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Corona-Verschwörungstheorien: Was hat es damit auf sich?

Verschwörungstheorien haben Hochkonjunktur: Warum die Corona-Krise so ein guter Nährboden ist, verrät Experte Michael Butter.

Bill Gates ist für viele Verschwörungstheoretiker ein Feindbild.

Bill Gates ist für viele Verschwörungstheoretiker ein Feindbild.

Verschwörungstheorien haben in der Corona-Krise Hochkonjunktur. Warum die aktuelle Lage so ein guter Nährboden dafür ist, weiß Michael Butter, Professor für Amerikanische Literatur- und Kulturgeschichte an der Universität Tübingen und Experte zu Verschwörungstheorien. Im Interview mit der Nachrichtenagentur spot on news erklärt der Autor von "Nichts ist, wie es scheint" (Suhrkamp), warum Bill Gates (64) das Feindbild vieler Verschwörungstheoretiker ist und wie man reagiert, wenn Freunde Verschwörungstheorien unterstützen.

Hätten Sie zu Beginn der Krise oder des Lockdowns gedacht, dass die Corona-Pandemie so viele Verschwörungstheorien heraufbeschwört?

Michael Butter: Das war relativ schnell abzusehen und kam eigentlich nicht überraschend. Wir haben das in den vergangenen Jahren bei jedem Ereignis von Bedeutung gesehen: Sie wurden sofort in bestehende Verschwörungsnarrative integriert. Und das ist auch bei Corona geschehen. Die allerwenigsten Corona-Verschwörungstheorien sind völlig neu, es wird im Grunde vor allem an Verschwörungstheorien angebaut, die schon länger im Umlauf sind. Insofern war das durchaus ab Mitte Februar absehbar, ab Anfang März, als es in Europa losging, hat es dann richtig Fahrt aufgenommen.

Wieso bildet die Corona-Krise so einen guten Nährboden für Verschwörungstheorien?

Butter: Die Corona-Krise ist ein besonders guter Nährboden, weil Verschwörungstheorien eine Antwort auf Unsicherheit sind. Und was könnte unsicherer sein für uns alle als die derzeitige Lage. Gleichzeitig haben wir das im Grunde bei sämtlichen Ereignissen der vergangenen Jahre gesehen, sei es bei der Wirtschaftskrise, Kriegen, Präsidentschaftswahlen, dem Brexit oder Anschlägen wie bei Charlie Hebdo, Halle oder in Christchurch. Da kommen sofort Dutzende Verschwörungstheorien auf, die das aufnehmen und in ihre Erzählmuster integrieren.

Was kennzeichnet eine Verschwörungstheorie?

Butter: Der Begriff wird umgangssprachlich nicht immer präzise gebraucht. Rein wissenschaftlich zeichnen sich Verschwörungstheorien durch drei Komponenten aus. Erstens nehmen sie an, dass nichts durch Zufall geschieht, alles geplant wurde. Es gibt eine Gruppe, die die Strippen in der Hand hält und nach deren Willen sich die Ereignisse entfalten. Zweitens operiert diese Gruppe im Geheimen, das heißt, es ist nichts so, wie es scheint. Man muss hinter die Kulissen schauen, unter der Oberfläche suchen, um zu erkennen, was wirklich vor sich geht. Und drittens: Wenn man das dann tut, erkennt man, dass alles miteinander verbunden ist, dass es Verbindungen zwischen Figuren, Institutionen und Ereignissen gibt, die man nicht für möglich gehalten hätte, die aber, wenn man mal begriffen hat, dass da eine Verschwörung im Gange ist, absolut schlüssig sind.

Was ist für Sie als Wissenschaftler derzeit besonders spannend zu beobachten?

Butter: Es ist interessant, dass die Phase von Anfang März, in der ganz viele Verschwörungstheorien überall in Europa und den USA nebeneinanderstanden, jetzt einer Phase gewichen ist, in der sich auch länderspezifische Präferenzen herausgebildet haben. Die haben sehr oft damit zu tun, wie die Krise in den einzelnen Ländern verläuft. In Deutschland zum Beispiel ist es wenig überraschend, dass sich die Version als die dominante herauskristallisiert hat, die besagt, dass es das Virus gar nicht gibt oder vollkommen ungefährlich ist - weil bei uns alles relativ glimpflich abgegangen ist.

In Frankreich oder Italien scheint es so zu sein, dass die Version die populärste ist, die sagt, dass das Virus eine Biowaffe ist, die in Umlauf gesetzt wurde. In Frankreich glaubt das nach einer Umfrage von Mitte März fast 30 Prozent der Bevölkerung. Und ganz interessant sind die USA, ein Land, das extrem betroffen ist - dort erkennt man die Spaltung der Gesellschaft. 40 Prozent der republikanischen Anhänger denken, dass die Krise komplett übertrieben sei und das bewusst Hysterie und Panik geschürt würde, um Präsident Trump zu schaden.

Fast überall scheint bei Verschwörungstheoretikern Bill Gates ein großes Feindbild zu sein. Wieso gerade er?

Butter: Da gibt es eine Reihe von Faktoren, die eine Rolle spielen. Der erste ist, dass Verschwörungstheorien im Normalfall ein Gesicht brauchen, auf das man sich einschießen kann. Und Bill Gates bietet sich an. Der eine Grund dafür ist, dass er derjenige zu sein scheint, der von dieser Krise einen Nutzen hat. Verschwörungstheoretiker fragen immer, wer vermeintlich profitiert, um so die angeblich Schuldigen zu identifizieren. Im Weltbild der Verschwörungstheoretiker, in dem alles geplant ist, kann man sich nicht vorstellen, dass jemand von etwas profitiert, wofür er nicht verantwortlich ist. Und Bill Gates wird dann eben unterstellt, dass er mit seiner Stiftung einen globalen Impfzwang durchsetzen will und deshalb das Virus in Umlauf gebracht hat. Eine andere Version besagt, dass er sich einfach bereichern möchte an den Impfungen, die er verkaufen wird und deshalb das Ganze inszeniert hat. Oder, die dritte Version, dass er die Weltbevölkerung reduzieren will. Hier finden also alle Richtungen zusammen: Die Leute, die sagen, das Virus sei komplett ungefährlich und diejenigen, die meinen, es sei extrem gefährlich und es für eine Biowaffe halten, können sich auf Bill Gates als Feindbild einigen.

Der zweite Faktor, weshalb man sich so auf ihn eingeschossen hat, ist, dass er mit seiner Stiftung Ende des letzten Jahres eine globale Pandemie, die in China ihren Anfang nimmt, simuliert hat und er deshalb in den Augen der Verschwörungstheoretiker das besitzt, was sie Vorwissen nennen. Das ist ganz wichtig für deren Argumentation. Sie schauen immer, wer vorher schon angeblich Bescheid wusste und das müssen dann die Leute sein, die in die Pläne involviert waren und deshalb dafür verantwortlich sind.

Und der dritte Faktor ist, dass Bill Gates vorher schon das Ziel von Verschwörungstheorien war. Impfkritiker hatten ihn und seine Stiftung im Visier, weil er die WHO unterstützt - die vielen von ihnen suspekt ist -, und weil er Impfprogramme auf der ganzen Welt finanziert. Insofern war er einer der üblichen Verdächtigen, und ist jetzt bei noch mehr Menschen zum Hauptverdächtigen geworden.

Welche Menschen fühlen sich von Verschwörungstheorien besonders angezogen?

Butter: Was psychologische Prädispositionen angeht, kann man das ganz gut identifizieren, zumindest in der Gegenwart, in der westlichen Welt. Da gibt es zwei Arten von Menschen, die besonders empfänglich für Verschwörungstheorien sind. Zum einen Menschen, die ein Gefühl der Machtlosigkeit erfahren und das Gefühl haben, sie haben keinen Einfluss auf die Dinge. Und zum anderen Menschen, die schlecht mit Unsicherheit und Ambivalenz umgehen können. Verschwörungstheorien schaffen Sicherheit, weil sie identifizieren, wer angeblich dahintersteckt, was angeblich vor sich geht und wo das angeblich hinführen soll. Das ist offensichtlich für viele Leute leichter, als zu akzeptieren, dass man nicht weiß, was vor sich geht oder zu akzeptieren, dass niemand dahintersteckt.

Was demografische Faktoren angeht, ist es schwieriger. Man muss ganz klar sagen: Verschwörungstheorien kommen bei Alten wie bei Jungen vor, bei Armen wie Reichen, bei Männern wie bei Frauen, bei Linken wie bei Rechten und auch bei Moderaten in der Mitte. Aber es gibt gewisse Tendenzen, die sich abzeichnen: Männer sind offensichtlich empfänglicher für Verschwörungstheorien als Frauen. Das liegt daran, dass Verschwörungstheorien immer auch verzerrte Antworten auf große gesellschaftliche Veränderungen sind, und so eine Antwort geben auf die Krise der traditionellen Männlichkeit in der westlichen Welt in den letzten Jahrzehnten. Die Versorger- und Beschützerrolle ist gefährdet, das kann man durch eine Verschwörung erklären. Hinzu kommt vielleicht auch, dass Männer, mehr noch als Frauen, das Bedürfnis haben, etwas Besonderes sein und sich aus der Masse herausheben zu wollen. Verschwörungstheorien gelten derzeit immer noch als stigmatisiertes Wissen, es ist nicht normal, daran zu glauben. Da ist es sicherlich so, dass man sich über den Glauben an Verschwörungstheorien, gerade wenn man diese offensiv verbreitet, auch der eigenen Besonderheit versichern kann. Man gehört zu denjenigen, die begriffen haben, wie die Welt funktioniert, wenn die anderen alle blind durchs Leben laufen.

Auch der Bildungsgrad scheint einen gewissen Einfluss zu haben. Studien zeigen, dass mit höherem Bildungsgrad die Neigung abnimmt, an Verschwörungstheorien zu glauben. Was vermutlich damit zu tun hat, dass, je länger man in der Schule oder an der Universität war, die Chancen steigen, dass man mit Erklärungsmodellen in Berührung gekommen ist, die gesellschaftliche Prozesse erklären können, ohne auf verschwörungstheoretische Grundannahmen zurückzufallen.

Wie reagiert man, wenn Freunde oder Bekannte Verschwörungstheorien anhängen und weiterverbreiten?

Butter: Das kommt darauf an, wie sehr diese Person schon drinsteckt. Wir wissen, dass es nichts bringt, bei überzeugten Verschwörungstheoretikern Fakten anzubringen. Studien zeigen: Wenn man diese Menschen mit schlüssigen Gegenbeweisen konfrontiert, glauben sie danach noch mehr an ihre Verschwörungstheorien, weil ihre Identität, für die diese Verschwörungstheorien so wichtig ist, massiv in Frage gestellt wird. Da müsste man offen herangehen, Detailfragen stellen, in der Hoffnung, irgendwann einen Selbstreflexionsprozess anzustoßen. Man könnte fragen: "Warum glaubst du das? Wieso findest du diese Quelle überzeugender als die? Wie passt das, was du gerade gesagt hast, zu dem, was du vor 20 Minuten gesagt hast?" Ob das von Erfolg gekrönt ist, sei dahingestellt. Es ist auf jeden Fall ein langer, schmerzhafter Prozess, den man vielleicht auch nicht immer eingehen möchte.

Bei Menschen, die damit in Berührung gekommen, aber noch nicht völlig überzeugt sind von diesen Theorien, bringt es durchaus etwas, auf die Fakten hinzuweisen. Und zu erklären, dass man das für eine Verschwörungstheorie hält. Man kann auf problematische Grundannahmen hinweisen und erläutern, dass es dem widerspricht, was anerkannte Experten sagen. Da hat man dann durchaus noch eine Chance.

Menschen, die an die Corona-Verschwörungstheorien glauben, gehen auch auf die Straße. Können Verschwörungstheorien eine Gefahr für die Gesellschaft werden?

Butter: 25 bis 33 Prozent der Deutschen glauben Schätzungen zufolge vermutlich an Verschwörungstheorien. Diese Demonstrationen sind eine populistische Bewegung, aber nicht zu vergleichen zum Beispiel mit Pegida. Die Corona-Proteste sind weiblicher, bunter und linker, auch wenn natürlich Rechte versuchen, diese zu vereinnahmen. Ich denke aber nicht, dass das gelingt.

Was mir eher Sorgen bereitet: 20 Prozent der Bevölkerung stimmen den Maßnahmen der Regierung nicht zu, von denen geht die überwältigende Mehrheit momentan nicht auf die Straße. Wenn nun die Wirtschaftskrise kommt, fürchte ich, dass sich ein Teil von denen von der AfD einsammeln lässt. Die wird garantiert argumentieren, dass die Regierung die Krise schlecht gehandhabt hat. Und die AfD war immer gut darin, Verschwörungstheoretiker und Nicht-Verschwörungstheoretiker in der Praxis des Protestes zu vereinen, indem sie Themen, auf die sie sich konzentriert, immer verschwörungstheoretische und nicht-verschwörungstheoretische Komponenten gibt. Ich denke, das wird auch bei Corona wieder passieren.

SpotOnNews