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"Tatort"-Kritik: Panik im Pennerglück

Durfte Kommissar Ballauf im letzten Kölner "Tatort" noch sein Alkoholproblem bekämpfen, holt er sich jetzt Läuse als Penner auf der Platte. "Platt gemacht" ist eine vor Kitsch triefende Sozialstudie, die ihrem Titel leider entspricht.

Von Kathrin Buchner

Eigentlich hätte es ganz gut gepasst: Ein hochpolitischer Kölner "Tatort" aus dem Obdachlosenmilieu zum Beginn einer schwarz-gelben Regierungsära. Brennende Mülltonnen gegen soziale Kälte, das Ringen um eine bürgerliche Existenz, die Angst vor sozialem Abstieg. All das hätte "Platt gemacht" sein können, doch leider ist der Titel Programm. Da kippt ein Penner von der Parkbank - er wurde mit Frostschutzmittel im Wein vergiftet. Vom Täter keine Spur. Also ziehen die Kommissare Freddy Schenk (Dietmar Bär) und Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) auf einer ziellosen Odyssee durch Kölns Suppenküchen und Sozialstationen, Nachtschlafstellen und Notunterkünfte.

So verbringen sie zwar schön wenig Zeit hinter Büroschreibtischen, verfolgen potenzielle Täter zu Fuß und per Fahrrad, und es entstehen dabei fast romantisch-impressionistische Bilder von Menschen, deren Zuhause keine Türen hat, die unter Brücken leben und auf Parkbänken schlafen. Schräge Typen tauchen auf, die diebische Elster mit struppig-weißem Vollbart, das zweite Opfer, das an Glykolwein verstirbt, was die Penner endgültig in Panik versetzt. Oder der prollige Asphaltcowboy Django, der Berber-Balladen gröhlt, doch sie bleiben ohne Profil.

Obdachlose als Opferlämmer

Als Mittler zwischen Bürgerlichen und Gesellschaftsaussteigern fungiert Beethoven. Ein schöngeistiger Musterclochard der Sozialromantik, der dem milieuüblichen Fusel widersteht und auf der Platte freiwillig Buße tut für eine schlimme Tat, zur moralischen Erbauung Orgel spielt und abwechselnd Molière und Mark Twain zitiert. Hier blitzt zumindest der Ansatz einer Analyse durch, wie dieser Mann an den Rand der Gesellschaft gelangte. Hollywoodstar Udo Kier hat Regisseur Buddy Giovinazzo für diese Rolle verpflichtet, der erstmals vor der Kamera Kölsch sprechen darf.

Doch Kiers unentschlossene Darstellung reißt diesen "Tatort" nicht aus seinem Betroffenheitsdilemma. Obdachlose werden als Opferlämmer dargestellt, die von widrigen Umständen aus der Bahn geworfen wurden und von ignoranten Kleingeistern mit Baseballschlägern und Benzinkanistern bedroht werden. Menschen, denen es an medizinischer Grundversorgung fehlt, weil sie nicht "wartezimmerfähig" sind, "als das soziale Netz enger gestrickt war, gab es das noch nicht", darf sich Kommissar Schenk wundern.

Vor Kitsch triefende Sozialschmonzette

Platt und plakativ mit einer Überdosis Pathos, Plattitüden und Phrasendrescherei kommt dieser "Tatort" einfach nicht in die Gänge. Zu allem Überfluss blickt man am Ende noch nicht mal durch, wer wen warum ermordet hat. Da werden noch schnell eine Erbschaftsstreitigkeit und eine geldgierige Anwältin eingebaut - als ob die Drehbuchautoren Stefan Cantz und Jan Hinter eine Botschaft platzieren wollten, aber ganz vergessen hatten, sich vorher eine Story dafür zu überlegen.

Am Ende gibt's eine Party, nostalgisch-gelbstichige Bilder zeigen Penner selig schunkeln zur Kölner Band Höhner, das Kölsche Urgestein Peter Millowitsch hat auch noch seinen Auftritt, und der Krimi empfiehlt sich endgültig als vor Kitsch triefende Sozialschmonzette fürs Volkstheater.