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Türck-Prozess: Anklage in der Verteidigungshaltung

Im Vergewaltigungsprozess gegen den ehemaligen Fernsehmoderator Andreas Türck forderte die Staatsanwaltschaft einen Freispruch. Dafür müssen sie sich nun selbst verteidigen.

Am Anfang schien alles noch ganz klar: Der ehemals erfolgreiche Fernsehmoderator Andreas Türck war der Vergewaltigung angeklagt, das mutmaßliche Opfer hatte ihn aber nicht angezeigt, so dass davon auszugehen war, dass kein "Partyluder-Hintergrund" vorlag und die Staatsanwaltschaft schlagkräftige Beweise für ihre Anklage hatte. Nach acht Prozesstagen findet sich nun aber unversehens die Staatsanwaltschaft selbst in der Rolle des Angeklagten, der sich zu verteidigen hat.

Der Vorwurf der Vergewaltigung sei "nach der umfangreichen Beweisaufnahme so mit Sicherheit nicht zu halten", musste Staatsanwalt Wilhelm Möllers kleinlaut in seinem Plädoyer vor dem Frankfurter Landgericht einräumen, in dem er Freispruch für Türck forderte. Dies habe sich für ihn allerdings erst am siebten Verhandlungstag so herausgestellt, als der renommierte Psychologe Max Steller sein Glaubwürdigkeitsgutachten zur Aussage des mutmaßlichen Opfers Katharina B. abgab, das negativ für diese ausfiel.

"Verurteilungswahrscheinlichkeit von 51 Prozent"

"Warum wurde Steller nicht früher beauftragt?" setzte dieser Quasi-Entschuldigung Türcks Anwalt Rüdiger Weidhaas entgegen. "Dann hätte dieser Prozess nicht stattgefunden." Der Staatsanwaltschaft sei "insoweit ein Kompliment zu machen, dass sie sozusagen auf den letzten 100 Metern noch die Kurve bekommen und den Freispruch auf ihre Fahnen geschrieben hat", sagt Weidhaas spöttisch. Andererseits hätte sie sich ansonsten auch "die Narrenkappe aufgesetzt". Die Staatsanwaltschaft habe die vornehmliche Aufgabe, in alle Richtungen zu ermitteln, und somit nicht nur nach belastenden, sondern auch entlastenden Momenten zu suchen. Den zweiten Teil habe die Staatsanwaltschaft aber im Fall Türck "systematisch, weil konsequent immer wieder" nicht eingehalten, erklärt Weidhaas.

Er sei nach wie vor der Auffassung, dass die Anklageerhebung und die Eröffnung der Hauptverhandlung zu Recht erfolgt seien, betont Möllers. Dass einseitig ermittelt worden sei, das seien "Vorwürfe genereller Art", die immer wieder erhoben würden und die er auch in diesem Fall für nicht gerechtfertigt halte. "Es ist nicht Aufgabe der Staatsanwaltschaft, bei Abschluss der Ermittlungen ein sicheres Ergebnis zu präsentieren", stellt Möllers klar. Im Fall Türck habe er eine Verurteilungswahrscheinlichkeit von 51 Prozent gesehen, "ansonsten hätte das Verfahren nicht eröffnet werden dürfen".

"Verfolgungszwang gegen Jedermann"

Der Prominentenstatus Türcks habe dabei keine Rolle gespielt, betont der Staatsanwalt. Das Bundesverfassungsgericht habe klargestellt, dass die Staatsanwaltschaft einen "Verfolgungszwang gegen Jedermann" habe. Wenn der Ermittlungsbeamte, der im Zuge einer Telefonüberwachung in einem Strafverfahren auf den Vorwurf der Vergewaltigung gegen Türck stieß, nichts unternommen hätte, "dann hätte der Vorwurf der Strafvereitelung im Amt sehr schnell im Raum gestanden", erklärt Möllers. Und auch eine Verfahrenseinstellung sei nicht einfach möglich gewesen, da es nicht um ein Bagatelldelikt, sondern um ein Gewaltverbrechen gegangen sei.

"All diese Umstände sprachen bis zum Gutachten des kompetenten Gutachters für eine Verurteilung." Türcks Verteidiger sehen dies naturgemäß anders: Von "Jagdinstinkt" spricht Susanne Wagner, von "mangelnder Objektivität und mangelndem Gespür für Fair Play" Weidhaas. Er verweist auf "grenzgängige" Fragen von Gericht und Staatsanwaltschaft an Zeugen, ob sie von Türcks Verteidigung bezahlt würden. Er wirft zudem die Frage auf, warum bei Türck entlastenden Äußerungen in abgehörten Telefongesprächen das Argument angewandt worden sei, deren Verwertung sei rechtlich nicht zulässig, während die Ermittlungsbehörde andererseits Belastendes aus diesen Abhörmaßnahmen verwendet habe.

"Zwei bürgerliche Existenzen wurden sehr wahrscheinlich zerstört."

Vor allem kreidet Weidhaas der Staatsanwaltschaft aber an, dass sie Gutachter Steller nicht vor der Anklageerhebung befragt habe. Mit einem ersten Gutachten der Diplom-Psychologin Edda Gräfe sei die Staatsanwaltschaft unzufrieden gewesen, daraufhin habe diese auf Steller verwiesen. Auch Türcks Verteidigerin Wagner hätte, wäre sie eingebunden worden, auf den "absoluten, ungekrönten Papst der Glaubwürdigkeitsgutachten" verwiesen, erklärt Weidhaas. "Das kommt davon, wenn man der Verteidigung kein rechtliches Gehör gibt." Es "ist und bleibt Geheimnis der Staatsanwaltschaft Frankfurt", wie sie zu einer Verurteilungswahrscheinlichkeit von 51 Prozent gekommen sei, resümierte Weidhaas.

Als Fazit bleibe nun eins, sagt er mit Blick auf Angeklagten und Nebenklägerin: "Zwei bürgerliche Existenzen wurden sehr wahrscheinlich zerstört." Wieweit dies für Türck gilt, bleibt abzuwarten: Sein früherer Sender ProSieben erklärt nun, man wolle sich "gerne mit ihm zusammensetzen", wenn er weiter im Fernsehen arbeiten wolle. Das Urteil soll am Donnerstag fallen.

Mirjam Mohr/AP / AP