Politik ist persönlich
Wenn eine Familie die Welt nicht mehr versteht

  • von Hans Czerny
Die Filmemacherin und ihr Großvater Alfred Geisel, ehemaliger Vizepräsident des Baden-Württemberger Landtags, verstehen sich gut. Beide sind Mitglieder der SPD.
Die Filmemacherin und ihr Großvater Alfred Geisel, ehemaliger Vizepräsident des Baden-Württemberger Landtags, verstehen sich gut. Beide sind Mitglieder der SPD.
© ZDF / Samuel Zerbato

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Drei Generationen einer Familie, drei Generationen SPD. Da tritt einer aus und wechselt, scheinbar mir nichts, dir nichts, als Spitzenkandidat zum BSW und geht nach Brüssel. Der Rest der Familie versteht die Welt nicht mehr.

Sie hielten immer zur Sozialdemokratie, sie gingen durch dick und dünn mit ihr. Sie hielten drei Generationen lang die Öffnung ins bürgerliche Lager und den massenhaften Abzug der Grünen in den 70-ern aus. Doch nun wechselt einer aus der baden-württembergischen Juristen- und Politikerfamilie Geisel zur von Sarah Wagenknecht gegründeten Partei BSW und geht nach der Europawahl 2024 als Spitzenkandidat nach Brüssel. Das gab viel Ärger, innerfamiliär. Die Regisseurin Indira Geisel will wissen, was ihren Vater Thomas Geisel, SPD-Mitglied seit 40 Jahren und Ex-OB in Düsseldorf, bei seinem Entschluss angetrieben hat. In ihrem Film (Abschlussfilm an der HFF München) kommen sehr spontan irgendwann sämtliche Familienmitglieder zu Wort, in vorderster Reihe auch der 93-jährige Großvater Alfred, einst Landtags-Vizepräsident in Baden-Württemberg.

"Meine Familie glaubt, ich bin ein Loyalitätsopfer, ein Opfer meiner Loyalität zu meinem Papa", sagt Indira Geisel, die Filmemacherin, seit sieben Jahren immerhin auch schon Mitglied in der SPD. Sie will kein voreiliges Urteil fällen über den Politiker-Vater (mehrere Abschlüsse an US-Universitäten und Teilnahme an allen berühmten Marathons dieser Welt). Da mag der nicht gerade leicht überschaubare Familienrest (Schwestern, Brüder, Opa) noch so sehr die Nase rümpfen oder gar die verbale Giftspritze zücken, mit dem Befund, er habe die Partei nur gewechselt, "damit er wieder mal in ein Mikrofon sprechen kann". Was natürlich heißen soll, er sei in der SPD ausgemustert worden nach der Zeit in Düsseldorf.

Die gespaltene Politfamilie mag so etwas sein wie eine Metapher für den ganzen Rest der Republik: Wohin führt die Gespaltenheit? Wird künftig überhaupt noch das Regieren möglich sein? – Da hilft es wenig, sich an frühere Größen wie Brandt, Bahr oder Helmut Schmidt zu erinnern und die alten Grundsätze – sich einzusetzen für die sogenannten "kleinen Leute" – zu beschwören. Mit seinem etwas anderen, lockeren Familienporträt ist der Film zweifellos mittendrin in einer politisch hilflos wirkenden Parteienkonstellation, die vergeblich um gesicherte Lösungen ringt. Ein fürwahr authentisches, packendes Stück Polit-Fernsehen.

Politik ist persönlich – Mo. 01.06. – ZDF: 23.55 Uhr

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