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"Tatort"-Kritik: Wenn der Suff das Skalpell führt

Suffexzesse, Kunstfehler im OP und eine getötete Professorengattin: Die Kölner "Tatort"-Folge "Mit ruhiger Hand" über Götter in Weiß, die gerne mal blau sind, ist eine spannende Story, in der Alkoholismus im Ärztemilieu diagnostiziert wird.

Von Kathrin Buchner

Der Professor sitzt im Wohnzimmer mit den Designermöbeln, verschanzt sich hinter seinem Kopfhörer mit Opernmusik, schwenkt die Cognac-Karaffe, die bald leer sein wird. Der Filius im Nebenzimmer dröhnt sich mit Electrobeats und hartem Alkohol zu. Zwischen Vater und Sohn liegt nicht nur die Blutlache der toten Mutter, die Entfremdung ist Ergebnis eines jahrelangen innerfamiliären Zerstörungsprozesses. Männer gefangen in ihrer Isolation, die ihr Elend mit Drinks statt Dialog bekämpfen.

Götter in Weiß, die blau sind - die Kölner "Tatort"-Kommissare Freddy Schenk (Dietmar Bär) und Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) diagnostizieren in der Folge "Mit ruhiger Hand" ein durchaus bekanntes Phänomen: Alkoholismus im Ärztemilieu. Mediziner haben überdurchschnittlich häufig damit zu kämpfen - laut Studien wird die Zahl in Deutschland auf rund 20.000 Betroffene geschätzt.

Professor mit Privatklinik und Promille-Problem

Regisseurin Maris Pfeiffer inszeniert aus den schnöden Zahlen jenseits "Dr. House"-Sarkasmus oder "Emergency Room"-Action einen packenden Krimi: Im Mittelpunkt steht Professor Julius Grann (Roeland Wiesnekker), Erfolgs-Operateur mit Privatklinik, Prunk-Villa und Promille-Problem. Nach einem Charity-Event werden seine Frau und er laut eigenen Angaben zuhause überfallen, die Gattin stirbt durch einen Stich in die Leber, der Professor überlebt die Stichverletzungen und wird in der eigenen Klinik behandelt.

Doch gestohlen wurde nichts, Habgier fällt aus, Rache kommt in Frage. Dem ach so begnadeten Chirurgen ist ein Kunstfehler unterlaufen, sein Klinikkompagnon manipuliert Patientenunterlagen, die tote Professorengattin hatte ein Verhältnis mit einem Untergebenen ihres Mannes, mit dem sie illegale Einwanderer heimlich behandelt - alles Motive, die sich schnell verflüchtigen und die Klinikkost andicken statt zu verwässern.

Denn der Kölner "Tatort" verliert sich nicht in Nebenstränge, sondern bleibt hart am Thema: Seziert das Genie am Skalpell mit detaillierter Beobachtung und prägnanten Bildern. Virtuos spielt der Schweizer Roeland Wiesnekker den cholerischen Chirurg als selbstverliebten Herrscher über Leben und Tod, der an Dauerstress und Leistungsdruck zerbricht. Dank eines Kunstgriffs wird ein gesellschaftlicher Rundumschlag daraus - denn auch Kommissar Max Ballauf hat ein Alkoholproblem: Er hadert mit seinem Job, bei dem er den Dreck anderer Leute "unter dem Teppich hervorkehren muss" und bekämpft die Einsamkeit am Feierabend mit diversen Drinks - erst die Psychologin bringt ihn zum Reden.