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TV-Kritik "Tatort": Das Leben, die Kunst und der Tod

In einer Berliner Galerie wird ein Künstler vom eigenen Kunstwerk erschlagen. Und der Tod macht auch vor den Kommissaren nicht halt. Es ist ein verdammt tiefgründiger "Tatort" - bei dem das Lachen nicht vergessen wird.

Von Sophie Albers

Kostbar sind die Augenblicke, wenn es routinierter TV-Abendunterhaltung gelingt, aus der Mattscheibe zu greifen und den Zuschauer beim eigenen Leben zu packen. Geschafft hat das der Berliner "Tatort" mit dem aussagekräftigen Titel "Die Unmöglichkeit, sich den Tod vorzustellen".

Als zu Beginn der "teuerste deutsche Künstler unter 40" in einer hippen Berliner Galerie von seinem eigenen Kunstwerk erschlagen wird, scheint es bereits zu spuken. Vieles an diesem Hanns Helge (Max von Thun) erinnert an den im August gestorbenen Christoph Schlingensief. Und eine der ersten Fragen bei der Klärung, ob es nicht Mord, sondern ein Freitod war, lautet "War er krank?". Abgesehen vom Spiel mit solchen Wiedererkennungswerten aus dem richtigen Leben, sind es jedoch Grundängste und Gefühle, die diesen Krimi so packend machen.

Stark lacht, Ritter verzweifelt

Kommissar Felix Stark (Boris Aljinovic) nähert sich dem Thema Tod von der distanziert-theoretischen Seite, auch gern mit einem Abstecher in den Zynismus. Er blickt der hübschen Galeristin (Karoline Eichhorn) tief in die Augen, während er mit ihr über Todessymbolik und die letzte Konsequenz der Kunst plaudert. Derweil erwischt es seinen Kollegen Till Ritter (Dominic Raacke) ganz persönlich. Als sein geliebter Onkel Klaus sich das Leben nimmt, setzt Ritter alles daran zu beweisen, dass der vereinsamte alte Mann nicht freiwillig aus dem Leben geschieden ist. Stark lacht - Ritter verzweifelt. Zwei Arten, sich mit dem Wissen um die eigene Endlichkeit auseinanderzusetzen - wenn auch keine zu einer Antwort führt.

Es ist jedoch vor allem die Hilflosigkeit Ritters und seine Angst davor, überhaupt über den Tod nachzudenken, die aus dem entspannten Sonntagabend-Ratespiel ein Stück Leben machen. Davon fühlt sich jeder angesprochen, der jemals über das uns allen irgendwann bevorstehende Ende nachgedacht hat.

"Ich weiß nur, dass ich hier bin"

Die große Auswahl an Verdächtigen im Fall Hanns Helge - ein eifersüchtiger Assistent, eine pragmatische Galeristin, eine forsche Muse, ein gieriger Sammler, eine verklärt lächelnde Kunsthistorikerin sowie eine enttäuschte Mutter - dienen dabei als willkommene Entspannung für den Geist. Denn wie schon Marcel Reich-Ranicki - Thomas Mann paraphrasierend - sagte, darf man dem Tod nicht zu viel Macht über das Leben einräumen. Oder wie es im Pogues-Song "Summer in Siam" heißt, der im Hintergrund der Trauerfeier für den Künstler dudelt: "Ich weiß nur, dass ich hier bin".