Vor allem haben Sie dabei glücklicherweise auf alle Zeigefinger-Dialoge verzichtet, die das Thema bei - sagen wir Ballauf und Schenk - so schrecklich anstrengend gemacht hätten. "Wenn man Menschen davor bewahren will, dass sie so eine gefährliche Droge wie Crystal Meth nehmen - und das ist wirklich ein Dreckszeug -, dann muss man sich mit der Faszination beschäftigen, die die Droge ausstrahlt", findet Grimme-Preisträger Schwochow ("Der Turm"). Sein Anliegen ist es, dass der Zuschauer versteht, "warum Crystal wie die Pest über das Land kommt".

Ein Film, wie aus einem Guss

Gleichzeitig zeigen Schwochow und Autor Rolf Basedow ("Im Angesicht des Verbrechens") mit kühlem Blick, was das Zeug anrichtet. Wie aus Rita und Mike Dealer und Geldeintreiber werden ("Bei den Frauen konnte Mike nicht so hart sein wie ich"). Die Trostlosigkeit. Die manische Unruhe. Absturz. Vergewaltigung. Prostitution.

Nichts wird ausgespart, nichts wird beschönigt. Aber eben auch nichts verteufelt. Für das ARD-Lagerfeuer am Sonntag um 20.15 eine fast schon mutige Haltung. Und jede Wette: Es wird sicher irgendein Fernsehrat oder Medienpädagoge um die Ecke kommen und mäkeln, dass Schwochow das Thema Crystal Meth allzu verführerisch dargestellt hätten. Doch auf Klischees wie ausgefallene Zähne etc. haben der Regisseur und sein Team bewusst verzichtet. Stattdessen gab es Recherche. Gespräche mit Abhängigen und Suchtberatern. Sogar die Szene, als Rita und Mike sich ihren ersten Schuss setzen, ist echt. In der Spritze war Kochsalzlösung. "Nichts ist schlimmer, als jungen Leuten zu erzählen, wie schrecklich Drogen sind", sagt Schwochow. "Denn erst das Mysterium schafft die Attraktivität."

Und noch eine Gefahr haben Buch und Regie erfolgreich umschifft: Angesichts des Themas hätte aus "Borowski und der Himmel über Kiel" ein traurig-anstrengendes Kammerspiel werden können. Doch der Film hält immer die Balance, vergisst nie, dass er eben auch noch ein "Tatort" ist, in dem auch liebgewonnene Gewohnheiten gepflegt werden wollen. Und so gibt es Borowskis gewohntes "ich höre", das Austauschen über Rezepte mit seinem Freund und Vorgesetzen Schladitz und ein paar Kabbeleien mit der neuerdings immer aufmüpfiger werdenden Kollegin Brandt. Selbst seine Tochter kommt wieder ins Spiel, um die er sich sorgt, nachdem er gesehen hat, was das Leben mit jungen Mädchen anrichten kann.

Letzte Hoffnung: eine Sternschnuppe

Am Ende ist es dann auch wieder der Krimi, der dominiert. Der Zuschauer erfährt, wie Mundsforde zum Drogen-Depot von Mike geworden ist. Wie Mike bei einer gemeinsamen Tour mit seinem Kumpel Harald nach Dänemark erst im Rausch eine Anhalterin vergewaltigt und tötet. Wie er schließlich auch Harald attackiert und von diesem überwältigt und erdrosselt wird. Und wie Harald schließlich zur Axt greift und Mikes Kopf im Fluss versenkt.

Alles sehr düster. Sehr hoffnungslos. Und doch. Zum Schluss dieses Ausnahme-"Tatorts" steht Rita mit Borowski in einer sternenklaren Kieler Nacht auf dem Turm einer Fabrik und erklärt ihm den Sternenhimmel. "Das ist Orion. Da ist Sirus …". Da ist aber vor allem auch eine Sternschnuppe, die Borowski entdeckt. Und gemeinsam mit ihm hofft auch der Zuschauer, dass sich diese Rita, die ihn gerade 90 Minuten lang nicht hat wegschauen lassen, bitte, bitte, das Richtige wünschen möge.