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"Tatort"-Kritik: Die mordende Krankenschwester

In einer Kölner Klinik wurde der Chefarzt vergiftet. Für die Aufklärung des "Tatort" greift Hauptkommissar Freddy Schenk selbst zum weißen Kittel und trifft überlastete Pfleger, wundersam geheilte Patienten und Anna Maria Mühe als Krankenschwester mit Wahnvorstellungen. Für den Zuschauer bleibt ein großes Fragezeichen.

Von Kathrin Buchner

Schichtdienste, Überstunden, zu wenig Personal und der tägliche Umgang mit kranken, teils todkranken Patienten - Alltag in deutschen Krankenhäusern. Pfleger arbeiten im Akkord, menschliche Zuneigung bleibt auf der Strecke. Gestresste Ärzte, überlastete Schwestern - aus TV-Reportagen sind wir darüber bestens informiert. In fiktionalen Formaten bevorzugen wir allerdings den mitfühlenden Landarzt, einen Doktor-Schönling wie George Clooney oder so ein exzentrisches Superbrain wie Dr House, der sich tagelang den Kopf zerbricht über merkwürdige Erkrankungen seiner Patienten.

Wie schön also, wenn sich ein so überzeugendes Unterhaltungsformat wie der Kölner "Tatort" mal den real existierenden Zuständen im Krankenhaus widmet. Die Geschichte beginnt klassisch und lässt viel Platz für die Ausgestaltung: Der allseits beliebte Chef der Geburtenabteilung wird mit Gift im Kamillentee ermordet. Doch es ist ein Mord ohne Motiv - es finden sich keine Neider, keine Eifersuchtsdramen, keiner, der Rachegelüste wegen Behandlungsfehlern verspürt.

Kommissar Schenk beim Kotze-Aufputzen

So schlüpft Hauptkommissar Freddy Schenk (Dietmar Bär) zur Vor-Ort-Ermittlung in einen weißen Pflegerkittel, und es ist eine Wonne, die plumpe Gestalt des Kommissars beim Kotze-Aufputzen und Essensausteilen zu beobachten. Feinfühlig wie selten erfährt Schenk Intimes vom Pflegepersonal und erfährt am eigenen Leib den Stress in der Klinik.

Doch je mehr Schenk unter Schwestern aufblüht, desto mehr driftet der Krimi ab, ins Märchenhaft-Mystische wie schon der Titel "Rabenherz" andeutet. Und schlachtet dabei ein altbekanntes Klischees aus: Das von der Krankenschwester, die eine Affäre mit ihrem Chefarzt hat. Prompt wird sie schwanger und von ihm zur Abtreibung gedrängt wird. Sie schneidet sich die Pulsadern auf. Ihr skrupelloser Lover lässt sie liegen, die Stationsleiterin rettet sie. Und aus Rache panscht das gebrochene Herz dem Arzt-Zyniker Gift in den Tee - und erwischt dabei leider den Falschen.

Anna Maria Mühe spielt diese Maria, angestrengt, verhuscht, mit hängenden Schultern. Eine tiefgläubige Katholikin, Typ Unschuld vom Lande, die durch die Akkordarbeit überlastet ist, aber übernatürliche Kräfte hat. Wenn sie krebskranken Patienten die Hand auf legt, werden sie wieder gesund. Todesengel und Wunderheilerin. Ist ein schöner Stich ins Herz der Schulmedizin. Aber die Inszenierung quält. Autorenfilm-mäßige Einspielungen von Maria im Märchenwald, langatmig, langweilig und ziellos. In Pseudo-Psychothriller-Manier versuchte sich Regisseur Thorsten C. Fischer an dem Drehbuch von Markus Busch, das am Ende nicht mal klärt, warum der zweite Selbstmordversuch der Schwester Maria nicht klappt. Der Klinik-Krimi krankt. An Pathos. Und Ziellosigkeit. Kein Wunder, dass Hauptkommissar Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) in dieser Folge an Magenschmerzen leidet.