Helmut Dietl "Die Liebe und die Arbeit sind meine Waffen gegen den Tod"


In diesem Monat kommt sein neuer Film "Vom Suchen und Finden der Liebe" in die Kinos. Ein Gespräch mit dem Regisseur Helmut Dietl über Beziehungsmacken, Selbstmordgedanken und, vor allem, über die Liebe.

Herr Dietl, Sie sind 60 Jahre alt, zum vierten Mal verheiratet, haben drei Kinder von drei Frauen und eine ganze Reihe von Affären und Beziehungen hinter sich. Glauben Sie eigentlich an die große Liebe?

Ich habe tatsächlich immer bei Beziehungen gedacht: Das ist es jetzt, und das bleibt es auch. Ich habe immer gehofft, dass die Liebe ein Leben lang halten würde. Nun war ich natürlich nicht so doof, nicht zu wissen, dass das eigentlich nicht geht. Und in diesem Dilemma zwischen Hoffen und Wissen habe ich mich immer befunden. Inzwischen sage ich mir: Ich behalte meinen Glauben an die Liebe bei, auch wenn ich um die Vergeblichkeit weiß. Lieber will ich mir die Finger noch einmal verbrennen, als ein kaltes Leben zu führen. Dann könnte ich mich ja gleich erschießen.

Woher dieser Pessimismus?

Ich bin scheidungsgeschädigt und habe bei meiner Mutter und meinen Großmüttern schon sehr früh gemerkt, wie sehr sie darunter leiden, dass das mit der Liebe offenbar nicht geht.

Was ist denn die Liebe für Sie?

Es gibt diesen großartigen Verhaltensforscher Karl Grammer, der hat wunderbare Erklärungen der Liebe. Er sagt, dass die sexuellen Tätigkeiten, die man in diesem Zusammenhang verübt, sowieso nur das Ziel der Fortpflanzung hätten. Das leuchtet mir ein. Und wenn man den Geschlechtsakt mit einem Partner vollführt, der möglichst anders ist als man selbst, dann hätte man den optimalen Parasitenschutz. Liebe sei biologisch gesehen nur der Versuch, den Parasiten zu entrinnen.

Das klingt aber nicht so, als sei das auch Ihre Vorstellung.

Ich finde das hochinteressant, und ich glaube durchaus, dass das alles dazugehört. Aber ich sehe die Liebe am liebsten romantisch. Sie ist ein Rausch, eine Droge. Bei meinen frühen Erfahrungen mit Drogen habe ich festgestellt, dass das Verliebtsein mit Sicherheit die allerbeste ist. Dann braucht man keine anderen. Verliebtsein ist ein Idealzustand.

Wie sind Sie in diesem Idealzustand?

Ich bin ein besserer Mensch. Ich bin einfallsreicher, gütiger, konzilianter, zufriedener. Darum ist das Verliebtsein natürlich auch so toll.

Ihrem neuen Film, "Vom Suchen und Finden der Liebe", merkt man diese Zerrissenheit an: einerseits die Sehnsucht nach der großen Liebe, andererseits die Überzeugung, dass sie immer scheitern muss.

Ich hätte keinen durchgehend sentimentalen Film machen können. So bin ich nicht, und so ist auch meine Sicht der Welt und der Menschen nicht. Ich sehe immer das Pathetisch-Sentimentale und das Komische zugleich - und zwar in allem.

Wie hält man das aus?

Man hält's ja nicht aus.

Und wie lebt man dann?

Mir war schon sehr früh klar, dass wir nur vorübergehend auf der Welt zu tun haben und dass das Leben eigentlich keinen Sinn hat. Der Tod saß vom Anfang meines Lebens an neben mir. Aber man muss irgendetwas dagegensetzen, und da gibt es nur zwei Dinge: die Liebe und die künstlerische Arbeit. Das sind meine Waffen gegen den Tod.

Haben Sie je an Selbstmord gedacht?

Daran denke ich jeden Tag.

Haben Sie es schon mal versucht?

Neeee. Ich habe wohl versucht, mich zu zerstören, mit Drogen und anderem. Das ist nicht ganz gelungen. Vor ungefähr 25 Jahren war ich fast so weit, das hatte ganz stark mit dem Tod meiner Mutter zu tun. Als sie starb, war vorübergehend das Leben für mich sinnlos geworden. Das äußerte sich in den merkwürdigsten Phänomenen: Ich hatte immer Flugangst, aber kaum war meine Mutter tot, war die Angst weg. Ich hatte auch eine Zeit lang keine Angst vor dem Sterben mehr.

Und hat Ihnen damals die Liebe geholfen?

Die Liebe hilft immer.

Aber offenbar nur vorübergehend. "Vom Suchen und Finden der Liebe" erzählt eine Liebesgeschichte in den ersten fünf Minuten - und dann geht es nur noch um das Leiden nach der Trennung. Haben Sie so das Scheitern Ihrer Beziehung mit Veronica Ferres verarbeitet?

Es bleibt jedem unbenommen, das zu deuten, wie er will. Andererseits möchte ich doch für mich in Anspruch nehmen, dass ich nicht kolportagehaft arbeite. Natürlich beschreibe ich eigene Erfahrungen und Beobachtungen, die ich bei anderen gemacht habe. Meine Arbeit hat immer mit mir zu tun, das will ich gar nicht abstreiten.

Im Film geht es um einen Komponisten und eine Sängerin, die er zum Star formt. Am Ende trennen sie sich, weil er sie so verändert hat, dass er sie nicht mehr lieben kann - und sie zudem kreuzunglücklich gemacht hat. Auch da drängt sich die Parallele zu Ihrer Geschichte mit Veronica Ferres auf, die Sie ja auch erst zum Star gemacht haben.

Mir ging es aber um etwas anderes. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man in den ersten exaltierten Zeiten der Verliebtheit eine verschwommene Gefühlsbrille trägt - und wenn man die dann abnimmt, genügt der andere einem plötzlich nicht mehr so, wie er ist. Man stellt Mängel fest, die man unter Umständen vorher sogar geliebt hat, und die gehen einem wahn-sinnig auf den Wecker. Also versucht man, den anderen zu verändern.

Neigen Sie dazu?

Ja, und wie. Das ist ja mein Problem. Das war einer der Gründe, warum Beziehungen schief gingen. Dabei ist es natürlich verhängnisvoll, wenn man Regisseur ist. Denn man hat immer das Bedürfnis, alles umzumodeln. Das ist eine unglaublich pedantische Obsession - übrigens auch in anderen Bereichen. Ich habe mal in Frankreich auf meinem Grundstück Bäume pflanzen lassen, und kaum waren die alle gepflanzt, habe ich zum Gärtner gesagt: Das gefällt mir noch nicht, setzen Sie die bitte ein bisschen nach links und nach hinten. Und dann sagte der Gärtner: Monsieur, das ist ein Garten, kein Film.

Und haben Sie die Bäume umpflanzen lassen?

Natürlich. Ich konnte nicht anders. Die Bäume haben es aber überlebt.

Frau Ferres offenbar auch.

Aber das habe ich nicht nur mit der Vroni gemacht, das war immer so. Jetzt langsam wird es ein bisschen besser. Ich begreife allmählich, dass man sich zurückhalten muss, und halte meinen Mund. Ich versuche zu akzeptieren, dass der andere Mensch ein anderer ist.

Und: Klappt es?

Immer öfter. Das Problem ist ja: Wenn es einem gelungen ist, den anderen so zu verändern, wie man ihn haben wollte, interessiert er einen nicht mehr.

Da ist der Weg zum Doktor Frankenstein nicht mehr weit...

Na ja, Frankenstein. Ich nehme für mich in Anspruch, dass ich es immer vehement abgelehnt habe, wenn die Frauen, mit denen ich zusammen war, auch nur die kleinste Schönheitsoperation vornehmen lassen wollten. Ich will nichts Perfektes. Ich finde den Reiz, auch den sexuellen, nicht im Perfekten.

Heidi Klum hätte bei Ihnen keine Chance?

Nee. Ich habe noch nie ein Model gehabt. Ich finde das asexuell. Mich interessieren die kleinen Fehler. Ein Häschen oder ein Reh wollte ich nie. Ich habe es eher mit Frauen gehabt, mit richtigen Frauen. Und das war halt nicht so einfach.

Wer war denn dann der Stärkere?

Frauen haben immer mehr Macht über mich gehabt als umgekehrt.

Das behaupten mächtige Männer gern...

Jetzt kommen Sie mir mit so was! Ich bin ja mit meiner Mutter und meinen Großmüttern aufgewachsen und habe daher eine große Bewunderung für Frauen. Frauen sind viel stärker als Männer, die halten viel mehr aus. Was Frauen alles schaffen: Eine Familie mit Kindern zu versorgen und gleichzeitig einen Beruf, da würde jeder Mann in die Knie gehen.

In Ihrem neuen Film greifen Sie auf eine der größten Romanzen der Weltliteratur zurück: den Mythos von Orpheus und Eurydike. Was hat Sie daran gereizt?

Ich habe die griechischen Sagen schon als Kind gelesen, und sie haben mich unglaublich fasziniert. In der Mythologie geht es ja nur um Sex, und ich habe damals gedacht: Das muss eine ganz tolle Sache sein, wenn die Götter nichts anderes im Kopf haben. Die Initialzündung war die Orpheus-Arie von Gluck, die mir meine Frau Tamara vorgespielt hat. Kurz danach entstand daraus ein Bild, das mich in einer meiner vielen schlaflosen Nächte überfiel: eine Frau, die in die Unterwelt hinabsteigt, um ihren Geliebten zu holen.

Eine Frau, wie Sie sie gern hätten?

Mag sein, dass ich mir immer gewünscht habe, jemand würde mich aus meiner ständigen Unterwelt zurückholen. Wenn ich jetzt zu einem Therapeuten ginge, könnte der mir das vermutlich alles genau erklären, aber ich gehe da nicht hin, sonst mache ich keine Filme mehr.

Haben Sie denn das Gefühl, Sie leben in der Unterwelt?

Für mich ist das schon der Normalzustand. Ich bin ja eher Melancholiker und habe immer wieder Probleme mit depressiven Situationen.

Anders als Orpheus und Eurydike scheitert das Paar in Ihrem Film an den Banalitäten des Alltags. Schon auf dem Weg aus der Unterwelt fängt er mit Eifersüchteleien und Kritteleien an.

Ich finde, ich bin da sehr aufrichtig. Was tun Leute denn, wenn sie versuchen, sich wieder zusammenzuraufen? Sie wollen alles besser machen, strengen sich auch sehr an, und dann fallen sie zurück in ihre alten Verhaltensweisen, weil sie halt nicht anders sind, als sie sind, schwach und unzulänglich. Das stelle ich einfach als eine menschliche Wahrheit fest.

Aber was Sie die Wahrheit nennen, ist doch auch nur eine Sicht der Dinge - und zwar eine ziemlich trostlose.

Das ist nicht trostlos, das verbitte ich mir. Es geht einfach um das schreckliche Unvermögen der Menschen, mit Situationen der Liebe und des Glücks umzugehen, weil wir alle irgendwo einen Stachel im Fleisch haben, der uns immer wieder mit solchen lächerlichen, unverhältnismäßigen Streitereien anfangen lässt. Wenn Sie sagen, das sei traurig oder pessimistisch, dann möchte ich das doch zurechtrücken. Sicher ist das traurig. Aber haben Sie schon mal eine lustige Liebe erlebt?

Jedenfalls glauben wir nicht, dass Liebe immer scheitern muss.

Wenn Sie im Umkehrschluss behaupten wollen, Liebe sei ein Modell, das nicht scheitert - wer von uns beiden lügt dann?

Und darum servieren Sie uns die schreckliche Wahrheit?

Schrecklich wäre es, wenn ich lügen und erzählen würde, dass es so wunderbar geht. Wenn ich nicht durch die bedingte Klarheit meines Verstandes das immer wieder relativieren würde. Das wäre unaufgeklärt und unanständig.

Woran erinnern Sie sich, wenn Sie an die Lieben Ihres Lebens denken?

Für mich gilt das, was ich auch im Film geschrieben habe: Ich möchte mich lieber an etwas Großes erinnern, an etwas Romantisches, an etwas Unmögliches. Wenn ich jemanden geliebt habe, will ich mir den Gedanken erhalten, dass es eine besondere Liebe war. Ich verstehe nicht, warum ich eine verflossene Liebe mies machen sollte. Sicher, man hadert oft, aber was hat man davon, alles schlecht zu reden? Man beschädigt nur nachträglich sich, den anderen und auch diese Zeit seines Lebens. Das ist das Dümmste, was man machen kann.

Wie kann eine Liebe gelingen?

Ich glaube, dass es immer dann am besten geht, wenn einer deutlich der Mann ist und der andere deutlich die Frau. Sonst lässt auch die erotische Anziehungskraft schneller nach.

Ist denn Sex ein Indikator von Liebe?

Um mich noch einmal auf Grammers Untersuchungen zu berufen: Sexuelles Missvergnügen ist in 99 Prozent aller Fälle die Ursache von Trennungen. Ich muss sagen, da verstehe ich den Mann.

Kann ein Seitensprung eine Beziehung retten? In Ihrem Film klappt es bei einem im Alltagstrott erschlafften Ehepaar wieder, nachdem sie beide fremdgegangen sind.

So einfach geht's natürlich nicht immer, aber das gibt es auch. Da kommt das Thema Macht und Besitzanspruch ins Spiel. Denn dann geht es ja darum, dass einer mir etwas wegnehmen will, das mir gehört, und also nehme ich wieder davon Besitz, im sexuellen Sinne.

Die Frau im Film hätte ihrem Gatten auch Viagra in den Tee tun können.

Ich glaube nicht, dass man mit Pharmaka das Sexualleben in einer ansonsten ermüdeten Beziehung wieder zum Leben erwecken kann. Ich habe nie Viagra genommen, und ich will es auch nicht. Sex findet zuerst im Kopf statt. Sicher gibt es danach dann auch noch ausführende Organe, aber das ist etwas anderes.

Wie wichtig ist die Treue?

Ich halte die Treue grundsätzlich für ein wesentliches Element der Liebe, weil Untreue immer etwas von Verrat hat. Wenn ich betrogen wurde, war ich immer sehr verletzt, auch sehr eifersüchtig. Ich bin ja auch selbst fremdgegangen, und vielleicht habe ich gerade deshalb immer in der Furcht und dem Misstrauen gelebt, dass man mich betrügt. Damit lag ich auch nicht so falsch. Dabei hatte ich bei meinem eigenen Fremdgehen immer das Gefühl, das sei gar nicht so wichtig. Gleichzeitig hatte ich aber immer ein wahnsinnig schlechtes Gewissen (lacht).

Sie haben jetzt noch einmal Treue geschworen: ihrer vierten Frau Tamara. Mit welcher Haltung geht man in eine solche Beziehung?

Eigentlich mit der gleichen Hoffnung und dem gleichen Bewusstsein wie vorher auch, nämlich dass es wohl nicht ganz einfach werden wird. Aber unsere Beziehung ist sehr gut. Ich habe fast das Gefühl, Tamara versteht mich besser als andere bisher. Wir passen, glaube ich, sehr gut zusammen. Sie ist Fisch, ich bin Krebs.

Wie haben Sie Tamara davon überzeugt, dass sie jetzt wirklich die letzte und einzige Frau in Ihrem Leben ist?

Davon musste ich sie gar nicht überzeugen. Sie war von Anfang an meiner Meinung. Ich kannte die Tamara ja schon lange, und sie gefiel mir auch. Aber erst als meine Beziehung mit der Vroni am Ende war, war ich innerlich frei - und auch bereit. Und das hat Tamara wohl auch gemerkt. Ich habe sie angerufen, wir gingen essen, dann gingen wir nach Hause, und da blieben wir. Bis heute.

Interview: Florian Gless/ Susanne Weingarten

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