Ein politischer Rückzug bedeutet keinen Stillstand, keinen Rückschritt. Das hat wohl keine so gut gezeigt, wie die ehemalige Chefin der Grünen – Ricarda Lang. Im Jahr 2025 schloss sie ihr Studium ab, schrieb ein Buch, heiratete, verlor massiv an Gewicht und widmete sich der Kinderplanung. Kurz: Die Frau hat ihr Leben ordentlich umgekrempelt.
Ricarda Langs Endgegner: das Gym
"Als Parteivorsitzende habe ich viel Zeit darauf verwendet, zu beweisen, wer ich nicht bin" und habe sich dabei selbst verloren, wie sie nun im Gespräch mit dem "Spiegel" sagte. Zu den größten Herausforderungen gehörte wohl das Abnehmen. Es habe sie starke Überwindung gekostet, ins Fitnessstudio zu gehen, verriet die 31-Jährige. "Sport war für mich lange ein angstbesetztes Thema." Der Sportunterricht sei schrecklich gewesen. "Ich konnte es nicht, es machte mir keinen Spaß." So gehe es wohl auch vielen anderen, die in ihrer Jugend korpulent seien, sagte Lang.
Weiter sagte die Grünen-Politikerin: "Ich musste mich regelrecht zwingen, das erste Mal ins Gym zu gehen, nur um da zu checken: Mich starren ja gar nicht alle Leute an, die sind mit sich selbst beschäftigt – und Sport macht mir richtig Freude."
Spekulationen, wonach sie mithilfe der Abnehmspritze stark an Gewicht verloren habe, wies Lang zurück. "Ich finde es vollkommen okay, wenn andere solche Mittel nutzen", sagte sie. "Dafür muss sich niemand schämen. Ich selbst habe sie nicht genutzt."
Lang: Angst lähmt Politiker
Auf das vergangene Jahr blickt Lang wohlwollend zurück. "Mir geht es körperlich, gesundheitlich, privat sehr gut", lautet ihr Fazit. Kritischer sieht die ehemalige Bundesvorsitzende der Grünen dagegen ihr früheres politisches Ich. Während dieser Zeit habe sie sich selbst im Fernseher kaum wiedererkannt. "Die Leichtigkeit, die Liebe zum Leben und zu den Menschen, nichts davon ist mehr rübergekommen. Ich habe über Menschen geredet, als wären sie eine anonyme Masse, und habe dabei geklungen wie ein Roboter", erzählt sie.
Es sei unter anderem die Angst vor Kritik, Wut und Hass in den sozialen Medien, die Politiker dazu verleite, sich an Floskeln zu klammern, anstatt sich klar und persönlich zu äußern. Erst nach ihrem politischen Rückzug habe sie sich selbst wieder getraut, offen zu sprechen. Immerhin habe sie "wenig zu verlieren" gehabt. Erfreulich, denn: "Plötzlich wurde mir wieder zugehört."
Die Unnahbarkeit kritisierte Lang auch indirekt an anderen Kollegen. Lediglich CSU-Chef und Bayerns Ministerpräsidenten Markus Söder lobte Lang. Um die Menschen zu gewinnen, müsse man authentisch sein. Söder "beherrscht die Kunst, Nähe über den Lebensstil herzustellen. (…) Diesen Menschen gibt er ziemlich erfolgreich das Gefühl, auf ihrer Seite zu sein."
"Nicht auf Berufspolitik angewiesen"
Ricarda Lang erklärte, sie sei heute glücklicher als zu ihrer Zeit als grüne Parteivorsitzende – auch wenn sich ihr Arbeitspensum kaum verringert habe. Dafür arbeite sie aber selbstbestimmter und konzentrierter. Sie werde immer ein politischer Mensch sein, erklärte Lang. "Aber auf die Berufspolitik bin ich nicht zwingend angewiesen. Das ist ein befreiendes Gefühl."