ZDF-Psychologe über das Phänomen Liebe
Leon Windscheid: "Man muss einen grundsätzlichen Fehler bei Partnerbörsen und Matching vermeiden"

  • von Eric Leimann
Romantische Gefühle an romantischen Orten? Was braucht es tatsächlich fürs Gelingen der Liebe? Leon Windscheid widmet sich dieser Frage in den beiden Dokus Liebe: Wie sie kommt" und "Liebe: Wie sie bleibt".
Romantische Gefühle an romantischen Orten? Was braucht es tatsächlich fürs Gelingen der Liebe? Leon Windscheid widmet sich dieser Frage in den beiden Dokus Liebe: Wie sie kommt" und "Liebe: Wie sie bleibt".
© ZDF/Mika Völker

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Leon Windscheid, Deutschlands bekanntester Psychologe, beschäftigt sich in den beiden ZDF-"Terra X"-Dokus "Liebe: Wie sie kommt" und "Liebe: Wie sie bleibt" mit dem weltweit populärsten Gefühl. Lieben wir anders im digitalen Zeitalter? Welche grundsätzlichen Fehler begehen wir beim Online-Dating?

In zwei "Terra X"-Dokus zum Thema Liebe beschäftigt sich Deutschlands Chef-Psychologe Leon Windscheid mit zwei der wichtigsten Fragen rund ums wohl populärste menschliche Gefühl: die Liebe. Folge eins "Liebe: Wie sie kommt" (Sonntag, 31. Mai, 19.30 Uhr, ZDF) ist bereits ab Mittwoch, 27. Mai, in der ZDF-Mediathek zu sehen. Folge zwei "Liebe: Wie sie bleibt" läuft am Sonntag, 7. Juni, um 19.30 Uhr im ZDF. Diese Folge steht ab Mittwoch, 3. Juni, in der Mediathek bereit. Im Interview zur doppelten Liebes-Doku erzählt Leon Windscheid, warum wir bei Dating-Apps oft einen entscheidenden Fehler begehen und auf was es in einer langfristig glücklichen Partnerschaft tatsächlich ankommt.

teleschau: Ihre Doku über die Liebe hat zwei Folgen. Die erste fragt danach, wie die Liebe kommt. Die zweite will erforschen, wie die Liebe bleibt. Was ist für Sie die spannendere Frage?

Leon Windscheid: Ich glaube, beides gehört zusammen. Junge Menschen interessieren sich vor allem für den Anfang, also fürs Verlieben. Wir leben ja mit dem Phänomen, dass immer mehr Junge von Einsamkeit berichten. Sie finden, dass es stets schwieriger wird, sich kennenzulernen. Ein Grund hierfür ist, dass viele Menschen in eine Online-Welt abgedriftet sind – gerade junge. Ältere, die schon ein Stück weiter im Leben sind, interessieren sich öfter dafür, wie die Liebe bleibt. Was man tun kann, um eine Beziehung frisch und spannend zu halten. Dennoch sind beide Fragen für uns Menschen gleich wichtig.

teleschau: Was ist unser größtes Problem mit der Liebe?

Windscheid: Eine überzogene Anspruchshaltung. Viele Menschen denken, es müsse auch bei ihnen alles so laufen wie im Disney-Film, Musical oder in einer kitschigen Netflix-Serie. Und dann trifft man auf die Realität, in der es den perfekten Menschen oder Partner nicht gibt. Ein Londoner Forscher sagte mir sinngemäß, dass sich die Menschen heute mit absolut verrückten Vorstellungen auf Partnersuche begeben. Mit Zielen und Ansprüchen, die nicht realisierbar sind. Weil Menschen Ecken und Kanten haben, was in unserer Welt und dem Leben der ständigen Optimierung gern ausgeblendet wird.

"Liebe ist nichts Einfaches"

teleschau: Haben Social Media und das Streben nach Perfektion das Konzept der klassischen jungen Liebe zerstört?

Windscheid: Das ist eine interessante Theorie, an der sicher auch etwas dran ist. Es ist aber selten so, dass nur ein Grund verantwortlich ist für Zeit-Phänomene wie zum Beispiel die Einsamkeit der Jungen. Es gibt auch da biologische und soziale Faktoren, die eine Rolle spielen. Dennoch erleben wir erstmals in der Geschichte der Menschheit ein Phänomen, dass sich ein Großteil unserer sozialen Interaktionen in die digitale Welt verlagert hat. Dass wir uns oft nicht mehr physisch gegenüberstehen, wenn wir miteinander zu tun haben. Wenn die Kids heute fünf oder sechs Stunden tägliche Screentime haben, ist das vergleichbar mit früher fünf bis sechs Stunden Fernsehen pro Tag. Hätte man damals so gelebt oder erzogen, die pädagogischen Alarmglocken wären schrill angegangen. Da hätte man gesagt: Das ist alles andere als gesund!

teleschau: Etliche Partnerbörsen versprechen – teils mithilfe psychologischer Tests – den am besten geeigneten Partner für die Kunden da draußen zu finden. Können uns Algorithmen die Liebe einfacher machen?

Windscheid: Wir haben uns für die Doku nicht explizit mit Partnerbörsen und Matching beschäftigt. Die Themen, die dort verhandelt werden, spielen aber in unsere beiden Filme hinein. Man muss einen grundsätzlichen Fehler bei Partnerbörsen und Matching vermeiden: Es ist mitnichten so, dass wir nur die richtige Person mit den richtigen Merkmalen finden müssen und dann ist alles super. Eine funktionierende Partnerschaft bedeutet, dass man zusammen etwas aufbaut. Selbst wenn sich zwei Menschen zu Beginn Hals über Kopf ineinander verlieben, bedeutet das nicht, dass man danach auf ewig die Hände in den Schoß legt. Eine länger währende Beziehung ist immer ein Machen und Tun. Liebe ist nichts Einfaches. Sie kann zu Beginn wunderschön sein, aber man muss auch etwas dafür machen, damit die Liebe bleibt.

"Irgendwann sitzt man in der gleichen Funktionsjacke am Picknicktisch"

teleschau: Was ist Liebe eigentlich, wenn man sie rein physiologisch betrachtet?

Windscheid: Ein durchaus komplexes Gefühl, weil zwei widersprüchliche Prozesse im Körper ablaufen. Zum einen wird ganz viel Glücksstoff ausgeschüttet. Wir produzieren viel Serotonin und Dopamin, wenn wir verliebt sind. Andererseits erlebt der Körper auch eine Stressreaktion: Cortisol und Adrenalin werden ausgeschüttet. Wir sind also "high" und gestresst. Das ist ein Zustand, der uns ziemlich viel abverlangt. Man kann sich vorstellen, dass eine Dating-App das kaum regeln kann. Die eigentliche Arbeit kommt erst nach dem Match.

teleschau: Man hört heute öfter den Spruch "Liebe ist eine Entscheidung", was so viel heißt wie "Liebe ist Arbeit". Unterstreichen ihre Recherchen diese Theorie?

Windscheid: Wenn die Schmetterlinge im Bauch weggeflogen sind, fängt irgendwann die Arbeit an. Sie muss sich aber keineswegs schal oder anstrengend anfühlen. Ich mag das Konzept der Liebe im Sinne einer Selbsterweiterung: Ich erweitere mein Selbst, indem ich eine Verbindung mit einem anderen Menschen eingehe. So kommen neue Gedanken in meinen Kopf, vielleicht auch eine neue Art von Humor und vieles mehr. Dinge, die ich alleine nicht hatte. Natürlich gibt es auch den Effekt, dass sich zwei Personen komplett angeglichen haben. Dann verpufft dieser Effekt und es kann durchaus öde werden. Irgendwann sitzt man in der gleichen Funktionsjacke am Picknicktisch und schweigt sich an. Um so etwas zu verhindern, ergibt es Sinn, dass jeder Partner auch Räume für sich hat und man Zeit alleine verbringt. Um so wieder neue Dinge in die Beziehung hineintragen zu können.

"Momente, in denen wir die Schmetterlinge im Bauch wieder fühlen"

teleschau: Die Schmetterlinge vom Anfang einer Liebe kommen in der Regel nicht wieder?

Windscheid: Doch, das können sie schon. In aufblitzenden Momenten. Eine amerikanische Forscherin erzählte mir von einem Bild der Liebe als fliegendem Fisch. Die meiste Zeit seines Lebens verbringt er unter der Wasseroberfläche, wie es sich für einen Fisch gehört. Und das ist auch gut so. Dort gibt es den Job, das Haus, die Kinder, den Alltag. Es gibt aber diese kurzen Momente, da fliegt der Fisch über der Wasseroberfläche. Es sind jene Momente, in denen wir die Schmetterlinge im Bauch wieder fühlen. Wer also wie ein fliegender Fisch lebt, hat in Sachen Liebe vielleicht alles richtig gemacht.

teleschau: Gibt es unterschiedliche typische Gründe, warum sich Paare in verschiedenen Lebensphasen trennen?

Windscheid: Ein Faktor, der für alle gilt, ist Zeit. Die Zufriedenheit mit der Beziehung nimmt für viele Paare mit der Zeit ab. Manche trennen sich dann und ich bin kein Verfechter der Meinung, dass dies immer eine Niederlage darstellt. Viele Menschen trennen sich und merken danach: Mir geht es jetzt viel besser. Dass man eine Beziehung trotz vieler Probleme und Frust über viele, viele Jahre aufrechterhält, ist kein Wert an sich. Es gibt aber auch Ausnahmen: Paare, bei denen die Zufriedenheit im Lauf der Beziehung steigt. Weil man sich immer besser kennt und schätzt. Weil man gelernt hat, dass man sich auf den anderen verlassen kann. Es gibt allerdings typische Trennungssituationen: Wenn zum Beispiel das zweite Kind aus dem Gröbsten raus ist, erleben wir in vielen Ländern einen Peak der Trennungen.

"Es geht darum, dass man etwas aus dem macht, was man gefunden hat"

teleschau: Sie beschäftigen sich im Film auch mit arrangierten Ehen. Sind Menschen, die in solchen Beziehungen leben, unglücklicher als jene, die ihren Partner selbst ausgesucht haben?

Windscheid: Wir haben das nicht statistisch untersucht, waren aber in London und dort in einem Viertel unterwegs, in dem viele Menschen mit indischem Hintergrund leben. Dort sprachen wir Paare auf der Straße an und fragten, wie sie zusammengekommen sind. Und da war ich total überrascht, dass vier oder fünf von vielleicht sechs oder sieben Paaren, die wir gefragt hatten, ohne Scheu zugaben, dass ihre Ehen von der Verwandtschaft arrangiert wurden. Ich dachte natürlich, dass so etwas heute doch unmöglich und total übergriffig ist. Die Befragten sahen dies aber ganz anders. Sie waren froh, ihren Partner so gefunden zu haben. Dass sie die Chance hatten, sich über Jahre und Jahrzehnte kennenzulernen. Einige dieser Paare wirkten tatsächlich sehr verliebt.

teleschau: Haben Sie gefragt, ob die finale Entscheidung, ob man vermittelt wurde, bei den späteren Eheleuten selbst lag?

Windscheid: Wir konnten bei der Straßenumfrage nicht ins Detail gehen, aber ich hatte den Eindruck, dass man heutzutage bei dieser Art Partnervermittlung durchaus ein Mitspracherecht hat und das Prinzip der Zwangsehe nicht das vorherrschende ist. Die arrangierte Ehe scheint mir in diesem Kulturkreis eher wie ein Vorschlag zu sein. Einer, der offenbar öfter passt. Ich will keine Werbung für dieses Vorgehen machen, aber darauf hinweisen, dass es mehr als einen Weg gibt, den passenden Partner oder die passende Partnerin zu finden.

teleschau: Hat dies ihr Bild von der Liebe verändert?

Windscheid: Es hat bei mir zumindest eine Theorie verfestigt: Dass es in der Liebe weniger darum geht, den Traumprinzen oder die Traumprinzessin zu finden, sondern darum, dass man etwas aus dem, was man gefunden hat, macht.

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