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Stefan Raab - Wie alles begann Am Anfang war "TV total"

"TV total"-Moderator Stefan Raab
Damals: Stefan Raab vor seinen Spiel-Knöpfen in "TV total" 
© Jörg Carstensen/dpa
Christoph Schulte-Richtering war dabei, als Stefan Raab antrat, das deutsche Fernsehen umzukrempeln. Exklusiv im stern berichtet er von VHS-Kassetten, Kamelhöckern und dem totalen Willen zum Entertainment.
Von Christoph Schulte-Richtering

Da saßen wir nun, in diesem abgedunkelten Konferenzraum im Spätsommer 1998: im Kopf die vage Idee einer neuen Fernsehshow mit dem Arbeitstitel "TV total", weil uns bisher kein besserer eingefallen war. Der ursprüngliche Titel "Das kann ja mal passieren" erschien uns allen zu unspezifisch. Es sollte um lustige Fernsehausschnitte gehen - und das sollte man schon dem Titel entnehmen können. Auf dem Tisch verwesten ein paar Mettbrötchen, und wir warteten auf den Moderator, den wir heute kennenlernen sollten. Aber Stefan Raab verspätete sich. Er war gerade auf einem Dreh im Kölner Zoo, für eine Rubrik, die er selbst "Raab in Gefahr" nennen wollte.

Mir war gerade ein Lebenstraum geplatzt: Ich hatte eigentlich ein Volontariat in der "Harald Schmidt Show" ergattert, aber dann hatte Schmidt die Firma verlassen, und ich stand da mit meinem Volo, zwar unkündbar, aber ohne TV-Show mit dem Gottvater modernen Fernsehens, wie ich damals glaubte. Stattdessen hatte man mich in die Entwicklungsabteilung gesteckt. Eine Sendung für Viva-Clown Stefan Raab zu entwickeln, das war der Auftrag. Klar, der hatte seine Momente, Böörti Vogts und so. Aber wer Schmidt liebte, für den war Raab doch eine Flitzpiepe. Oh, wie ich mich täuschen sollte!

VHS-Kassetten und Schweißflecken bei Andreas Türk

Raab kam nicht, also fingen wir ohne ihn an – mit dem Sichten lustiger TV-Ausschnitte: Jemand schob eine VHS-Kassette ein, auf der ein steirischer Schnitzer in der Sendung "Klingendes Österreich" unverständliches Zeug brabbelte. Anschließend stellte jemand zwei Sachsen vor, die in der MDR-Show "Alles Gute" auf Sächsisch ihrer Tante Jutta "Ö La Palöma Blanca" sangen. Eine Kollegin hatte entdeckt, dass Talkshow-Host Andreas Türck mit Schweißflecken unterm Arm moderierte. Wir fanden einen über 80-jährigen Tanzlehrer, einen randalierenden Talkshowgast, eine Frau mit Bart und einen Nackt-Aerobicer.

Der Autor Christoph Schulte-Richtering
© Uli Grohs

Christoph Schulte-Richtering

Wenn Sie sich über die TV-Unterhaltung beschweren wollen - oft steckt er dahinter: "Wetten, dass..?", "TV Total", der "Echo", Bambi, "Joko gegen Klaas – das Duell um die Welt", Deutscher Fernsehpreis, "Menschen - der ZDF Jahresrückblick", "Geld oder Liebe", "Got to Dance", "X Factor". Hat er alles geschrieben. Und zusätzlich schreibt er auch noch Bücher.

Jetzt muss man das vielleicht denen erklären, die zu jung sind, um sich zu erinnern, und denen, die "Stop making stupid people famous" auf Twitter posten: Damals hatten die ganz normalen Wahnsinnigen kein Forum. Prominente waren noch echte Stars mit echten Berufen: Schauspieler, Sportler, Musiker. Es gab noch kein "Big Brother" und keine Scripted Reality. Es gab kein Youtube, und das Internet benutzte man lediglich für E-Mails und für die Suche mit Lycos oder Altavista.

Jules-Verne-Steampunk-Ästhetik

Wenn man so will, war diese erste Konferenz von "TV total" damals das analoge Youtube mit einer Art Jules-Verne-Steampunk-Ästhetik: Wir schauten uns auf VHS-Kassetten Clips von Verrückten an, die wir händisch aus dem Fernseher aufgenommen hatten.

Und wir liebten diese Menschen. Das war keine zynische Verachtung, keine kalte Ironie – nein, wir liebten diese Menschen, die sich das Hemd aufrissen, ihre Brust zeigten und sagten: Seht her, hier bin ich, jeder soll mich kennenlernen. Sie unterhielten uns, mit ihren beschränkten Mitteln.

Heute hat jeder die Möglichkeit seines eigenen Youtube-Channels, kann sich bei "Newtopia" entblöden oder langweilt die Menschheit als Kleindarsteller bei "Berlin Tag und Nacht" durch den Vorabend. Aber damals saßen wir mit offenen Mündern vor unseren Monitoren: Wir verfolgten entzückt, wie in Japan Männer zur Strafe mit einer Rakete in die Luft geschossen wurden, weil ihre Oma eine Quizfrage falsch beantwortete. Wir liebten Dieter Bürgy mit seinem Calgon-Lochfraß. Wir begeisterten uns für zahnlose Talkshow-Touristen. Wir liebten Fernsehen und mixten uns eine Art Playlist zurecht, weil es das Internet in der heutigen Form noch nicht gab. Es gab auch noch keine Rechteklärungen, keine Einverständniserklärungen, keine Medienanwälte. Dass es das heute alles gibt, dass Fernsehen um einiges schwieriger geworden ist – ich fürchte, wir sind ein Stück weit dafür mitverantwortlich. Ich möchte mich dafür entschuldigen, auch im Namen meiner Eltern.

Stefan Raab auf dem Kamel

Aber zurück zu jener Konferenz: Irgendwann platzte Raab in den Raum, zurück aus dem Zoo, völlig aufgekratzt, den Kameramann im Schlepptau. Er nötigte ihn, die Kamera an den Bildschirm anzuschließen und spulte zu der für ihn wichtigen Stelle: Stefan saß zwischen den Höckern eines Kamels, von dem er behauptete, er habe ihm ein Kunststück beigebracht, das er jetzt dem Publikum vorführen werde. Eine Pflegerin hielt das Kamel. Aber das Kamel rührte sich nicht. Stefan ließ sich die Ukulele reichen und spielte dem Kamel ein Ständchen. Aber das Kamel rührte sich nicht. Er fasste das Kamel an den vorderen Höcker. Aber das Kamel rührte sich nicht. Plötzlich sprang das Tier auf, schleuderte die Pflegerin in die Ecke und galoppierte mit dem entsetzten Stefan Raab auf dem Rücken davon. Nach wenigen Metern warf das Kamel ihn ab, und Stefan flog mehrere Meter durch die Luft in den Sand. Vor laufender Kamera. Und weil Raab geistesgegenwärtig war, verlor er trotz des Schreckens weder die Ukulele noch die Fassung. Er stand auf, klopfte sich den Staub aus den Klamotten und grinste in die Kamera. "War was?" Vermutlich hatte er sich wehgetan – aber das Bewusstsein, einen authentischen TV-Moment auf Kamera gebannt zu haben, war ihm in dieser Situation wichtiger, nein, sie war Alles.

Stürze und Niederlagen sind in Raabs Konzept von "Entertainment" mit eingebunden, Niederlagen können auch Siege sein: Der Boxkampf gegen Regina Halmich, Schlag den Raab, die Wok-WM – wichtig ist nicht nur der Sieg, wichtig ist vor allem das Entertainment. Aber das kann nur glaubhaft gelingen, wenn man unbedingt siegen will. Und wenn man nicht gewinnen kann, muss man sich wenigstens spektakulär aufs Maul legen.

Raab, die Goldmine

Anschließend schauten wir mit ihm gemeinsam noch die gefundenen Ausschnitte an: den Schnitzer, die Ö La Palöma Boys, den schwitzenden Türck. Und er begeisterte sich mit jedem Ausschnitt mehr, fasziniert, amüsiert, so dass uns unsere Ausschnitte gleich noch mal so gut gefielen. Zu jedem Ausschnitt hatte er eine Idee, zu jedem Clip einen Gag. Und seit der Szene mit dem Kamel wusste ich: Dieser Mann würde für Entertainment weiter gehen als jeder andere. Er wäre in der Lage, unsere Clips zu veredeln, unseren Ideen den letzten Kick verpassen, besessen an den Sachen zu feilen, die ihm gefielen, und lustlos die fallen zu lassen, zu denen er keine Vision hatte.

In diesem Moment wussten wir: Wir saßen auf einer Goldmine, und mit Stefan Raab würde daraus gesponnenes Gold. Es blieben uns noch fünf Monate Entwicklungszeit, und wir konnten es kaum erwarten. Heute wird so was zuweilen in einem verlängerten Brainstorming-Wochenende abgehandelt, aber ich will mich nicht beklagen. Die Fernsehgeschichte gab uns Recht: "TV total" schoss von der ersten Show an durch die Decke, 30 Prozent Marktanteile sind heute Werte aus dem Reich der Fantasie. Wir gewannen fast alle Fernsehpreise und die Herzen der Zuschauer. Wir durften albern sein und frech, wir haben hier und da überrissen, wir waren verspielt und manchmal doof, und wir kriegten vom Feuilleton die Fresse voll. Und darüber lachten wir uns ins Fäustchen.

Das Showmonster

Am 11. September 2001 saßen wir im selben Konferenzraum und starrten wieder auf die Monitore. Im Fernsehen stürzten gerade zwei Türme ein, und wir wussten: Heute Abend würde es kein "TV total" geben. Ich wusste aber auch – dieses Ereignis würde auch unsere Show verändern. Ein Jahr später trennten sich unsere Wege. Raab wurde ProSiebens Showmonster, und ich wurde später Autor von Thomas Gottschalk bei "Wetten, dass..?" Wir sollten erst 2013 wieder zueinanderfinden, Raab als Moderator und ich als sein Autor: für das Kanzlerduell zwischen Angela Merkel und Peer Steinbrück. Er war ein gereifter Moderator: Früher durfte er sich noch vom Kamel fallen lassen, dieses Mal reichte das nicht. Dieses Mal musste er das Kamel reiten. Ich glaube, es ist ihm gelungen. Stefan Raab muss keine Kamele mehr besteigen, er muss sich weder abwerfen lassen, noch sie bändigen – aber sollte er wieder einmal Lust dazu haben, schaue ich ihm gerne dabei zu.


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