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TV-Tipp des Tages für den 20.3.: Schlachtfest für die Ohren

Haben Sie schon einmal einen Film mit geschlossenen Augen gesehen? "Berberian Sound Studio" bereitet auch ohne Bilder Alpträume. Unser TV-Tipp des Tages.

Wie einst Jonathan Harker zu Besuch bei Dracula: Aus dieser Nummer kommt der britische Toningenieur Gilderoy (Toby Jones) nicht mehr heraus

Wie einst Jonathan Harker zu Besuch bei Dracula: Aus dieser Nummer kommt der britische Toningenieur Gilderoy (Toby Jones) nicht mehr heraus

"Berberian Sound Studio"
23.15 Uhr, WDR
AKUSTISCHER INDIE-THRILLER Der Ton macht die Musik - spielt beim Film aber oft nur die zweite Geige. Schwärmen wir von einem besonders guten Streifen, haben wir meist nur Schauspieler, Regisseure und vielleicht noch die Drehbuchschreiber im Blick. Ging mir ganz ähnlich - bis ich über "Berberian Sound Studio" stolperte: Was in meiner Programmzeitschrift schlicht als "Horror" angekündigt wurde, entpuppte sich als noch nie dagewesener Genre-Mix: Dracula meets David Lynch meets Slasher-Thriller - und all dies im Gewand einer Verbeugung vor dem Beruf des Tontechnikers in den 1970ern und dem italienischen Giallo-Genre.

Ich weiß, das klingt jetzt alles wahnsinnig verkopft, aber bleiben Sie noch einen Moment bei mir. Wir begegnen in dieser Filmabsurdität Gilderoy (Toby Jones), einem Tonspezialisten, der für seinen nächsten Job nach Italien gerufen wurde. Der sensible Brite soll die Tonmischung im neuesten Horror-Thriller von Regisseur Giancarlo Santini übernehmen. Ein blutiges Novum für Gilderoy, der eigentlich dafür bekannt ist, harmonische Naturdokumentationen zu vertonen. Doch das Leben im Tonstudio scheint selbst einem Horrorfilm entsprungen - und schon bald kann Gilderoy nicht mehr unterscheiden, was Fiktion und was Realität ist.

Kann ein Film, der hinter die Kulissen eines Thrillers blickt und dessen Mechanismen aufdeckt, überhaupt noch gruseln? Diese Frage mit Ja zu beantworten, wäre untertrieben. "Berberian Sound Studio" verstört nachhaltig - gerade weil wir niemals zu Gesicht bekommen, welche Grausamkeiten sich auf der Leinwand von Santinis Film im Film abspielen. Mit diesem Kunstgriff lässt uns Regisseur und Autor Peter Strickland quasi umgekehrt durch die Kamera blicken: Während auf Zelluloid Menschen geschlachtet werden, sehen wir, wie Gilderoy auf eine Melone eindrischt, um die schmatzenden und knochenbrechenden Geräusche zu simulieren.

Diese Bilder sind für sich genommen schon irritierend. Und doch spielen sie diesmal nur die zweite Geige. Denn "Berberian Sound Studio" sieht man am besten mit den Ohren, der eigentliche Star des Films ist seine Tonspur. Um diese gebührend zu würdigen, möchte ich Sie für heute Abend zu einem kleinen Experiment einladen. Schließen Sie während des Films für einen Moment Ihre Augen und lassen die reine Geräuschkulisse auf sich wirken. Und dann träumen Sie schön. Muahahahaha.

Ein TV-Tipp von Jens Wiesner, freier Autor bei stern.de

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