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"Tatort"-Kritik: Ein süßer Tod

Im Münchner "Tatort" dreht sich diesmal alles um die Angst vor dem Altern und den absurden Jugendwahn. Die Kommissare Ivo Batic und Franz Leitmayr tauchen in eine Welt der Botox-Partys und Faltencremes ein - ein spannender Fall mit einer ernsten Botschaft, die unterhaltsam verpackt ist.

Von Lea Wolz

Auch das Schöne muss sterben", heißt es in einem Gedicht von Schiller. Doch kein profaner Tod soll es sein, das zeigt der "Tatort" mit dem Titel "Unsterblich schön" diesmal. Schönheit stirbt in Schokolade. Zumindest in einem Schokoladenbad. Aber der Reihe nach.

Der Fall, den die beiden Münchner Hauptkommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl ) diesmal lösen müssen, spielt in einer Welt der Töpfchen, Tiegelchen, Botox-Partys und Brustoperationen. Konstanze Schiller (Tatjana Alexander), jung, hübsch, erfolgreich und Besitzerin eines Münchner Spas, wird tot aufgefunden - in einer Wanne voller Schokolade, in der sie nach Feierabend in ihrem Wellness-Tempel ein Bad genossen hat. Schnell ist klar: Ein allergischer Schock hat zu einem tödlichen Atemstillstand geführt. Ein typischer Fall für die Notfallspritze. Doch an die kam die junge Schönheit nicht heran, die Tür der Badekabine war abgeschlossen, die Spritze aus ihrer Handtasche entfernt worden. Ein klarer Fall von Mord, das merken auch die Kommissare schnell.

Eine Welt des schönen Scheins

Ihre Ermittlungen führen sie in eine Familie, in der alle dem Jugend- und Schönheitswahn verfallen sind. Für Konstanzes Mutter Rita (Gudrun Landgrebe) gibt es nichts wichtigeres. Andreas Lutz, der Ehemann der Ermordeten (grandios: Robert Atzorn), arbeitet als Model und kämpft mit Botoxspritzen und gefärbten Haaren gegen die Zeichen der Zeit. Statt Werbung für schnelle Autos und Rasierwasser dreht er mittlerweile Spots für Haftcreme und muss Sätze sagen wie "Ich fühle mich sicher mit Smile Free". Um im Anschluss an diese Demütigung noch zu hören, dass er "zu alt" sei - der Todesstoß. Nicht viel besser ergeht es Konstanzes Schwester Dorothea (Victoria Trauttmansdorff), die dem Schönheitsideal nachjagt und doch immer hinter ihrer Schwester zurücksteht. Die hat ihr vor Jahren sogar den Jugendfreund, Andreas Lutz, ausgespannt.

Schon die ersten Minuten des Münchner Krimis fesseln. Schnell ist der Zuschauer in die Welt des schönen Scheins eingetaucht, in der die Fassaden langsam bröckeln. Und in der jeder als Täter infrage kommt: Der Ehemann, den Konstanze Schiller mit dem Mann ihrer Schwester betrogen hat und von dem sie sich kurz vor ihrem Tod trennte. Die verhärmte Schwester, die immer in der zweiten Reihe stand und nun auch noch erfahren muss, dass ihr Mann Jürgen (Peter Davor) mit Konstanze fremdgegangen ist. Auch Jürgen wirkt nicht ganz koscher. Zwar will er am Mordabend in Hamburg gewesen sein, beweisen kann er es nicht. Einen Grund? Hätte auch er: Denn der einzige Liebhaber war er nicht.

Kurzweilig und spannend

Im Gegensatz zum vorigen Fall der beiden Kommissare Batic und Leitmayr, der mühsam, konstruiert und zäh war, bietet dieser Münchner Krimi (Drehbuch Stefanie Kremser, Regie Filippos Tsitos) diesmal einfach gute Unterhaltung am Sonntagabend. Die Dialoge haben Wortwitz, die Figuren sind glaubwürdig, die Schauspieler allesamt klasse. Die Kritik am absurden Jugendwahn ist gut verpackt und kommt nicht moralinsauer daher. Es entbehrt zum Beispiel nicht einer gewissen Komik, wenn sich Leitmayr in einer Apotheke über eine Herren-Anti-Aging-Creme informiert und kurz noch einmal nachfragt, als er den Preis erfährt, ob da auch "Alu-Sportfelgen mit dabei sind".

Ein Genuss ist auch der Auftritt der schönen Damenwelt auf dem Präsidium: Vier Kundinnen des Spas, mit denen Konstanze Schiller, ihre Schwester und ihre Mutter am Mordtag noch eine Botox-Party im Wellness-Tempel gefeiert haben, erscheinen zum Verhör bei Batic und Leitmayr. Wippende Hintern, funkelnde Schühchen, viel Bein, wenig seidig glänzender Rock und Kaffeetassen, die mit spitzen Fingern angefasst werden - so viel geballte Weiblichkeit bringt die Kommissare ganz schön ins Schwitzen. Wie bei einem Casting sitzen ihnen die vier Damen auf schwarzen Lederdrehstühlen gegenüber. Leitmayr bleibt da nur die Frage: "Arbeiten müssen sie aber nicht, oder?" Auf die erntet er allerdings nur ein mildes Lächeln.

Der Krimi-Zuschauer hingegen kann diesmal mitarbeiten, besser gesagt mit kombinieren. Denn schon bald erfährt er, dass Erdnüsse den Allergieschock ausgelöst haben. Und sieht, dass der Ehemann der Ermordeten bei einem Dreh am Tattag Erdnüsse knabbert. Am Tatort haben die Ermittler allerdings ein goldenes Alupapier gefunden - in das eine Erdnusspraline eingewickelt war, eine Anti-Aging-Erdnusspraline versteht sich. Mehr davon entdecken Batic und Leitmayr in der Handtasche der Schwester. Dort befindet sich auch das Handy der Ermordeten. Fest steht schon bald, dass am Tatabend alle drei noch einmal im Spa waren: die Mutter, der Ehemann, die Schwester. Doch umgebracht hat die schöne Konstanze nur einer - und zwar mit einem Kuss. Ein süßer Tod also, zumindest nussig. Und beim Münchner Krimi ist diesmal eben alles dabei: Spannung, Spaß und Schokolade.