HOME

Gesundheitsschuh MBT: Schön geht anders

Promis tragen ihn, Pensionäre und Sportskanonen. Der klumpenförmige Gesundheitsschuh MBT hat es zu einer beachtlichen Karriere gebracht.

Von Miriam Collée

Als in den 90er Jahren pubertierende Mädchen ihre Füße in Turnschuhe mit zentimeterdicken Plateausohlen schnürten, fragten besorgte Eltern: Kind, was bindest du dir da ans Bein? Antwort: Buffalo's, davon versteht ihr nichts.

Zehn Jahre später tragen die Mädchen längst normale Schuhe - dafür balancieren nun ihre Eltern auf schiffsschaukelähnlichen Plateau-Turnschuhen durch deutsche Fußgängerzonen: MBTs.

Die drei Buchstaben stehen für "Massai-Barfuß-Technologie". Sie soll dem Träger das Gefühl vermitteln, wie ein Massai-Krieger barfuß über Wüstensand zu laufen. Das afrikanische Hirtenvolk nämlich beherrscht nach Ansicht des Herstellers die Kunst des Gehens perfekt: aufrecht, abrollend und weich. Die Folgen fasst Andy Dittert, Marketingmanager von MBT, so zusammen: "Zentimeterdicke Hornhaut, dafür ein vollkommen gesunder Bewegungsapparat." Man kann eben nie alles haben.

Jeder Schritt ein Schlag

Seit die Menschen Straßen mit Asphalt zupflastern und ihre Füße in Schuhe stecken, haben sie das Gehen verlernt, glaubt man bei MBT. Die Ferse prallt auf harten, flachen Boden, der Fuß rollt nicht ab. Jeder Schritt ein Schlag für Knöchel, Knie, Hüfte, Bandscheibe.

Um wieder gehen zu lernen, muss der Großstadt-Massai verschiedene Hürden überwinden: erstens modische Ansprüche aufgeben, zweitens sich gegen Häme wappnen und drittens sich von der Vorstellung verabschieden, mit beiden Beinen auf dem Boden zu stehen. Denn von nun an wird er nicht mehr stehen. Er wird schaukeln.

Plötzlich regen sich Muskeln

Für den Erstversuch empfiehlt sich der Gang zum Supermarkt. Der bietet immerhin Einkaufswagen zum Festhalten. An der Käsetheke dann erste, leichte Schaukelübungen im Stehen. Man bestellt Appenzeller und merkt, wie die Waden und hinteren Oberschenkel arbeiten. Siehe da, auch am Po regen sich Muskeln. Weiter zum Nudelregal, etwas wackelig, aber es geht. Ferse einsinken lassen, über den Hügel in der Mitte rollen, Zehen lösen und wieder von vorn. Es ist mehr rollen als gehen. Seltsam, der Rücken, er kann nicht anders, richtet sich auf, und schon schreitet man kerzengerade zur Kasse. Ein Herr blickt neugierig nach unten. Nein, sieh an, Sie auch? Im Tennisclub haben sie alle schon, ein Segen, diese Schuhe, und die Bandscheibenprobleme, wie weggeblasen. Willkommen in der MBT-Familie.

Knapp 20 Jahre ist es her, dass der Schweizer Ingenieur Karl Müller in Asien barfuß über Reisfelder lief und feststellte, dass dabei seine Rückenschmerzen verschwanden. Acht Jahre später brachte er die ersten Barfußschuhe auf den Markt. Zwar ist der medizinische Nutzen des MBT-Prinzips bis dato wissenschaftlich nicht belegt, der Schuh hat trotzdem seine Fans. Rund eine Million Paar werden pro Jahr in rund 30 Ländern verkauft. Und das praktisch ohne Werbung. Dustin Hoffman trägt sie, Sylvester Stallone, Madonna - Arnold Schwarzenegger ließ sich das Patent sogar in seine Cowboystiefel einbauen.

Metamorphose zum Modeschuh

Manager Andy Dittert klingt trotzdem nicht zufrieden. "Aua-Kunden" nennt er die typischen MBT-Träger - "Leute, die bereits ein Leiden haben". Er wolle aber auch junge Menschen ansprechen, den Barfuß- als Lifestyleschuh etablieren. Was Birkenstock und Camper geschafft haben, muss doch auch mit Schaukelschiffen funktionieren: die Metamorphose vom Gesundheitstreter zum Modeschuh.

Also wurden Designer angeheuert, "um die optische Einstiegsschwelle zu verringern", Ingenieure, um die Sohle zu verschmälern, und Werbeleute, um witzig zu sein. "Der Anti-Schuh" steht jetzt auf dem Katalog. Und dahinter: "Wir glauben nicht an Schuhe." Das klingt originell. Nur: Die Dinger werden damit nicht schöner. Man muss schon das Selbstbewusstsein eines Kriegers haben, um sie zu tragen.

Mehr zum Thema MBT-Schuhe finden Sie auch bei unserem Partner fitforfun.de

print