Terra X History: Ein Tag im Juli – Ahrtalflut 2021
Jubiläum einer Apokalypse: Hat man aus den Fehlern gelernt?

  • von Hans Czerny
Der Winzer Peter Kriechel dokumentiert am 15. Juli die Folgen der Ahrtalflut, die auch in seiner Heimatstadt Bad Neuenahr-Ahrweiler schwere Verwüstungen verursacht hat.
Der Winzer Peter Kriechel dokumentiert am 15. Juli die Folgen der Ahrtalflut, die auch in seiner Heimatstadt Bad Neuenahr-Ahrweiler schwere Verwüstungen verursacht hat.
© ZDF / Peter Kriechel

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Fünf Jahre nach der Flutkatastrophe vom 14. Juli 2021 versucht der Film von Oliver Halmburger eine Rekostruktion der Ereignisse. Betroffene und Zeugen berichten von der alle Vorstellungen übertreffenden Apokalypse.

Auch fünf Jahre nach der Katastrophe, bei der die Ahr, ein Nebenfluss des Rheins, meterhoch über die Ufer trat, sitzt der Schock noch tief – die Erinnerung kehrt zurück. "Es kommt immer wieder hoch, wenn Jahrestage sind", sagt einer der überlebenden Insassen der Lebenshilfe-Einrichtung für Behinderte im "Terra X History"-Film "Ein Tag im Juli – Ahrtalflut 2021". Damals starben zwölf Bewohner des Heims, weil sie nicht vorgewarnt wurden. Insgesamt starben im Ahrtal 135 Menschen. "Man wünscht sich die Freundin zurück, die man verloren hat", sagt die Mitbewohnerin Andrea neben ihm. – Es ist einer der vielen unter die Haut gehenden Momente der Doku von Oliver Halmburger, der sich bei seiner Erinnerung weitgehend auf überlebende Zeugen der Katastrophe und auf trauernde Hinterbliebene stützt.

Mit Schuldzuweisungen hält sich der Film, den die reißende braune Flut mitsamt abgerissenen Häusern, Autos und herum schwimmenden Baumstämmen leitmotivisch durchzieht, weitgehend zurück. "Schuldige" wurden gesucht und wohl auch gefunden. Es gab einen Untersuchungsausschuss, auch ein Gerichtsurteil. Wegen fahrlässiger Tötung wurde der zuständige Landrat angeklagt, jedoch freigesprochen. Es gab keine zentrale Leitstelle, keine Koordination für den Katastrophenfall, der sich in den vergangenen Jahrhunderten, auch Jahrzehnten mehrfach ereignet hatte. Im aktuellen Ausmaß allerdings nie. Viel zu spät wurde der Katastrophenalarm ausgelöst – nach Stunden der ab Mittag gestiegenen Pegelstände, um 22.04 Uhr.

Geradezu diametral stehen die Bilder der Betroffenen in Angst und Todeserwartung den nicht gegebenen Warnungen entgegen. Davongekommene filmen den vermeintlichen bevorstehenden eigenen Untergang. Angst, Resignation, Selbstaufgabe werden bei mitlaufender Handykamera bezeugt. Es ist wie in einem Katastrophenfilm, aber es ist die Realität. An der Glastüre steht das Wasser bereits meterhoch, dann zieht es das Opfer mitsamt einer Hauswand in die Fluten hinein.

Besonders berührend ist ohne Frage, das Schicksal, das eine hilfsbereite Feuerwehrfamilie ereilt. Auf einem Campingplatz wollten Vater und Tochter Leben retten, bei ihrer Ankunft waren viele der Camping-Unterkünfte bereits zerstört. "Dann geht sie um die Ecke und kommt nie mehr zurück", sagt Vater Udo über die Tochter Katharina unter Tränen. Ein schwarzes Loch wird bleiben, auch wenn die Gemeinde mittrauert in Dankbarkeit und Solidarität. Das alles geht unglaublich nah.

Ist man auf kommende Katastrophen vorbereitet?

Eine andere Familie hat es während des Urlaubs der Eltern getroffen. Die Tochter telefonierte, während das Hochwasser unaufhörlich in der Wohnung stieg, mit den Eltern, bis das Videogespräch unterbrochen wurde. Auch die Feuerwehr konnte in der Sturzflut nicht mehr helfen, wie sie den Eltern beschied. Näher kann man den Opfern nicht sein als in dieser 90-Minuten-Dokumentation. Alles wird gegenwärtig, die Zeit wird zurückgedreht. Da hilft es wenig, wenn Experten auf die Struktur des Tales verweisen – eine flache Senke mit steil ansteigenden Hängen, auf denen die Reben wachsen.

Wenn man eines beklagen will, so ist es die fehlende Antwort auf die Frage: Wie sehr wurde der Katastrophenschutz im Ahrtal und andernorts inzwischen verbessert? Hat man aus den Fehlern gelernt? – Die Eltern der Opfer glauben nicht so recht daran. Indessen haben sie längst mit dem Wiederaufbau begonnen, arbeiten an ihrer neuen Existenz. Auch unter fleißiger Mithilfe der Nachbarschaft hier und mit über ganz Deutschland verstreuten Helfern. Einer, ein wie durch ein Wunder Geretteter, kann Hubschrauber nicht mehr sehen. Aber dankbar ist er doch, als man ihn nach 15 Stunden von seiner Kiesbank holt, auf die ihn die Flut samt seiner Behausung geschleudert hat.

Terra X History: Ein Tag im Juli – Ahrtalflut 2021 – Di. 19.05. – ZDF: 20.15 Uhr

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