Als am 23. Juni 2016 eine knappe Mehrheit der britischen Bevölkerung für den Austritt aus der EU stimmte, war die weltpolitische Lage noch eine andere: Russland hatte noch nicht die Ukraine überfallen, das Corona-Virus hatte noch nicht die Weltwirtschaft gelähmt, und im Weißen Haus saß Barack Obama anstatt Donald Trump. Zehn Jahre später hat die damalige Entscheidung im Vereinigten Königreich deutliche Spuren hinterlassen. Bezahlbarer Wohnraum und gut bezahlte Jobs sind selten. Darunter leiden nicht zuletzt junge Menschen Anfang bis Mitte zwanzig, deren eigenständiges Leben gerade erst beginnt. Mit welchen Problemen und Sorgen die jungen Männer und Frauen zu kämpfen haben und wie sie heute über das Referendum denken, bei dem sie selbst noch nicht einmal abstimmen durften, zeigt die "Weltspiegel Doku: Großbritannien: Die Brexit-Erben – Jetzt reicht's!" (am Mittwoch, 17. Juni, 23.35 Uhr, im Ersten, sowie vorab in der ARD Mediathek). Im Interview berichtet die Filmemacherin Mareike Aden, die seit 1. Januar 2025 Korrespondentin im ARD Studio London ist, was sie bei ihren Recherchen am meisten überrascht hat. Auch ordnet die 43-Jährige das derzeitige Regierungschaos auf der Insel ein: Wird es bald einen Premierminister geben, der weder der Labour-Partei noch den Torys angehört? Und wie wahrscheinlich ist eigentlich ein Wiedereintritt in die EU?
teleschau: Wie ist die allgemeine Stimmung in Großbritannien aktuell?
Mareike Aden: Sehr viele Briten sind unzufrieden mit der sozialdemokratischen Labour-Regierung. Um die britische Wirtschaft steht es nicht gut und die Lebenshaltungskosten sind gestiegen. Wir befinden uns hier im Moment in einer politischen Zwischenphase. Alle wissen, dass Premier Keir Starmers Tage im Amt gezählt sind. Nach dem schlechten Ergebnis seiner Partei bei den Lokalwahlen am 7. Mai bringen sich innerparteiliche Herausforderer gegen Starmer in Stellung. Aber weil der Favorit, Andy Burnham, der Bürgermeister von Manchester, noch nicht im Parlament ist, kann er ihn formal noch nicht herausfordern. Es gibt eine Nachwahl am 18. Juni, die er erst einmal gewinnen muss. Dieses Gefühl, dass es politisch nicht rund läuft, ist ein Dauerzustand, den die Briten schon kennen. Das überdeckt natürlich ein bisschen die Sommerlaune und die große Vorfreude auf die WM.
teleschau: Auf Instagram schrieben Sie kürzlich von Massenprotesten in London. Stehen die mittlerweile an der Tagesordnung, oder war es ein einmaliges Ereignis?
Aden: Die stehen nicht an der Tagesordnung. Der letzte Massenprotest, von dem wir berichtet haben, geschah am 16. Mai durch den Aufruf des rechtsextremen Aktivisten Tommy Robinson. Er ist ein ehemaliger Hooligan, der jetzt breitere Unterstützung erfährt. Bereits im September konnte er, laut Polizei, 150.000 Menschen, vielleicht sogar mehr, mobilisieren. Und das waren nicht nur Menschen mit extremer Meinung, sondern auch Personen, von denen man früher gesagt hätte: "Die laufen da nie mit." Diese Menschen waren so unzufrieden mit der Lage im Land, dass Robinson sie mit seinem Slogan "Unite the Kingdom" mobilisieren konnte. Sein Hauptthema: Menschen, die mithilfe von Schleuserbanden über den Ärmelkanal von Frankreich nach Großbritannien gelangen – im Jahr 2025 kamen so etwa 41.000 Menschen unerlaubt ins Land. Kein anderes Thema sorgt für so viel Unruhe und Streit im Land. Auf der anderen Seite hat die Robinson-Demo aber auch sehr viele Menschen schockiert. Im März hatte deshalb eine breite Koalition von Organisationen und linken Parteien zu einem antirassistischen Protest aufgerufen. Dafür gingen auch sehr viele Menschen auf die Straße. Aber auch jenseits solcher Proteste zieht sich die Unzufriedenheit durchs Land. Selbst die, die Labour gewählt haben, sagen inzwischen: "So kann es nicht weitergehen." Die Antworten auf die Frage, wie man aus dieser Krise herauskommt, die unterscheiden sich natürlich sehr, je nachdem, wo man im politischen Spektrum gerade steht.
Warum die letzte Parlamentswahl ein "Erdrutschsieg ohne Liebe" war
teleschau: Die Lokalwahlen sind auch Teil Ihrer "Weltspiegel Doku: Großbritannien: Die Brexit-Erben – Jetzt reicht's!" ...
Aden: Genau. Wir begleiten unter anderem zwei Kandidaten und zeigen – ohne zu viel zu verraten -, dass am Rand gewählt wird. Zum einen gibt es die Partei Reform UK, die Rechtspopulisten, die in einigen Teilen des Landes sehr stark zugelegt haben. In anderen Teilen des Landes, zum Beispiel in London, hat die Green Party sehr zugelegt. Das ist im Grunde die linkspopulistische Antwort auf Reform UK. Aus beiden Parteien begleiten wir einen Kandidaten. Der eine ist 20 Jahre, der andere 21 Jahre. Der Fokus der Doku liegt auf den jungen Briten, die vor zehn Jahren beim Brexit-Referendum noch nicht wählen durften, weil sie zu jung waren, aber mit der Entscheidung leben müssen.
teleschau: Inwieweit ist die Green Party vergleichbar mit den Grünen hierzulande?
Aden: Parteien über Länder hinaus zu vergleichen ist immer schwierig. Aber es ist auf jeden Fall so, dass sich die grüne Partei hier sehr verändert hat. Ursprünglich ist sie mit ganz vielen Umweltthemen an den Start gegangen. Aber seit Herbst haben sie einen neuen Parteichef: Zack Polanski setzt auf das Thema soziale Gerechtigkeit, auf erschwinglichen Wohnraum und auf eine Reichensteuer. Er wettert gegen das Etablishment, spricht selbst von Öko-Populismus. Damit hat er in Teilen der Gesellschaft einen Nerv getroffen. Damit und mit ihrer Pro-Palästina-Position schaffen die Grünen es, viele Junge für sich zu gewinnen. Man weiß natürlich noch nicht, ob sich das bei einer Parlamentswahl dann auch so widerspiegeln würde, oder ob die Leute sagen: "Wir wählen die jetzt mal zur Probe aus Protest." Aber dass einerseits die Grünen und andererseits Reform UK so stark geworden sind, war schon sehr eindrücklich.
teleschau: Könnte der nächste Premierminister also weder aus den Reihen von Labour noch von den Torys kommen?
Aden: Das kann durchaus passieren. Im Moment weiß man noch nicht, wann die nächste Parlamentswahl ist. Eigentlich müsste die Labourpartei die nächste Wahl erst 2029 einberufen. Als sie im Sommer 2024 an die Macht kamen, hatten sie eine sehr klare Mehrheit bei den Sitzen. Wir sprachen damals von einem "Erdrutschsieg ohne Liebe", weil die Menschen so genug hatten von den Konservativen, dass sie gesagt haben: "Jetzt probieren wir mal was anderes aus." Aber man sieht es ja in Deutschland auch, wie schnell sich die Unzufriedenheit mit einer Regierung manifestiert. Jetzt ist es so, dass uns die Leute sagen: "Ja, wir wollten Wandel nach den vielen Jahren mit konservativen Regierungen, aber Labour hat es auch nicht geschafft. Jetzt geben wir mal den anderen eine Chance." Labours Antwort darauf scheint zu sein, den Premier auszuwechseln. Die Frage ist nur, ob sie dem Druck von der Opposition in einem solchen Fall überhaupt standhalten würden, oder ob ein neuer Parteichef und Premier dann nicht doch Neuwahlen einberufen müsste. In vielen nationalen Umfragen führen Reform UK derzeit, gefolgt von den Grünen.
"Viele haben das Gefühl, dass sie um den Generationsvertrag betrogen werden"
teleschau: Die "Weltspiegel Doku" konzentriert sich auf die jungen Menschen im Vereinigten Königreich. Was sind die größten Probleme, die diese Generation aktuell umtreiben?
Aden: Das größte Problem, das nicht nur diese Generation umtreibt, ist die soziale Ungleichheit. Die jungen Menschen merken, dass es ihnen nicht besser geht als den Älteren, obwohl es oft versprochen wird. Wohnen ist teuer, ganz viele wohnen noch bei ihren Eltern. Sie kriegen, wenn überhaupt nur Einstiegsjobs, die nicht gut bezahlt sind. Die Lebenshaltungskosten sind seit Jahren wahnsinnig hoch. Das ist nicht nur in London so, sondern im ganzen Land. Das größte Thema der jungen Menschen, egal, wo sie politisch stehen, war in unseren Gesprächen aber immer der Wohnraum. Sie sagen: "Wir können uns nichts leisten. Wie sollen wir uns ein Leben oder eine Zukunft aufbauen?" Viele haben das Gefühl, dass sie um den Generationsvertrag betrogen werden.
teleschau: Inwieweit spielt der Brexit in diese Entwicklung mit hinein?
Aden: Es war ganz lange schwierig, zu erkennen: Was war der Covid-Effekt? Was ist tendenziell auf Krisen in der Welt zurückzuführen? Das ist natürlich auch das, was die Brexit-Befürworter sagen. Aber mittlerweile, zehn Jahre nach dem Referendum und ungefähr sechseinhalb Jahre nach dem tatsächlichen Brexit, ist klar, dass die zusätzliche Bürokratie und Zölle für weniger Handel sorgen und das Wirtschaftswachstum massiv verlangsamt haben. Eine im vergangenen Jahr veröffentlichte Studie führender Wirtschaftswissenschaftler beziffert die durch den Brexit verursachten Einbußen der britischen Wirtschaftsleistung auf sechs bis acht Prozent.
teleschau: Welche Probleme gibt es sonst noch?
Aden: Wir sehen Probleme im Gesundheitssystem. Das betrifft die Älteren noch stärker, aber die Jungen merken auch, dass Wartezeiten lang sind und Medikamente teurer wurden. Vor allem gibt es weniger Ärzte und Pflegepersonal aus EU-Ländern. Früher kamen viele aus Polen, Rumänien, aber auch aus Deutschland hierher. Die kommen jetzt nicht mehr, wodurch die Krankenhäuser, die immer schon überlastet waren, noch mehr belastet werden. Das Aufregerthema überhaupt ist aber wie gesagt die Einwanderung, vor allem mit den sogenannten "small boats" über den Ärmelkanal. Die reguläre Einwanderung ist derzeit auf einem Niedrigstand. Aber dass sie das Problem mit den "small boats" nicht in den Griff bekommt, wird der Labourregierung sehr angekreidet. Mit 41.000 Menschen, die 2025 rübergekommen sind, ist das im Vergleich manch anderem Land in Europa gar nicht so viel. Aber das wird hier mit dem überlasteten Asylsystem einfach polarisierend aufgenommen.
"Eine wahnsinnige Überraschung, dass diese Musikindustrie so unter dem Brexit leidet"
teleschau: Was hat Sie auf Ihrer Recherchereise am meisten überrascht?
Aden: Vor meiner Recherche zum Film hatte ich mich noch nicht so richtig mit den Auswirkungen des Brexits auf die Musikbranche befasst. Beim Brexit denkt man zuerst an Zölle, an die Wirtschaft und an die Fischerei. Laut der führenden britischen Musikgewerkschaft ist es für knapp 60 Prozent der Bands finanziell nicht mehr rentabel, Touren in der EU zu machen. Die Großen, die können sich das natürlich weiter leisten. Aber für diejenigen, die gerade so hochkommen, ist es ein Verlustgeschäft. Oft machen sie es aber trotzdem, weil es einfach so wichtig ist, wenn man sich einen Namen machen will, auch in Europa präsent zu sein.
teleschau: Für die Doku haben Sie eine Punkband auf ihrer Europatour begleitet. Wie war es?
Aden: Es ist echt anstrengend! Mein Job ist auch nicht unanstrengend, aber mit einer Punkband unterwegs zu sein, war doch mal eine Schippe drauf. Davor habe ich echt Respekt!
teleschau: Was genau macht Touren in der EU für britische Bands so schwierig?
Aden: Zunächst einmal darf eine Band nicht einfach mit einem Touristenvisum einreisen, sondern sie braucht in der Regel ein Arbeitsvisum. Für die meisten Bands ist der Verkauf von Merchandise wichtig, also T-Shirts oder LPs. Weil der Binnenmarkt weg ist, kann Merchandise aber nicht einfach von Großbritannien in die EU gebracht werden. Es werden Zölle fällig. Und es müssen Listen vom gesamten Equipment angefertigt werden, sogenannte Carnets, damit dafür keine Ein- und Ausfuhrsteuer anfällt. Das vorzubereiten, kostet Zeit und Geld. Das war für mich eine wahnsinnige Überraschung, dass diese Musikindustrie, die so eine Strahlkraft hat und die für Großbritannien ja auch wichtige Soft Power ist, so unter dem Brexit leidet.
"Über 80 Prozent der 16- bis 24-Jährigen sind für einen Wiedereintritt in die EU"
teleschau: Ist die junge Generation also nach wie vor eher für einen Wiedereintritt in die EU?
Aden: Ja. Das war auch einer der Gründe, durch den ich auf das Thema für die Dokumentation gekommen bin: Über 80 Prozent der 16- bis 24-Jährigen sind, laut Umfragen, für einen Wiedereintritt in die Europäische Union. Aber eine Aktivistin, die wir ein Stück auf ihrem Fußmarsch für den Wiedereintritt in die EU von London nach Brüssel begleiten, ist trotzdem klar die Jüngste in ihrer Gruppe. Die anderen, die sind eher so 50, 60. Das finde ich spannend: Anscheinend wollen fast alle zurück in die EU, aber irgendwie merkt man diesen Wunsch noch nicht so wirklich. Okay, sie wählen vermehrt die Green Party, deren Parteichef für den Wiedereintritt wirbt. Aber ich habe auch den Eindruck, dass ganz viele junge Menschen einfach auch so mit existenziellen Fragen beschäftigt sind, dass sie gar keine Zeit haben, sich gegen den Brexit und für andere politische Themen auf die Straße zu gehen.
teleschau: Gibt es überhaupt noch offene Brexit-Befürworter?
Aden: Für den Brexit geht niemand mehr auf die Straße. Es ist schon länger so, dass die Mehrheit – auch bei den Älteren – den Brexit eher als Fehler sieht. Nur knapp ein Drittel der Menschen sagt weiterhin, dass der Brexit richtig war. Manche der ehemaligen Brexit-Befürworter sagen heute: "Naja, der Brexit wurde halt nicht richtig umgesetzt." So richtig glücklich ist mit dem Brexit niemand mehr.
Hegen Sie die Hoffnung auf einen Wiedereintritt?
teleschau: Manchmal scheint es, als nähere Keir Starmer sein Land wieder an die EU an: Anfang des Jahres etwa einigte man sich auf einen Wiedereintritt in das Erasmus-Austauschprorgamm. Hegen Sie die Hoffnung auf einen Wiedereintritt?
Aden: Die Labourregierung hat einen Reset versprochen. Es gab im letzten Jahr einen EU-UK-Gipfel mit Ursula von der Leyen, bei dem man sich zum Beispiel auf den Abbau einiger Handelshindernisse eignete. Wenig später wurde bekannt, dass Großbritannien wieder beim Erasmus-Programm mitmachen will – und dafür natürlich zahlen muss. Es gab immer rote Linien, die vor allem Keir Starmer gezogen hat: wie den Binnenmarkt oder die Freizügigkeit. Wahrscheinlich hatte er Angst, alte Wunden aufzureißen. Aber seit diesem Jahr hat man auf einmal das Gefühl, dass wieder mehr Leute über den Wiedereintritt sprechen. Es gibt jetzt auch Forderungen von Politikern, die sagen: "Wir müssen wieder eintreten!" Als Gründe werden die Unberechenbarkeit von den USA unter Donald Trump und die schlechte Wirtschaftslage genannt. Es kommt also Bewegung in die Sache. Ob das geschieht und wie schnell, hängt von der Frage ab, wer der neue Premierminister wird. Er wird auf jeden Fall Reform UK im Nacken haben, die gegen den Brexit sind. Ein künftiger Premier könnte sich deshalb aber auch an der Wählerschaft der Grünen orientieren, die für den Wiedereintritt sind. Eine ganz andere Frage ist zudem, wie die EU reagiert, wenn Großbritannien wieder eintreten will. Sie werden sicher Bedingungen stellen.
teleschau: In Schottland stimmte das Parlament kürzlich für die Beantragung eines zweiten Unabhängigkeitsreferendums. Wie schätzen Sie dessen Erfolg ein?
Aden: Für Schottland war der Brexit ein wahnsinniger Schock. Die schottische Bevölkerung hat damals klar gegen den Brexit gestimmt, musste aber mit austreten. Deshalb gab und gibt es Bemühungen um ein zweites Referendum. Wenn aber Schottland ein Referendum abhalten will, dann muss das von der britischen Regierung genehmigt werden, das hat 2022 der britische Oberste Gerichtshof entschieden. Das Argument der britischen Regierung war und ist: Mit dem jüngsten Unabhängigkeitsreferendum ist die Frage für die Generation entschieden worden.
teleschau: Wobei das Referendum kurz vor dem Brexit-Votum stattfand ...
Aden: Ganz genau, das war 2014 Hier in Westminster will keiner den Schotten absehbar noch mal ein Referendum geben, weil natürlich viele Angst haben, dass das Königreich auseinanderbricht. Allerdings hat die Schottische Nationalpartei (SNP), die politisch die Unabhängigkeit vorantreibt, gerade wieder einen Wahlsieg erzielt und in Wales hat auch die nationalistische Partei, die für eine Unabhängigkeit ist, die Regionalwahlen gewonnen. Der Druck (auf die Zentralregierung) wird also auf jeden Fall größer.