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Ratgeber: Wie sollen wir wohnen?

Auch Prominente haben ihre kleinen Einrichtungsnöte. Der Designer und Architekt Matteo Thun hat sich im Auftrag des stern ihrer Sorgen angenommen.

Ich besitze dunkle Kirschbaummöbel und überlege, in meinem Haus helles Parkett zu verlegen. Nun habe ich allerdings Angst, dass Möbel und Parkett nicht harmonieren. Kann man verschiedenfarbiges Holz kombinieren?

Matteo Thun: "Aber selbstverständlich! Der König der Holzkombination war der Pariser Innenarchitekt Jean Michael Frank, bei dem fast alle geklaut haben, es aber nie zugeben würden. Er brachte das Kunststück fertig, ein Dutzend verschiedener Hölzer in einem Raum unterzubringen. Es kommt nicht auf die Art des Holzes an, sondern nur darauf, wie man es behandelt. Bei Hochglanz befindet man sich ganz klar im Risikobereich. Ist die Oberfläche gewachst oder unbehandelt, dann passen fast alle Holzarten zusammen."

Beim Gedanken an kleine Teppiche unter den Wohnmöbeln wird mir übel. Andererseits machen solche Inseln eine Wohnung gemütlich. Gibt es eine Lösung, die nicht spießig ist?

Matteo Thun: "Wieso spießig? Teppiche sind doch fabelhaft! Wählen Sie gewagte Farben, am besten eingefasste Meterware mit schönen Bordüren von Vorwerk oder Anker. Von Perserteppichen und ihren Derivaten rate ich allerdings dringend ab."

Wie kann ich den Fernseher am besten ins Wohnzimmer integrieren, ohne diesen "Altareffekt" hervorzurufen, also ohne dass das gesamte Zimmer aussieht, als sei es rund um den Fernseher eingerichtet?

Matteo Thun:

"Ganz ehrlich? Ein Fernseher gehört überhaupt nicht ins Wohnzimmer. Er stört und verhindert gute Gespräche. Stellen Sie ihn ins Schlafzimmer, mit einer versteckten Auf-und-ab-Maschine hinter Ihrer Kommode. Am besten aufgehoben ist der Fernseher im Bad. Ja, lachen Sie nicht, Männer finden es großartig, beim Rasieren die Nachrichten gucken zu können. Man installiert hinter dem Spiegel einfach einen Flatscreen, und sobald man ins Bad kommt, springt der Apparat an. Habe ich in allen meinen Hotels so gemacht und kostet wirklich nicht die Welt."

Zusammenstellung und Protokolle: Christine Mortag

Tine Wittler

Wie teuer ist schönes Wohnen?

Matteo Thun: "Mit dem Preis hat das doch nichts zu tun! In meiner ersten Wohnung in Mailand kamen die Möbel aus dem Keller meiner Eltern und vom Sperrmüll - und ich habe mich pudelwohl gefühlt. Was nützt einem eine Bude voller Designobjekte, die alle mit wer weiß was prämiert wurden, wenn sie gar nicht zu einem passen? Also: Hinsetzen, sich Zeit nehmen, genau überlegen, was man selber mag und schön findet, und niemals Wohnzeitschriften kopieren. Und: niemals seine Träume und Wünsche an einen Innenarchitekten delegieren!"

Hat auch Matteo Thun eine Rumpelecke?

Matteo Thun:

"Ha! Zum Glück ist aus meiner Rumpelecke endlich ein gut sortiertes Archiv geworden! Ich wollte nicht mehr, dass all die Sachen, die ich im Laufe meines Lebens gesammelt habe, an die 30 afrikanische Hocker zum Beispiel, überall an verschiedenen Orten herumliegen. Also habe ich im Zentrum von Mailand einen Lagerraum, einen ziemlich großen, gemietet und alles katalogisiert. Ich finde, man muss wissen, was in einer Rumpelecke ist, sonst ist es nur Müll, der irgendwann zum Sperrmüll wird."

Angelika Jahr

Das Schwierigste beim Einrichten ist gutes Licht. Was ist Ihr Konzept für eine wohnliche Lichtstimmung?

Matteo Thun: "Unsichtbare Leuchtmittel als Basislicht, damit Sie ungefähr wissen, wo der Tisch steht, und nicht stolpern. Das können sein: ein Lämpchen hinterm Sofa oder verdeckte Lichtbänder an der Wand. Für die gezielte Punkt-Beleuchtung wählt man einen schönen Lampenschirm aus Stoff, aber bitte nicht einen von der Stange, und viele, viele Kerzen. Verwenden Sie die Decke als Reflektor, wenn die Räume zu niedrig sind. Aber auf keinen Fall diese eingelassenen Spots in der Decke oder im Boden oder grelle Halogenlampen, die erzeugen hässliche Schlagschatten im Gesicht. Gute Lichtstimmungen kann man sich bei den Amerikanern abgucken. Der Schweizer dagegen macht aus jeder Lichtquelle ein Designstatement, der Deutsche ist noch etwas unentschlossen, und der Italiener liebt nackte Birnchen. Und wir können heilfroh sein, dass er die Energiesparlampe noch nicht entdeckt hat - der ich bei der nächsten Lichtmesse in Frankfurt übrigens offiziell den Krieg erklären werde."

Brigitte von Boch

Küche und Bad sind in der Hierarchie des Wohnens ganz nach oben aufgestiegen. Hat das klassische Wohnzimmer überhaupt noch eine Zukunft?

Matteo Thun: "Ja, absolut. Wir sind alle ein bisschen Loftmüde, Wohnküchen-müde. Das klassische Wohnzimmer erfährt gerade ein Revival. Die klare funktionale Trennung zwischen den Räumen ist wieder gefragt. Küche ist Küche, Wohnen ist Wohnen - und Baden ist nicht Schlafen."

Hans-Werner Meyer

Lassen sich Kinder und Design vereinbaren?

Matteo Thun: "Kinder sind die besten Designer, man muss ihnen nur vertrauen. Also: erlauben Sie kreatives Chaos mit allem, was die Kinder in die Finger kriegen. Und: Räumen Sie bitte nicht immer gleich alles wieder auf! Wenn Sie allerdings um Flecken auf dem Eames- Sessel fürchten, bin ich mir nicht sicher, ob Kinder das Richtige für Sie sind. Von Design im Kinderzimmer halte ich auch nichts. Es wird so sein wie mit der Sonntagskleidung. Die Kinder hassen sie ihr Leben lang, weil sie immer Angst haben mussten, sie schmutzig zu machen."

Ralf Zacherl

Ich bin gerade umgezogen. Wie soll ich mein Wohnzimmer gestalten? Geht das klassische Weiß als Wandfarbe überhaupt noch?

Matteo Thun: "Klar. Weiß ist und bleibt ein Klassiker. Aber Vorsicht: Nehmen Sie das Richtige! Also immer ein gebrochenes Weiß. Dadurch entsteht ein weicher Übergang zwischen Wand und Decke. Niemals Zinkweiß, das ist das reine Weiß und bestenfalls für Kuhställe geeignet."

Was halten Sie von Tapeten?

Matteo Thun:

"Viel. Sie sind fabelhaft. Sie kosten wenig, und man kann sie schnell entfernen. Im Kinderzimmer würde ich streichen, im Wohnzimmer tapezieren. Tapeten haben auch mit der Lust auf Präzision zu tun. Wenn man Streifen will, nimmt man eher die im Tapetenmuster, als sie mühsam selbst zu pinseln. Zurzeit plane ich eine Tapetenkollektion mit Graffitikünstlern aus Manhattan und freue mich riesig auf die ersten Resultate in Schwarzweiß."

John Friedmann

Wann ist es Zeit für ein neues Bett?

Matteo Thun: "Die Matratze meines Betts wechsle ich, wenn mein Osteopath Probleme mit meinem Rücken feststellt. Das Bettgestell, wenn meine Frau mal wieder ein neues Farb- oder Stilkonzept ins Schlafzimmer bringt."

Wo und wie zeigt sich Humor beim Wohnen?

Matteo Thun:

" Humor zeigt sich zum Beispiel, wenn jeder Gast auf einem anderen Stuhl sitzt ... Die Zeit des Durchgestylten, des Alles-muss-zueinander-Passen ist endgültig vorbei! Hoffentlich!"

Thomas Anders

Wie schaffe ich es, ein Bad so einzurichten, dass es dem Zeitgeist entspricht und trotzdem klassisch schön ist, also nicht nach zwei Jahren wieder komplett unmodern?

Matteo Thun: "Puh, schwierige Frage. So, als würde ich Ihnen sagen, Sie dürfen jetzt nur noch Brioni tragen oder Zara. Ich kann nur verraten, woran ich mich seit 30 Jahren halte: keine Fliesen! Das Fugenbild der Fliese sieht schnell unhygienisch aus und macht den Raum klein, egal, ob die Fliese groß oder klein, rund oder eckig, bunt oder weiß ist. Auf den Boden kommen bei mir Holz, Stein oder Zement. Die Wände lackiere ich einfach oder bringe viele Spiegel an, damit der Raum größer wirkt. Und da neun von zehn Menschen duschen, würde ich mir das mit der Badewanne noch mal überlegen."

Christian Kahrmann

Welche Farbe für ein Jungen- und welche für ein Mädchenzimmer?

Matteo Thun: "Ferrarirot für den Jungen und shocking Rosa fürs Mädchen. Noch besser: Lassen Sie Ihre Kinder selber ran. Sparen Sie nicht mit Farbe im Kinderzimmer, und streichen Sie es unter Anleitung der Kleinen einmal pro Jahr. Zum Schluss drücken Sie ihnen Spraydosen für den letzten Schliff in die Hand. Vor allem: Vergessen Sie Ihren eigenen Geschmack, auch wenn’s schwerfällt. Ich habe bei meinen Jungs auch die Jurassic-Parc- Dinosaurier-Phase und fliegende Riesen- Schildkröten mitgemacht."

Charlotte Engelhardt

Wie oft stellen Sie Ihr Zuhause um und warum?

Matteo Thun: "Im Schloss meiner Großmutter wurden regelmäßig zum Sommer und zum Winter die Textilien ausgetauscht - für eine klare Definition, die Jahreszeiten einund auszuläuten. Möbel umstellen, Wände neu malen, Tapeten ausprobieren, neue Vorhänge aufhängen finde ich großartig, nur leider bringe ich weder Zeit noch Energie dafür auf. Gott sei Dank erledigt das meine Frau, sie ist eine große Umstellerin. Meinen Geschmack trifft das nicht immer, trotzdem genieße ich es."

Marlies Möller

Sehen Sie für das Wohnen eine unterschätzte Stilepoche, der wir eine Wiederentdeckung wünschen?

Matteo Thun: "Vom blutleeren Minimalismus der 90er Jahre haben wir längst die Nase voll - von seiner gähnenden Langweile und diesen Hindernissen im Raum, den Liegewiesen. Jetzt hätten wir gern mal wieder ein bisschen Freude beim Leben. Darum sag ich nur: Biedermeier. Zu jener Zeit war jeder Raum mit einer anderen Farbe, einer anderen Tapete und einem anderen Thema versehen. Wie lustvoll. Die Möbel waren zweckmäßig, trotzdem bequem, und man war herrlich mobil damit: Um einen modernen Riesendiwan von Rolf Benz zu verrücken, braucht man fünf Schwarzeneggers. Ein Biedermeiersofa dagegen konnte eine zarte Dame jederzeit von links nach rechts schieben."

Hans Mahr

Ich lebe in einem gesichtslosen Bungalow aus den 60er Jahren - abreißen oder umbauen?

Matteo Thun: "Sind Sie verrückt? Auf keinen Fall abreißen. Suchen Sie in Ihrem Bungalow die Seele der 60er Jahre und versuchen Sie, diese wiederherzustellen. Mit wunderschönen citrusgrünen, hellrosa und lila Tapeten, einem Sofa von Gio Ponti, einer Bodenlampe von Achille Castiglioni, dem Daybed von Le Corbusier oder diesem Kugelsessel aus dem James-Bond-Film, Bubble Chair heißt er, von Eero Aarnio. Das meiste finden Sie immer noch auf Flohmärkten und beim Trödler."

Nachttischlampen sind eine Plage. Entweder erhellen sie den gesamten Raum, was den schlafenden Partner irritiert, oder sie geben zu wenig Licht zum Lesen. Gibt es die perfekte Nachttischlampe?

Matteo Thun:

"Danke! Dieses Thema ist einen Roman wert. Um Ehekrach zu vermeiden, gibt es nur eine Lösung: zwei Leuchtmittel! Na ja, genau genommen vier. Für das Raumlicht kaufen Sie einen mit Stoff bezogenen Lampenschirm, passend zum Bett, entweder als Stehlampe oder als Nachttischlampe. Und dann bringen Sie auf jeder Seite am Betthaupt oder an der Wand ein flexibles LED-Leselicht an. Diese biegsamen, etwa 40 Zentimeter langen Metallarme, die Sie so verstellen können, dass Ihre Frau schlafen und Sie lesen können - oder umgekehrt."

Nachttischlampen sind eine Plage. Entweder erhellen sie den gesamten Raum, was den schlafenden Partner irritiert, oder sie geben zu wenig Licht zum Lesen. Gibt es die perfekte Nachttischlampe?

Matteo Thun:

"Danke! Dieses Thema ist einen Roman wert. Um Ehekrach zu vermeiden, gibt es nur eine Lösung: zwei Leuchtmittel! Na ja, genau genommen vier. Für das Raumlicht kaufen Sie einen mit Stoff bezogenen Lampenschirm, passend zum Bett, entweder als Stehlampe oder als Nachttischlampe. Und dann bringen Sie auf jeder Seite am Betthaupt oder an der Wand ein flexibles LED-Leselicht an. Diese biegsamen, etwa 40 Zentimeter langen Metallarme, die Sie so verstellen können, dass Ihre Frau schlafen und Sie lesen können - oder umgekehrt."

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