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"Tatort"-Kritik: Der Witwer als Werkzeug des Satans

Mysteriöse Mordserie in einer Frankfurter Adelsfamilie: Drei Geschwister werden mit einem mittelalterlichen Folterinstrument erschlagen. Und die Kommissare Sänger und Dellwo bekriegen sich in internen Machtkämpfen. "Weil sie böse sind" ist ein rabenschwarzer "Tatort".

Von Kathrin Buchner

Als Balthasar Staupen seinen Vater ermordet im elterlichen Schloss auffindet, sieht er sich die Tat auf der Überwachungskamera an. Wie bei einem Computerspiel klickt er immer wieder auf die Sequenz, als der Mörder mit einem mittelalterlichen Folterwerkzeug zuschlägt. Was dann passiert, sprengt beinahe die Grenzen unserer moralischen Vorstellungskraft. Statt zu trauern und den Täter der Polizei auszuliefern, vernichtet der Sohn die Beweismittel, macht den Mörder ausfindig und erzählt ihm, er habe ihm "den größten Gefallen seines Lebens" getan.

Regisseur Florian Schwarz stellt in dieser Frankfurter "Tatort"-Folge die Kategorien von Gut und Böse, Recht und Gerechtigkeit kurzerhand auf den Kopf. Der Täter wird zum Opfer und Werkzeug, um das Leben von Herrenmenschen auszulöschen. Denn die drei Geschwister der adeligen Staupen-Familie sind sadistisch, skrupellos und steinreich. Da ist der Antiquitätenhändler und Stiftungsvorstand, der seinen Sohn von klein auf erniedrigt hat, da ist der Zuhälter, der in der Frankfurter Unterwelt herrscht, und da gibt es noch eine Schwester, die das Geld der Familie mit Waffengeschäften vermehrt. Sie gehen über Leichen und werden selbst dazu. Denn sie müssen sterben, einfach nur "weil sie böse sind", so der Titel dieses Krimis, der an eine These des französischen Philosophen Rousseau erinnert: "Alle Menschen sind böse".

Von den Gräueltaten seiner Familie zutiefst erschüttert schwingt sich Balthasar Staupen zum Richter über Leben und Tod auf und schmiedet perfide Mordpläne. Um die Schandtaten seiner Ahnen zu sühnen, bedient er sich Gutsherrenmethoden: Er lässt den Mörder zwar laufen, erpresst ihn aber und macht ihn zu seinem Vollstreckungssklaven. Symbolträchtig ist dabei die Tatwaffe, der Morgenstern, dessen Einsatz im Mittelalter als unritterlich galt und der nur vom Fußvolk verwendet wurde. Matthias Schweighöfer gibt diesen Balthasar charmant und ein bisschen wehleidig, verwöhnt, aber auch mitfühlend. Er ist Meister der Manipulation und durchtrieben wie Brutus am Cäsaren-Hof. Ergänzt wird sein brillantes Spiel von Milan Peschel als Mörder Rolf Herken, ein Witwer mit autistischem Kind und armes Würstchen, der im Affekt getötet hat. Peschel spielt diesen Witwer Herken als geborenen Verlierer mit hängenden Schultern, fahler Hautfarbe und schlurfendem Schritt.

Es ist ein fabelhafter Plot, den uns Drehbuchautor Michael Proehl serviert. Und da stört es auch überhaupt nicht, dass die beiden Kommissare Fritz Dellwo (Jörg Schüttauf) und Charlotte Sänger (Andrea Sawatzki) in ihrem vorletzten "Tatort" zur Aufklärung der Morde überhaupt nichts beizutragen haben. Ihr Tun grenzt an Arbeitsweigerung, sie widmen sich lieber den eigenen Machtspielchen am Frankfurter Hauptkommissariat, die so viel banaler sind als der teuflische Pakt, den Schweighöfer als Schicki-Micki-Adelsspross mit dem unfreiwillig zum Serienmörder mutierten Witwer eingeht.