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"Tatort" mit Ulrich Tukur: Murot wandelt auf Bill Murrays Spuren - und entdeckt den Sinn des Lebens

Das kennt man aus dem Film "Und täglich grüßt das Murmeltier": Felix Murot durchlebt immer wieder den gleichen Tag, an dem er einen Banküberfall aufklären muss. Während Bill Murray durch die Liebe einer Frau Erlösung fand, stellt dieser "Tatort" die große Frage nach dem Sinn des Lebens.

"Tatort" mit Ulrich Tukur

LKA-Ermittler Felix Murot (Ulrich Tukur) muss zum wiederholten Mal einen Banküberfall aufklären: Er erlebt den gleichen Tag immer und immer wieder. 

ARD
  • 5 von 5 Punkten
  • Vermutlich werden viele Zuschauer entnervt abschalten. Wer dranbleibt wird mit dem besten und verrücktesten "Tatort" des Jahres belohnt. Etwas Intelligenteres wird man 2019 im deutschen Fernsehen vermutlich nicht zu sehen bekommen.

Worum geht's?

LKA-Ermittler Felix Murot (Ulrich Tukur) träumt, dass er erschossen wird - dann wird er durch einen Anruf seiner Kollegin Magda Wächter (Barbara Philipp) geweckt: Ein Unbekannter hat eine Bank überfallen und Geiseln genommen. Auf dem Weg zum Tatort ärgert sich Murot über die laute Musik seines Nachbarn, sieht die junge Frau von nebenan über ihre Schnürsenkel stolpern und wird von einem Kind gerammt. Vor der Bank schüttet ihm ein Polizist Kaffee über die Hose. Murot geht schließlich in die Bank, um mit dem Geiselnehmer zu verhandeln, wird erschossen - und wacht wieder in seinem Bett auf. Zehn Mal wird der Ermittler diesen Tag durchleben, in die immer gleiche Grundkonstellation geraten und dabei immer neue Erfahrungen machen. 

Jedes Mal stirbt er am Ende, bis er endlich einen Weg gefunden haben wird, die ewige Wiederkehr des Gleichen zu durchbrechen. Dabei durchläuft Murot alle Stadien der existenzialistischen Philosophie. Am Anfang steht die Erkenntnis der Sinnlosigkeit des Lebens. Denn egal was er tut: am Ende wird er doch sterben. Wie wir alle. "Du kommst hier nie lebend raus", stellt er fest. Das führt zwischenzeitlich zu Gleichgültigkeit und Nihilismus: Wenn alles auf den Tod hinausläuft, dann ist alles egal. Dann gibt es keine Werte und keine Ziele, für die sich das Leben lohnt. Deshalb geht er in einer Episode einfach nicht zur Arbeit und besucht stattdessen ein Ausflugslokal, wo er der Kellnerin eine Torte ins Gesicht schmeißt, Tretboot fährt, Bier trinkt und am Ende in einen LKW rast. "Es ist völlig egal was ich mache. Ich kann machen was ich will." So vergeudet er seine Existenz.

Diese Erfahrung bringt Murot einen entscheidenden Schritt weiter, er lernt schließlich das Leben in all seiner Sinnlosigkeit und Absurdität zu lieben. Er erkennt, dass es ist nicht egal ist, ob man heiratet oder sich scheiden lässt. Ob man Joghurt zum Frühstück isst oder Toastbrot. Oder ob man Menschenleben rettet. "Alles hat eine Bedeutung." Am Schluss hat er den Kreislauf durchbrochen, es ist ein neuer Tag. Murot steht zufrieden auf seinem Balkon, grüßt freundlich seine Nachbarin und erfreut sich seines frisch gebrühten Kaffees. Ein glücklicher Sisyphos.  

"Tatort" mit Ulrich Tukur

LKA-Ermittler Felix Murot (Ulrich Tukur) muss zum wiederholten Mal einen Banküberfall aufklären: Er erlebt den gleichen Tag immer und immer wieder. 

ARD

Warum lohnt sich dieser "Tatort"?

Dietrich Brüggemann ("Drei Zimmer/Küche/Bad"), verantwortlich für Drehbuch, Regie und den kinoreifen Soundtrack, hat einen schnöden Sonntagskrimi in eine philosophische Lehrstunde verwandelt und den Existenzialismus in Form von zahlreichen Dialogen anschaulich erklärt. Diese Konstruktion im Großen wird im Kleinen in zahllosen Anspielungen und Details gespiegelt. Da beklagt sich etwa ein Sanitäter über das von Krimis überfüllte Fernsehprogramm: "'Tatort', 'Polizeiruf', 'Soko', 'Der Alte', 'Der Junge'. Das ist immer dasselbe." Diese Kritik spiegelt sich in der Struktur dieses "Tatorts" wider, der ja auch immer den gleichen Tag erzählt. Daneben ist dies natürlich eine fundamentale Kritik am Fernsehen. Doch gleichzeitig beweist "Murot und das Murmeltier", dass es eben auch anders geht. Und natürlich - der Titel deutet es an - enthält diese Folge zahlreiche Anspielungen auf den Hollywood-Klassiker "Und täglich grüßt das Murmeltier" mit Bill Murray.

Was stört?

Der Film ist von der Konzeption und Umsetzung brillant, an diesem "Tatort" gibt es ausnahmsweise nicht das Geringste auszusetzen. 

Die Kommissare?

"Murot und das Murmeltier" ist noch mehr auf den von Ulrich Tukur gespielten Ermittler zugeschnitten als die anderen Folgen dieser Reihe. Wir erfahren endlich, wie Felix Murot wohnt, lernen einige seiner Nachbarn kennen und dazu multiple Gemütszustände des Einzelgängers.

Ein- oder Ausschalten?

Wer einen klassischen Sonntagskrimi mit einem Verbrechen und anschließender Aufklärung erwartet, sollte lieber wegschalten. Wer dagegen intelligentes und experimentelles Fernsehen liebt, sollte diesen "Tatort" auf keinen Fall verpassen.

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