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Guttenbergs "Tatort Internet": Morddrohungen schocken TV-Macher

Aufregung um "Tatort Internet", die von Stephanie zu Guttenberg präsentierte RTL2-Sendung: Während sich für den Sender bei der Jagd auf mutmaßliche Kinderschänder rechtliche Probleme anbahnen, erreichen das Produktionsteam Morddrohungen.

Von Katharina Miklis

Panikmache für Publicity? Dient die effektheischende RTL2-Sendung wirklich der Aufklärung - oder stellt sie angebliche und wirkliche Sexualstraftäter für die Quote an den Pranger? Das neue Format "Tatort Internet - schützt endlich unsere Kinder", mit dem sich der Privatsender im Glanz der Ministergattin Stephanie zu Guttenberg von seiner trashigen Vergangenheit absetzen will, steht zunehmend in der Kritik: Nach den Vorwürfen der Lynchjustiz und reißerischen Schockeffekten bekommt die Sendereihe, die potenzielle Kinderschänder in Chatrooms mit falschen Teenager-Profilen lockt und unter dem Deckmantel der Aufklärung vor laufender Kamera entlarvt, nun auch medienrechtliche Probleme: Einige der Männer, die in der Sendung als Pädophile geoutet wurden, können dank diverser expliziter Hinweise und Beschreibungen in der RTL2-Show leicht im Internet identifiziert werden. Der Zuschauer erfährt den Chatnamen, Familienstand, Beruf und sogar den Wohnort der Männer. Auch wenn die Verdächtigen in den Filmen verfremdet werden, sind Körperhaltung, Haarfarbe und Kleidung zu erkennen. Nur wenige Klicks führen per Google-Suche direkt zu dem Namen und der E-Mail-Adresse eines Verdächtigen.

Auf Nachfrage von stern.de betonte der Sender, man habe sich in der Entwicklungsphase des Formats intensiv mit Experten abgestimmt und rechtlich abgesichert. "Aus unserer Sicht wahren wir die Persönlichkeitsrechte der Männer", so ein Sendersprecher. Die Gesichter der Männer würden gepixelt und nach der Ausstrahlung werden die unzensierten Aufnahmen in rechtliche Hände übergeben. Juristische Folgen sieht er nicht auf den Sender zukommen. Dennoch: "Wir werden das Feedback an die Rechtsabteilung und die Redaktion weitergeben und schauen, inwieweit es notwendig ist, das Format anzupassen".

Juristisch heikel, inhaltlich eine Geschmacksfrage

Schon vor der Sendung haben Experten und Fachanwälte auf die Verletzung von Persönlichkeitsrechten hingewiesen. Laut Aussagen der Produktionsfirma Diwa Film wollte man keinen Internetpranger schaffen. Vielmehr soll dem Publikum aufgezeigt werden, dass es die Gefahr des so genannten Cyber-Grooming, der sexuellen Belästigung im Internet, gibt. Die Hamburger Presserechtsexpertin Dorothee Bölke stellte jedoch schon vor der Ausstrahlung der ersten Folge den Aufdeckungsanspruch des Privatsenders in Frage und betonte, dass die Chatroom-Problematik grundsätzlich nicht neu sei. Außerdem sei das Vorgehen juristisch heikel: "Wenn Details gezeigt werden, die nicht zum Aufdecken des Skandals nötig sind, ist das Ganze schnell juristisch angreifbar wegen Persönlichkeitsrechtsverletzung." Das Mitschneiden der Stimme vermeintlicher Sexualtäter sei grundsätzlich strafbar. Daran ändert sich laut Bölke auch nichts, wenn der Ton später für die Ausstrahlung verfremdet werde. Die medienpolitische Sprecherin der Grünen, Tabea Rößner, betont zudem, dass keinem Kind geholfen sei, "wenn versucht wird, die Quote mit Kinderleid zu steigern".

Wie Produzentin Danuta Harrich-Zandberg (Diwa Film) stern.de bestätigt, haben inzwischen auch Morddrohungen sie und ihr Team erreicht. Auch Ministergattin Stephanie zu Guttenberg soll bedroht worden sein. Harrich-Zandberg ist entsetzt: "Ich verstehe die Welt nicht mehr. Wir wollten doch nur für ein so wichtiges Thema sensibilisieren. Es war nie unser Ziel, effektheischerisch vorzugehen. Jedoch das, was wir in den Chats und Treffen mit den Männern erlebt haben, kann man nur in Bildern, nicht in Worten beschreiben." Der Fall eines über Google enttarnten Täters ist der Produzentin bekannt. Sie versichert: "Wir verbringen ganze Tage damit, die Männer zu anonymisieren".

Dass RTL2 mit seinem Programm zum Teil sexistischen Voyeurismus bedient, ist dem ehrenwerten Anliegen der Sensibilisierung sicher nicht dienlich. So werden beispielsweise im Vorprogramm zur Sendung in "X-Diaries - love, sun & fun" die Liebes- und Sexabenteuer von Teenies am Ballermann gezeigt. Auch die reißerische Machart des Reality-Krimis fördert weniger die gute Sache als viel mehr Spott und Kritik am Format. "Die Aufmachung der Sendung ist sicherlich Geschmacksache", konstatiert der RTL2-Sprecher, "Fakt ist jedoch, dass wir bestmögliche Aufmerksamkeit für dieses sensible Thema bekommen haben."