Es ist seine dritte Chance. Die Chance, endlich Reue zu zeigen. Gil Ofarim verschleudert sie wie einen herausgewürgten Känguruhoden im Dschungelcamp.
„Es tut mir leid“ – das hat Ofarim bereits über seine Antisemitismus-Vorwürfe gesagt. Aber bei einer Entschuldigung geht es um mehr. Darum, Verantwortung zu übernehmen, Schaden anzuerkennen und keine Umstände zu finden, die einen angeblich zum Täter gemacht haben. Dafür gibt es immer noch Anwälte.
Zumindest als Anwalt seiner selbst zeigt Ofarim vollen Einsatz. Im Interview mit Moderatorin Frauke Ludowig in der neuen Doku „Der Fall Gil Ofarim“, zieht er alle Register. Acht Monate psychiatrische Klinik, private Probleme, Wandtattoo-Weisheiten wie „Taten sagen mehr als Worte“ – all das soll offenbar ablenken von dem, was passiert ist.
Gil Ofarim würde Skandal nicht rückgängig machen
2021 sorgte Ofarim mit einem Antisemitismus-Skandal für Aufsehen. Der Musiker hatte in einem öffentlichen Instagram-Video behauptet, ein Hotelmitarbeiter in Leipzig habe von ihm verlangt, seine Davidsternkette abzulegen. Sonst gebe es kein Zimmer. Der Angestellte verlor seinen Job und erhielt Morddrohungen. Schließlich gestand Ofarim vor Gericht: Er hatte gelogen. Mit 10.000 Euro Strafe kam er davon. Und stellt sich nun erneut als Opfer dar. Darin ist er Profi. Seine Bariton-Stimme – er wird viel für Erotik-Hörspiele angefragt, wie er nicht umhinkommt zu erwähnen – verleiht seinen Sätzen Gewicht. Es fällt von ihnen ab, sobald man auf den Inhalt achtet.
Nein, er würde den Vorfall nicht ungeschehen machen wollen. „Ich habe dadurch viel gelernt“, sagt er in so staatstragendem Ton, als würde er gerade mit wehendem Haar vor dem Lincoln Memorial in Washington, D. C. stehen und eine Jahrhundertrede halten.
„Gelernt hast du genau was?“, fragt Ludowig.
„Ich habe sehr viel gelernt.“
„Was?"
„Ich lerne nach wie vor.“
„Aber was genau?“ Dass Ludowig dabei wegen einer OP eine Piraten-Augenklappe trägt wie einst Olaf Scholz, wirkt in dieser Situation machtvoller als jede Bariton-Stimme.
„Es gibt viele Dinge und ich würde das auch gerne bei mir behalten."
Ofarim findet keine Antworten. Um Fragen, die ihn in Bedrängnis bringen könnten, windet er sich wie jemand, der mit KI entworfene Rhetorik-Strategien für Politiker verfolgt. Zunächst bemüht er sich, Gemeinsamkeit zu erzeugen. „Ich bin ein ganz einfacher Typ wie du und ich“, sagt er zu Frauke Ludowig, die sich bekanntermaßen nicht als Typ identifiziert.
Dann versucht er, die Schuld von sich zu schieben: Alles wäre wahrscheinlich nicht passiert, wäre seine damalige Managerin dabei gewesen, behauptet er. Immer wieder weist er anderen die Deutungshoheit zu, um sich selbst nichts eingestehen zu müssen: „Hast du eine zweite Chance verdient?“ – „Das müssen andere entscheiden.“
Gil Ofarim inszeniert sich als Opfer der Presse
Dabei bleibt Ofarim in seiner Erzählung stets das Opfer. Opfer von Hass, Opfer seiner privaten Umstände, Opfer der Presse. „Die Presse ist nicht daran interessiert, was die Wahrheit ist und was nicht, sie ist an Headlines interessiert“, erklärt Ofarim der langjährigen Journalistin, die ihm gegenübersitzt. Für sein journalistisches Handwerk ist Ofarim bislang nicht bekannt, aber anscheinend meint er, auch damit gesegnet zu sein. So sehr, dass er sich gegen Ende gleich als Interviewer versucht. „Würdest du mir eine zweite Chance geben, Frauke? Darf ich von vorne anfangen?“, dreht er ihre Fragen um. Natürlich dürfe er das.
Auch mit dieser letzten Taktik – ablenken – kann Ofarim nicht davon ablenken: Statt Verantwortung zu übernehmen, fährt er in der Doku eine 50-minütige Verteidigungsstrategie auf. Vielleicht ist schlicht nicht mehr von einem Menschen zu erwarten, der denkt, dass Deutschland ihn jetzt liebt, weil er im Fernsehen Tierüberreste in sich hineingestopft hat – und dafür Geld und ein Blumengesteck bekam.
Zumindest mit einer Sache hat Ofarim recht. Er ist immer noch dabei zu lernen. Zum Beispiel den Unterschied zwischen einer Rechtfertigung und einer echten Entschuldigung.
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