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Was macht eigentlich ...: ... Bernhard Goetz?

Der Elektroingenieur machte 1984 Schlagzeilen durch seine Selbstjustiz - er schoss in der New Yorker U-Bahn vier junge Schwarze nieder, von denen er sich bedroht fühlte.

Herr Goetz, fahren Sie manchmal noch U-Bahn?

Ja, wieder. New York ist viel sicherer geworden. Seit circa zehn Jahren trage ich keine Waffe mehr, wenn ich aus dem Haus gehe.

Sie waren also auch nach der Schießerei noch bewaffnet unterwegs?

Klar! Eine Menge Typen wollten sich an mir rächen. Zweimal wäre es fast wieder zu Schießereien gekommen.

Ist Ihnen nicht verboten worden, eine Waffe zu tragen?

Es gibt ein altes Sprichwort: In New York braucht man zwei Dinge, um eine Waffe tragen zu können: eine Knarre. Und einen Waffenschein. Eines davon habe ich, am anderen arbeite ich noch …

Sie wurden damals wegen unerlaubten Waffenbesitzes zu acht Monaten Haft verurteilt. Haben Sie nichts daraus gelernt?

Knast war nicht so schlimm. Ich habe mich mit einem Schwarzgurt in Karate befreundet und hatte meine Ruhe.

Später wurden Sie zur Zahlung von 43 Millionen Dollar an eines der Opfer, das heute im Rollstuhl sitzt, verurteilt.

Stimmt, aber ich habe bis heute keinen Cent gezahlt. Ich bin pleite, habe nur mein Existenzminimum. Außerdem, das Urteil war lächerlich.

Haben Sie sich bei den Opfern entschuldigt?

Warum sollte ich? Sie waren keine Opfer. Sie hatten mich bedroht. Wenn Sie eine Bank überfallen, müssen Sie ja auch damit rechnen, erschossen zu werden. Natürlich ist es schlimm, wenn ein Mensch verkrüppelt wird. Ich wollte das nicht. Ich hätte ihn lieber getötet.

Für viele New Yorker waren Sie ein Held. Einige warfen Ihnen aber auch Kaltblütigkeit vor.

Es ist viel Mist über mich erzählt und geschrieben worden. Von wegen, ich hätte zu Cabey (dem Opfer, das heute im Rollstuhl sitzt, Anm. d. Red.) gesagt: "Du siehst gar nicht so schlecht aus, hier ist noch eine", und ihn dann zum zweiten Mal angeschossen. Das ist Quatsch. Ich hatte gar keine Kugel mehr.

Ansonsten hätten Sie geschossen?

Sicher. Ich befand mich in einer extremen Situation. Voller Adrenalin. Ich hörte nichts und hatte im rechten Augenwinkel eine Strichliste mit abgefeuerten Schüssen, ähnlich wie bei einem Videospiel.

2001 kandidierten Sie für den Posten des Bürgermeisters, 2005 für den eines Bürgerbeauftragten. Haben Sie sich wirklich Chancen ausgerechnet?

Nein. Aber ich wollte auf Missstände aufmerksam machen und vor allem Vegetarismus propagieren. Gott hat uns Tiere nicht anvertraut, damit wir sie essen.

Glauben Sie an Gott?

Ich bin mir nicht sicher. Mein Bruder hat mich immer schwer beeinflusst, und der ist Atheist. Er fiel vom Glauben ab, nachdem ihm Kirchenmitarbeiter seine Kekse weggenommen hatten.

Was machen Sie heute?

Ich verkaufe elektronische Geräte, engagiere mich in einem vegetarischen Verein ("Viva Vegie") und füttere Eichhörnchen.

Eichhörnchen?

Ja, die brauchen mich im Winter. Eichhörnchen sind außerdem die besten Haustiere. Sie sind anschmiegsam, verspielt und machen wenig Dreck. Vor fünf Jahren starb mein Lieblingseichhörnchen, danach fiel ich in eine tiefe Depression.

Was war so besonders an dem Eichhörnchen?

Es war das erste Mal, dass ich Liebe zu einem Tier empfand. Noch heute kann ich keine Musik mehr hören. Alles erinnert mich an das Eichhörnchen.

Was bereuen Sie im Leben?

Ich wünschte, ich hätte eine Frau und Kinder, wünschte, ich wäre beizeiten aus New York weggezogen. Jetzt bin ich zu alt für all das. Die Würfel sind nun mal so gefallen.

Interview: Severin Mevissen

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