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Der Moderatorencheck: Der Kampf um Redezeit bei "Thadeusz"

Seine Fernsehkarriere hat er beim WDR begonnen, als forscher Reporter von "Zimmer frei" bekam er sogar den Grimme-Preis. Mittlerweile ist er selbst Gastgeber seiner Talkshow beim Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb).

Von Michael Rossié

Ein sehr sympathischer Mensch, dieser Herr Thadeusz. Locker, selbstbewusst, natürlich, ab und zu ganz witzig und auf jeden Fall schlagfertig. Jemand, mit dem man auf jeder Party gerne plaudern würde. Ich wollte gerne etwas Positives über die Sendung schreiben. Ein neues Talk-Format, das nach der Ankündigung des Senders anders ist. Weniger deutsch.

Rollen, nicht Charaktere, im Mittelpunkt

Nach den ersten Folgen war ich sehr ernüchtert. Alles schon mal da gewesen. Da sitzt ein Moderator auf dem vorderen Rand des Stuhles und kämpft darum, mindestens ebenso viel sagen zu dürfen wie der Gast, notfalls mit Gewalt.

Die Gespräche mit Schauspielern drehen sich um die Inhalte und Rollen ihres letzten Films, die natürlich mit der Persönlichkeit des Gastes nichts zu tun haben und von daher auch kein interessantes Gespräch ergeben können. Herr Ulmen muss mit einem Modell zur Molekularbiologie spielen, weil er einen Molekularbiologen gespielt hat. Ansonsten kann er damit natürlich nichts anfangen.

In 30 Minuten 100 gefühlte Themen

Meist stellt Thadeusz auch keine Frage, sondern behauptet etwas, um herauszufinden, ob es stimmt. Das ist oft blind vermutet ("Ich fahre kein Auto!") oft einfach falsch ("Das habe ich so nicht gesagt!"), halb falsch ("Ganz so ist es nicht!") oder völlig daneben ("Haben Sie meine Platte überhaupt gehört?") oder zu intim ("Ich glaube, das geht dich nichts an.").

Viele Fragen beantwortet er gleich selbst: "Worauf haben Sie in der Kindererziehung geachtet? Ich glaube, ein ganz wichtiger Punkt war..." und sagt dann selbst, was eigentlich der Gast sagen sollte. Das könnte interessant sein, wenn sich aus dem Impuls ein Gespräch ergeben würde. Aber es werden in 30 Minuten gefühlte 100 Themen abgearbeitet. Laut Infomaterial zur Sendung befragt der Gastgeber auch gerne mal durch die gedankliche Hintertür. Jetzt weiß ich, was damit gemeint ist.

Kampf um Redezeit

Ebenfalls laut Ankündigung des rbb wird "ein kultivierter Moderator die Fernsehzuschauer doppelt so klug, oder mindestens doppelt so glücklich machen". Spätestens hier merkt man dann, dass es ironisch gemeint war. Oder vielleicht doch nicht? Die Ankündigung jedenfalls, "die eigene Meinung zu den Themen deutlicher zu akzentuieren", macht er wahr. Es tobt ein Kampf um die Redezeit. Es gibt kaum eine Antwort, die er nicht unterbricht, und das macht mich unruhig. Sollte man vorher nicht nervös gewesen sein, danach ist man es sicher.

Taktik: Gast mit Unterstellungen konfrontieren

Wenn dann die "sieben fiesen Fragen" kommen, die den Gast in noch schnellerer Abfolge mit völlig unzusammenhängenden Themen konfrontieren, greift man zur Fernbedienung. Die Unterstellungen, die den Gast zum reden animieren sollen, verfehlen ihr Ziel. Die Gäste brauchen sehr lange um zu verstehen, was gemeint ist, und da kommen dann Antworten nach dem Schema: "Nächste Frage!" - "Fällt mir keiner ein!" - "Habe ich mich nicht informiert!" "Ich weiß es nicht!" Fritzi Haberland fühlte sich nach einem Schwall von intimen Fragen schon in den ersten Minuten gleich ganz "enthüllt" (ohne dass wir irgend etwas erfahren hätten).

"Ist das Kleinhirn entbehrlich?"

Bei einem Wissenschaftler wie dem Hirnforscher Prof. Spitzer wird es schon interessanter. Da erfährt man, dass Blaubeeren gut gegen Alzheimer sind und man keine Kopfschmerzen bekommt, wenn man Wein und Wasser abwechselnd trinkt. Aber es ist interessant nicht wegen, sondern trotz des Moderators. Denn auch Prof. Spitzer ist oft leicht ungehalten über manche Frage ("Ist das Kleinhirn entbehrlich?"). Auch die Unterstellung, er sei für Schlaglöcher in den Straßen oder wollte Kinder zur Musik zwingen, wird mit einem genervten "Nein" quittiert. Außerdem darf der arme Mann nie ausreden. Meist wird er noch vor dem Beispiel unterbrochen. Und das nicht, weil er wirklich lange geredet hätte. Und wenn am Ende noch eine Minute übrig ist, wird der Hirnforscher noch schnell nach der Seele gefragt (Kommentar Spitzer: "Dumme Frage!")

Sinnfreies Geblödel

Bei sehr ruhigen Gästen wie Julia Hummer kommt in der halben Stunde überhaupt gar nichts raus. Man hat das Gefühl, dass sie sich eher zurückzieht. Es wird dann sehr belanglos: Frau Hummer findet, dass ihr Lieblingssänger die Stimme über die Jahre gut "konversiert" habe und erzählt, dass sie mal gehört habe, dass es zwei Monate dauert, einen Führerschein zu machen. Deswegen muss ich nicht fernsehen.

Es wird bei diesem Talk erwartet, dass man den Studiogast schon vorher kennt, und man hat in Kauf zu nehmen, dass man nach der Sendung immer noch kaum etwas über ihn weiß. Wem also eine halbe Stunde sinnfreies Geblödel zweier meist gut gelaunter sympathischer Menschen, die dauernd durcheinander reden, sinnvoll die Zeit vertreibt, der ist bei "Thadeusz" auf rbb, dienstags um 22.15 Uhr genau richtig.