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Hilary Swank: Auch nur ein Mädchen

Den ersten Oscar erhielt sie für ihre Rolle als Junge, den zweiten erboxte sie sich, doch Hilary Swank kann auch anders. Im stern.de-Interview spricht sie über ihre alte und neue Liebe, ihre Kindheit im Trailerpark und erklärt, weshalb sie sich öffentlich die Haare stutzen ließ.

Ihr neuester Film heißt "P.S. I love you". Wann haben Sie das letzte Mal diese Worte geschrieben?

Großartige Frage! Richard LaGravenese, er hat das Drehbuch zu "P.S. I Love You" geschrieben und Regie geführt. Als ich mit ihm den Film "Freedom Writer" drehte, entdeckte er, dass ich eigentlich ein lustiges "girlie girl" bin. Ich trage gern hübsche Kleider, hochhakige Schuhe, mag Make-up und Spaß. In den Rollen, mit denen ich berühmt wurde, kam diese Seite von mir bisher nie zum Vorschein. Richard hat mir die Gelegenheit gegeben, endlich einmal das romantische Mädchen zu spielen - und das "I love you" war mein Dankeschön an ihn.

Sie sind bekannt dafür, tief in Ihre Rollen einzutauchen. Wie bereiten Sie sich auf Ihre Filme vor?

Für den Film "Boys don't cry" habe ich mich vier Wochen lang als Junge verkleidet, für "Million Dollar Baby" 15 Pfund Muskeln antrainiert. Doch für "P.S. I love you" musste ich mich körperlich überhaupt nicht vorbereiten, nur etwas lesen. In meinem nächsten Film spiele ich die Flugpionierin und Frauenrechtlerin Amelia Earhart und für diese Rolle werde ich fliegen lernen.

In "P.S. I love you" gehen Sie durch ein lange und schwere Trauerphase nach dem Tod Ihres Mannes. Mit dem Tod mussten Sie sich in Ihrem Leben zwar noch nicht auseinandersetzen, aber eine Scheidung kann ein ähnlicher Trauerprozess sein. Wie ist der Stand der Dinge mit Ihrer Trennung von Chad Lowe?

Ich war mit Chad 14 Jahre lang zusammen, bin mit ihm erwachsen geworden. Chad war immer einer meiner besten Freunde, und wir sind immer noch in Kontakt. Deswegen musste ich mich mit dem Verlust eines Menschen noch nie richtig auseinandersetzen. Allerdings ist mein Hund Lucky, den ich als Teenager bekam, vergangene Woche gestorben. Dabei wurde mir klar, wie wichtig die kleinen Dinge sind. Den Kopf eines Hund streicheln, mit jemanden Händchenhalten…

Der neue Mann an Ihrer Seite ist Ihr ehemaliger Agent John Campisi. Was finden Sie attraktiv an einem Mann?

Humor. Bescheidenheit. Wenn er sich gut mitteilen kann. Das sind für mich die drei wichtigsten Qualitäten.

Und was finden Sie romantisch?

Mir sind die kleinen Dinge wichtig: Frühstück im Bett, Händchenhalten im Kino, eine handgeschriebene Notiz in der Manteltasche, auf der steht: Hab einen schönen Tag.

Sie wirken sehr lebhaft und voller Energie…

Ich bin sehr aktiv. Mit 19 habe ich mir geschworen, dass ich nie mehr Langeweile verspüren will. "Sitz nicht auf deinem Hintern", sagte ich mir, "mach was!" Wenn ich mich also langweile, bedeutet das, dass ich faul bin. Und es gibt soviel zu lernen, so viel zu sehen, so viele Bücher zu lesen… Momentan lerne ich italienisch.

In "P.S. I love you" haben Sie noch lange Haare. Jetzt tragen Sie Kurzhaar-Frisur. Warum?

Viele Mitglieder meiner Familie sind an Krebs erkrankt. Allein im Jahr 2000 wurde bei 760.000 Frauen Krebs diagnostiziert. 60 Prozent dieser Frauen hatten die größte Angst davor, ihre Haare durch eine Chemotherapie zu verlieren. Acht Prozent von ihnen verzichteten deshalb lieber auf die Behandlung. Deswegen hab ich mir die Haare wachsen lassen, um sie in der TV Show von Oprah Winfrey schneiden lassen. Damit wollte ich andere inspirieren, das gleiche zu tun, um aus ihren Haare Perücken herstellen zu lassen. Für mich war das keine große Sache.

Sie sind im Besitz von zwei "Oscar's". Wie hat das Ihr Leben verändert?

Interessanterweise überhaupt nicht. Wenn ich früher die Oscar-Verleihung im Fernsehen verfolgte, war ich mir sicher, dass das Leben der Gewinner nie mehr das Gleiche sein würde. Nun wurde ich mit dem wichtigsten Preis meiner Branche ausgezeichnet, von Menschen, die ich mein Leben lang bewundert habe - nicht nur einmal, sondern zweimal. Aber ich bin die gleiche Person geblieben: das Mädchen aus dem "Trailer Park" mit einem großen Traum. Ich führe immer noch meinen Hund Gassi und mache die Wäsche. Allerdings hat sich meine Job-Situation verändert - zum Positiven.

Was hatten Sie für eine Kindheit?

Ich komme aus einer Familie der unteren Einkommensschicht. Mein Vater war beim Militär. Geboren wurde ich in Nebraska und bin in Bellingham/Washington in "Trailer Parks" (dt. Wohnwagensiedlungen) aufgewachsen. Als Kind fand ich nichts dabei. Ich hatte ein Dach überm Kopf, was zum Essen und meine Familie liebte mich. Aber ich habe schon sehr früh gelernt, was Klassenunterschied bedeutet. Die Eltern meiner Freunde wollten nicht, dass ihre Kinder mit mir spielen. Als wenn das Arm-sein eine ansteckende Krankheit wäre. Als Kind habe ich mich immer als Außenseiter gefühlt, viel gelesen und Filme angesehen. Ich konnte mich mit den verschiedenen Charakteren identifizieren und von ihnen lernen, fast so, als seien sie meine Freunde. So entdeckte ich die Schauspielerei. Auch ich wollte Geschichten erzählen, von denen andere lernen können. Als ich etwa 15 war, haben sich meine Eltern getrennt. Meine Mutter wusste von meiner Leidenschaft für die Schauspielerei, ich spielte damals Theater in der Schule. Sie sagte: "Wenn Dir wirklich was daran liegt, sollten wir nach Los Angeles ziehen." Also packten unsere Habseligkeiten ins Auto und zogen mit 75 Dollar in der Tasche los. Die ersten Wochen schliefen wir im Auto, bis meine Mutter einen Job als Sekretärin fand. Dann lebten wir ein Jahr lang in einem möblierten Zimmer. Als ich meine ersten TV Rollen bekam, zogen wir in ein kleines Häuschen. Meine Mutter hat immer an mich geglaubt.

Wie haben Sie sich nach Ihrem ersten großen Erfolg bei ihrer Mutter bedankt?

Ich wollte ihr ein Grundstück kaufen im Staat Washington, dort wo wir herkamen. Die Überraschung ist mir leider nicht gelungen. Meine Mutter wurde extrem wütend und ich musste ihr schwören, dass ich das Grundstück nicht kaufe. Meine Mutter hat mich zur Unabhängigkeit erzogen und diese Eigenschaft ist ihr so wichtig, dass sie mein Geschenk nicht annehmen wollte. Nun versuche ich sie zu verwöhnen, so gut ich kann. Sie hat nicht viel von der Welt gesehen, deshalb nehme ich sie auf alle meine Reisen mit. Bald wird sie 60 und da möchte ich ihr einen großen Cadillac kaufen mit einer riesigen Schleife drum herum. Ich wüsste nicht, wo ich heute ohne sie wäre. Meine Mutter ist eine wunderbare Frau.

Interview: Frances Schönberger