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"Tatort"-Kritik: Willkommen auf der dunklen Seite

Vor Jahren verschwand ein Frauenmörder - nun taucht er wieder im Leben von Klaus Borowski und seiner neuen Freundin auf. Der "Tatort" aus Kiel ist ein brillant-düsteres Duell zwischen dem Kommissar und seinem alten Widersacher.

Von Niels Kruse

Tatort Borowski Korthals

Borowski und Korthals haben nur kurz Grund, gemeinsam zu lachen

Klaus Borowski - zerschunden an Leib und Seele, zerfließend vor Selbstmitleid: "Meine Arbeit, meine verdammte Arbeit", klagt er larmoyant. Kai Korthals, der Bösewicht, mit seinem Schicksal hadernd, richtet sein Wort direkt an die Zuschauer: "Ich bin nicht anders als Ihr, Ihr habt es nur besser." Und Frieda Jung, verliebt, aber eingekerkert, schnauzt dem Verlobten am Ende ins Gesicht: "Ich hasse es, wie du aussiehst, wenn du von deiner Arbeit kommst, dieser ganze menschliche Dreck noch in dir drin." Ja, prätentiös ist er manchmal, der Kieler "Tatort". Glücklicherweise aber ergötzt er sich nicht mehr als nötig an seinem eigenen Großanspruch und seiner Düsternis.

"Die Rückkehr des stillen Gastes" ist, der Titel deutet es an, eine Fortsetzung, genauer die eines Kieler Falls aus dem Jahr 2012. Damals ermittelten Borowski (Axel Milberg) und Sarah Brandt (Sibel Kekilli) gegen den Frauenschlächter Kai Korthals, der "stille Gast", der am Ende der Folge entkommen konnte - was eine Seltenheit in der Krimireihe ist. Schon kurz nach der Ausstrahlung wurde darüber spekuliert, ob der Serienkiller, damals wie jetzt brillant gespielt von Lars Eidinger, wohl noch einmal auftauchen würde. Er tut es und platzt mitten rein in das neue Liebesglück von Kommissar Borowski und Frieda Jung (Maren Eggert). Genau - die ehemalige Polizeipsychologin, die sich 2010 aus dem Kieler "Tatort" verabschiedet hatte.

Die Lebende aus der Kühltruhe

Versöhnlich aber ist nichts in diesem neuen Fall aus Schleswig-Holstein: Das frisch verliebte Paar ist gerade auf Wohnungssuche, als Borowski ins Präsidium gerufen wird und das nicht einmal wegen einer Leiche. Am Ostseestrand wurde eine verwirrte Frau aufgefunden, die aus einer Kühltruhe entstiegen war. Offenbar befand sie sich in der Gewalt eines Mannes. Nichts aber deutet darauf hin, dass es sich dabei um den alten Bekannten Korthals handeln könnte. Nur Sarah Brandt hat eine Ahnung. Dem Einwand, dass das Vorgehen nicht seinem Täterprofil entspreche, entgegnet sie: "Auch Unmenschen können sich ändern." 

Erst als das Opfer wegen einer fürchterlichen Bauchwunde zusammenbricht, stellt sich heraus, dass sie schwanger war und ihr jemand das Kind aus dem Bauch herausgeschnitten hat. Gleichzeitig droht dem Vater das Neugeborene unter den Händen wegzusterben, weswegen er ins Krankenhaus eilt. Dort stellt sich schnell heraus, dass der Erzeuger der entflohene Frauenmörder ist - die Jagd, die alle ins Verderben zu stürzen droht, beginnt.

Tatort Borowski Frieda Jung

Borowski und seine neue Liebe Frieda Jung

Regisseurin Claudia Garde und Drehbuchschreiber Sascha Arango - der preisgekrönte Autor hatte bereits den "Stillen Gast" verfasst - haben die Fortsetzung noch düsterer, noch beklemmender und noch kammerspielartiger inszeniert als den ersten Teil. Manchmal ist es so dunkel, dass nur noch zu erahnen ist, was sich auf dem Bildschirm abspielt. Das wirkt ab und an etwas überzogen, treibt aber das frostige Duell zwischen Borowski und Korthals voran, um das es bei der "Rückkehr des stillen Gastes" eigentlich geht. Der Ex-Serienmörder und jetzige Vater entführt Borowskis Freundin Jung, um sein mittlerweile in einem anderen Krankenhaus untergebrachtes Kind freizupressen. 

Der bislang düsterste Kiel-"Tatort"

Der Kommissar lässt sich auf ein gefährliches Spiel ein. Ungewohnt offenherzig gesteht Borowski zu Beginn, dass er als Kind selbst gerne Verbrecher gewesen wäre. Und nun gibt er sich seinen dunklen Seiten hin - auch der Liebe wegen. Auf eigene Faust macht sich der Ermittler auf die Suche nach Korthals, versteckt ihn vor der Kollegin Brandt, quittiert seinen Dienst, und lotst den Psychopaten in eine Falle, um Frieda zu befreien. Am Ende ringt Kai Korthals niedergestochen um sein Leben, Frieda Jungs Beziehung zu Borowski ist im Eimer und der Zuschauer bleibt mit eiskaltem Schaudern zurück auf dem Sofa. "Willkommen auf der dunklen Seite, mein Freund", sagt Kai Korthals kurz vor dem Showdown freudestrahlend zu Borowski. Dieser düstere Kiel-"Tatort" ist der bisherige Höhepunkt der an düsteren Folgen nicht armen Krimireihe aus dem Norden.