Die Reportage "Am Puls mit Florian Neuhann: Frisst die KI unsere Jobs?" (Freitag, 1. Mai, 19.20 Uhr, ZDF) läuft am "Tag der Arbeit" zur besten Sendezeit, und das ist gut so, denn wenige Dinge – vielleicht noch der Klimawandel – werden unsere Zukunft so stark beeinflussen wie Künstliche Intelligenz. Florian Neuhann, Wirtschaftsexperte des ZDF und unter anderem aus dem "heute journal" bekannt, ging das Thema lebensnah an und reiste mit seinem Team zu Menschen, die ganz unterschiedliche Jobs ausüben und deren Leben sich gerade ziemlich verändert. Neben der Doku, die ab der Ausstrahlung auch in der ZDF-Mediathek zu finden ist, sollte man sich auch die Live-Diskussion "Am Puls – Deutschland diskutiert KI – Kollege oder Konkurrent?" am Dienstag, 5. Mai, 20.15 Uhr, vormerken.
teleschau: Was sollten junge Leute heute lernen, um einen KI-sicheren Job zu bekommen?
Florian Neuhann: Ich finde, die wichtigste Regel bei der Ausbildungswahl ist immer noch: Lerne das, was dich am meisten interessiert und wofür du im besten Fall brennst. Nur so hat man Spaß im Leben und zudem die Chance, ziemlich gut zu werden in dem, was man tut. Das ist das, was ich auch meinen Kindern mitgebe. Aber – es gibt natürlich auch Daten, die uns Sorgen bereiten. In den USA verschlechtern sich die Berufschancen für Neueinsteiger stark.
teleschau: Was passiert da?
Neuhann: Noch vor zehn Jahren hätte jeder gesagt: studiere Informatik, denn Programmierer werden immer gebraucht! Auch Jura war immer eine sichere Bank. Beide Berufsbilder stehen nun enorm unter Druck durch KI. Gerade die nicht ganz so anspruchsvollen Einsteiger-Jobs erledigt mehr und mehr die Künstliche Intelligenz. Auf dem amerikanischen Arbeitsmarkt, auch auf dem britischen, ist diese Entwicklung schon deutlich sichtbar. In Deutschland verschlechtert sich der Jobmarkt für Uni-Absolventen gerade auch – da wissen wir aber derzeit nicht so genau, was an der Wirtschaftsflaute liegt und welche Effekte schon auf die KI-Revolution hinweisen.
"In vielen Bereichen gibt es nicht mehr den lebenslang stabilen Job"
teleschau: Warum spüren wir diese KI-Effekte in Deutschland verzögert?
Neuhann: Das hat zwei Gründe. Zum einen hinken wir in Sachen KI etwas hinterher, auch wenn wir langsam ein bisschen aufholen. Noch wichtiger ist aber, dass der Arbeitsmarkt in Deutschland stärker reguliert ist als in den USA und auch in Großbritannien. Bei uns ist es durch den starken Kündigungsschutz nicht so leicht wie anderswo, Arbeitnehmer loszuwerden. Also macht man sich vielleicht auch mehr Gedanken darüber, wie man Arbeitnehmer anders einsetzen könnte.
teleschau: Welche Jobs bleiben von der KI-Revolution verschont?
Neuhann: Zum einen natürlich das Handwerk oder – allgemeiner – Handarbeit. Alles, bei dem man einen direkten menschlichen Kontakt braucht – das wird es weiter geben. Außerdem sollte man sich darauf einstellen: In vielen Bereichen gibt es nicht mehr den lebenslang stabilen Job. Unser Beruf könnte sich in naher Zukunft wesentlich schneller verändern, als es gegenwärtig schon der Fall ist.
teleschau: Bisher war es so, dass Berufe wie Pflege oder andere "Care"-Arbeit schlecht bezahlt wurden. Lassen deren Robustheit gegenüber KI die Löhne dort vielleicht steigen?
Neuhann: Das ist schwer zu sagen. In der Vergangenheit wurden akademische Berufe besser bezahlt, weil man dafür lange lernen und eine komplexe Ausbildung hinter sich bringen musste. Trotzdem können viele dieser Berufe – siehe Juristen – von der KI auf einer gewissen Stufe sehr gut ersetzt werden. Ob dadurch die Löhne in der Pflege steigen, hängt weniger von KI ab, sondern von Angebot und Nachfrage. Menschlicher Kontakt ist uns Menschen und damit auch den Kunden sehr wichtig. Auch wenn KI-Agenten immer mehr Routine-Tätigkeiten übernehmen: Bei den wirklich menschlichen Dingen, wo es um Vertrauen und Sympathie geht, brauchen wir Menschen, die die Arbeit machen.
"Viele Möglichkeiten und freie Zeit, ganz neuen Aufgaben und Ideen nachzugehen"
teleschau: Sie haben für die Doku einen Avatar von sich erstellen lassen, der als Wirtschaftsexperte im "heute journal" vom Moderator interviewt wird. Es gibt viele Studien, die belegen, dass Menschen sich nicht gerne mit Avataren unterhalten. Je echter sie wirken, desto weniger mögen wir sie. Warum eigentlich?
Neuhann: Das ist wissenschaftlich gut erforscht und nennt sich "Uncanny-Valley-Effekt". Sehr menschenähnliche Roboter, Avatare oder Animationen lösen Unbehagen oder Angst aus, wenn sie fast, aber eben nicht perfekt, wie Menschen wirken. Trotzdem werden wir uns ein Stück weit daran gewöhnen, dass wir im Kontakt mit Unternehmen oder dem Kundendienst alle erst mal mit der KI reden. Ob sie nun ein Gesicht hat oder nicht. Ich würde Unternehmen dennoch empfehlen, auch im Kundendienst weiterhin zumindest einige Menschen zu beschäftigen. Schwierige Gespräche müssen immer von Mensch zu Mensch geführt werden. Ein Avatar wird niemals einen unzufriedenen Kunden begeistern und zurück ins Boot holen.
teleschau: Wo werden durch KI neue Jobs entstehen?
Neuhann: Die meisten dieser Bereiche kennen wir noch gar nicht. Derzeit sind die neuen Jobs jene, die KI mit Wissen füttern und trainieren oder die Transformationsprozesse in Richtung KI gestalten. Ein Gesprächspartner in den USA, der es nicht in die Doku geschafft hat, sagte mir: "Am Ende werden wir alle Unternehmer, die eigene KI-Agenten beschäftigen". Ich weiß nicht, ob es so kommen wird, aber die Idee hat natürlich ihren Reiz: Dass wir durch KI so viele Möglichkeiten und freie Zeit haben, ganz neuen Aufgaben und Ideen nachzugehen.
teleschau: Momentan werden viele KI-Trainer gesucht, was nichts anderes heißt als dass Menschen ihr Wissen und Können in die KI einspeisen. Das betrifft auch kreative Berufe und Journalisten. Verkaufen wir uns damit nicht selbst an die KI?
Neuhann: Ja, das tun wir natürlich ein Stück weit. Die KI wird trainiert mit dem, was Sie schreiben und mit dem, was ich sage. Das ist nicht schön, weil wir damit selbst dazu beitragen, dass uns die KI ein Stück weit überflüssig macht. Doch was ist die Alternative? Das Training ist ja längst passiert – und wir werden die Entwicklung nicht mehr stoppen können. Der Silicon Valley-Vordenker Astro Teller sagt in unserem Film: "Wenn ein Tsunami auf dich zukommt, kannst du dich ihm nicht entgegenstellen. Du kannst aber versuchen, darauf zu surfen." Am Ende ist es nämlich nicht die KI, die uns zuerst überflüssig macht, sondern der Kollege oder Konkurrent, der diese KI besser nutzt.