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Was macht eigentlich...: Jürgen Höller?

In den 90er Jahren war der Franke Deutschlands bekanntester Motivationsguru. 2003 wurde er wegen Untreue zu drei Jahren Haft verurteilt.

Das Interview mit Gerd Roggensack führte Christoph Wirtz

Einer Ihrer Powersprüche war "Erfolglose Menschen sind in Wirklichkeit unsozial" ... Wie fühlt man sich jetzt, so nach dem Motto: Hochmut kommt vor dem Fall?

Das Zitat ist immer aus dem Zusammenhang gerissen worden, aber damit muss ich leben. Ich habe die Geister selbst gerufen, mich ziemlich weit aus dem Fenster gelehnt. Also muss ich die Häme ertragen - kübelweise! Auch wenn ich manche Sätze heute nicht mehr so sagen würde.

Zum Beispiel?

Nicht mehr: "Ich bin der Beste", sondern "Ich gebe mein Bestes."

Vom Saulus zum Paulus?

Es gibt vermutlich nicht viel außer schwerer Krankheit und Tod, was mehr in ein Leben eingreift, als das, was meine Familie und ich durchgemacht haben. Wenn Sie 23 Stunden am Tag in eine Zelle gesperrt werden, mit der Zahnbürste den Dreck des Vorgängers aus der Toilette schrubben - da lernen Sie Demut.

Man hat Ihnen Selbstmitleid vorgeworfen.

Das habe ich sicher auch empfunden. Aber dafür muss ich mich nicht schämen. Ich bin verantwortlich für das, was ich getan habe, und gestehe das auch ohne Wenn und Aber ein. Man darf sich bemitleiden, aber man muss wieder aufstehen - das habe ich getan.

Wie überzeugend ist ein Erfolgscoach, der alles verloren hat?

Nur Tage nach meiner Entlassung hielt ich mein erstes Seminar in Österreich. Da waren 150 Leute! Bei einem Seminarpreis von oft mehr als tausend Euro kommt keiner, der skeptisch ist - das sind Überzeugte. Anders ist es, wenn ich bei Firmen auftrete, wo die Leute mehr zufällig da sind.

Man hält Sie für einen vorbestraften Scharlatan?

Manche sicher. Ich spreche dann offen über meine Geschichte und meinen Umgang mit ihr. Nach 90 Minuten kommen manchmal Leute, haben Tränen in den Augen: "Wir haben Sie für einen Hochstapler gehalten ..."

Aus PR-Sicht kann einem Motivationstrainer nicht viel Besseres passieren: Tief in die Grütze fahren und dann beweisen, dass die Methode wirklich funktioniert.

Sarkastisch! Aber vielleicht haben Sie Recht. Ich glaube fest daran, dass ich es wieder schaffe. Möglicherweise war der Absturz auch gut für mich. Ich habe damals nur noch für mich gearbeitet, nicht mehr für meine Seminarteilnehmer. Ich hatte einfach die Dollarzeichen in den Augen. Was wäre passiert, wenn der Börsengang geklappt hätte? Was für ein Mensch wäre ich geworden?

Endgültig abgehoben?

Vielleicht. Als Mensch bin ich sicher gewachsen.

Sprechen wir von Ihrem Handwerk. In der wirtschaftlichen Depression dieser Tage wirken Motivationskünstler so gestrig wie die Seifenblasen am Neuen Markt.

Das ist eine falsche Sichtweise. Natürlich wägen die Leute in schlechten Zeiten stärker ab, wofür sie ihr Geld ausgeben. Aber das führt dazu, dass am falschen Ende gespart wird. Wenn die Rezession kommt, muss man investieren. An der Weiterbildung wird zuerst gespart. Erfolgreiche Firmen machen das genau umgekehrt.

Die Silbermedaille ist also nicht mehr nur der Trostpreis?

Nicht jeder kann der Beste sein, aber jeder kann besser werden. Das habe ich dazugelernt. Und auch das: Wenn Sie Ihr ganzes Leben nach Anerkennung gehungert haben und dann alles verlieren - das macht frei.

Christoph Wirtz / print
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