In Hamburg braut sich was zusammen. Während im Radio vor einem anrollenden Tornado gewarnt wird, stößt man im Schanzenviertel auf einen Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg. Schnell beginnt die Polizei mit der Evakuierung der Anwohner. Die reagieren unterschiedlich, und nicht alle sind bereit, ihre Wohnungen zu verlassen. Behutsam erzählt die Drehbuchautorin und Regisseurin Kerstin Polte in ihrem hochkarätig besetzten Ensemblefilm "Blindgänger" von Menschen und ihren Schicksalen sowie von explosiven zwischenmenschlichen Beziehungen, die ebenfalls der Entschärfung bedürften. Der Kinofilm hat bei ARTE Free-TV-Premiere.
Wann immer man hört, dass wieder ein Blindgänger gefunden wurde – an die 5.000 werden hierzulande jedes Jahr geräumt -, ist man nicht nur froh, nicht im Evakuierungsradius zu leben, man fragt sich auch, wie es wohl alten Menschen oder Flüchtlingen ergehen mag, die Krieg und Bombenangriffe miterlebt haben. So wie Margit Petersen (Barbara Nüsse).
Die alte Dame hat das Haus schon lange nicht mehr verlassen, und sie hat es auch jetzt nicht vor. Im Gegenteil: Der Bombenfund ruft erneut schreckliche Erinnerungen an die Hamburger Bombennächte wach. Ihr Trauma hat Margit an ihre Tochter Lane (Anne Ratte-Polle) vererbt, die ebenfalls unter gelegentlichen Panikattacken leidet. Ausgerechnet sie ist die nun zuständige Bombenentschärferin, nachdem ihr Chef Otto (Bernhard Schütz) überraschend ausfällt. "Wir sind näher dran am Tod als am Leben", unkt er, doch Lane ahnt von seiner möglichen Krebserkrankung ebenso wenig etwas wie Ottos entfremdete Frau Hanne (Claudia Michelsen).
"Filme können Brücken bauen"
Dann sind da noch der Trans-Jugendliche William (Lukas von Horbatschewsky) und seine offenbar psychisch kranke Mutter (Anne Schäfer) sowie Viktor (Karl Markovics), ein älterer Herr mit Herz und Gewissen, der den afghanischen Flüchtling Junis (Ivar Wafaei) bei sich versteckt und eine ungeahnt aufregende Vergangenheit hat. Viktor freundet sich in den womöglich anrührendsten Szenen des Films mit dem geradezu hilflos taumelnden Otto an – es ist schon interessant, wie Ausnahmezustände und Zufälle zu Paarungen führen, die es sonst vermutlich nie gegeben hätte.
Die Geschichte jeder einzelnen Figur wäre interessant genug für einen eigenen Film gewesen. Doch Kerstin Polte entschied sich bewusst für einen Episodenfilm, wie sie der Seite www.kulturschoxx.de verriet: "Filme können Brücken bauen, wir können mit Filmen Empathie lernen und begreifen, dass wir nicht der Nabel der Welt sind – und dass es manchmal für uns alle am besten ist, mal ein Stückchen zur Seite zu treten und anderen Menschen und Perspektiven den Raum und die Stimme zu überlassen. Das habe ich mit 'Blindgänger' und seinem multi-perspektivischen Erzählansatz versucht."
Und es ist ihr bestens gelungen. Denn dass Figuren und ihre Schicksale so sehr berühren, ihre Geschichten noch lange nachhallen, das erlebt man im Film nur selten.
"Blindgänger" – Mi. 03.06. – ARTE: 20.15 Uhr