H&M Sturm auf Stella


Die Kollektion der britischen Designerin Stella McCartney hat das Licht der H&M-Verkaufsräume erblickt und entzückte Kundinnen in den Nahkampf gezwungen.
Von Claudia Pientka

Es ist schon das zweite Mal, dass Stella in Karls Fußstapfen tritt: Mit 25 wurde die Beatles-Tochter Lagerfelds Nachfolgerin beim französischen Modehaus Chloé, heute schließlich übernahm sie die Stelle, die Karl erst vor einem Jahr geschaffen hatte. Mit "Stella McCartney for H&M" versucht der schwedische Moderiese an seinen Erfolg mit der Lagerfeld-Kollektion anzuknüpfen. Zum zweiten Mal verkauft er Designermode fast zu Dumping-Preisen, vierzig Teile insgesamt, vom Schlüsselanhänger in Pferdchenform über strassbesetzte Bikinis bis hin zu Kleidern, Pullis und Latzhosen, alles in altrosa, taubenblau oder schwarz.

Man hatte sich einem ähnlichen Ansturm erhofft wie bei der Lagerfeld-Kollektion, als Frauen sich am frühen Morgen T-Shirts aus den Händen rissen. Aber um viertel vor zehn stehen nur vereinzelte Kundinnen vor der verschlossenen Glastür der Hamburger Filiale in der Spitalerstraße. "Ist anders als bei KL, oder?", raunt eine Verkäuferin ihrer Kollegin ins Ohr. Die T-Shirts und Jacken hängen sortiert in Reih und Glied, akkurat dreht die Verkaufsleiterin letzte Preisschilder auf die bedruckte Seite. Die H&M-Mitarbeiter müssen sich noch gedulden, sie dürfen die Sachen erst nach Dienstschluss kaufen - wenn dann noch etwas übrig ist.

Kundinnen im Nahkampf

Punkt zehn fällt der Startschuss. Aus den vereinzelten Schülerinnen ist eine Horde Frauen geworden. Teenager, Studentinnen, Hausfrauen stürzen sich auf die zehn Quadratmeter große Verkaufsfläche und reißen Stella von der Stange. Dazwischen drei Kamerateams, Fotographen und Journalisten, die das Spektakel dokumentieren, die McCartney-Hose unter den Arm geklemmt. Der Nahkampf hat begonnen.

Minuten später drehen sich die ersten Frauen in ihren neuen Kleidern vor dem Spiegel. "Sitzt erstaunlich gut - für H&M", sagt Julia Eckebrecht, die ein Wollkleid ergattert hat. Bevor sie sich mit ihrer Freundin ins Getümmel stürzte, hat sie sorgfältig recherchiert. Im Internet haben sie sich die Kleider ausgesucht und jetzt, im Chaos, nur noch zugegriffen. "Sonst kennt man solche Bilder ja nur von Omis beim Sommerschlussverkauf", sagt Julia, "und jetzt bin ich mittendrin und habe mein Budget wohl schon weit überschritten." Auch Anja Noltenius und Talke Beckersdorf haben vorher recherchiert, um den morgendlichen Einkaufstrip so kurz wie möglich zu halten. "Mein Chef denkt, ich bin beim Zahnarzt", erklärt Anja. Denn nicht jede hat so viel Glück wie die Freundin von Thomas Jung, der für seine arbeitende Liebste losgezogen ist und nun mit zwölf Klamotten zur Kasse stapft. "Fehlt nur noch ein Tank-Top, dann hab ich alles", sagt er.

Designerware für fast alle

Nach einer Stunde haben sich die Gemüter abgekühlt, noch rollen die Verkäuferinnen regelmäßigen Nachschub heran. Wegen der geringen Produktion der KL-Linie war Karl Lagerfeld sehr verärgert gewesen, trotzdem hat H&M auch bei dieser Kollektion knapp kalkuliert. "Stella McCartney for H&M" soll zumindest ein bisschen Exklusivität vermitteln, Designerware für - fast - alle. Denn beliefert werden nur größere europäische Städte und darin wiederum nur die größten oder ausgewählten Häuser. "Schließlich hat die Kollektion einen eher urbanen Stil", erklärt Stylistin Jamin Rossa, die den H&M-Showroom verwaltet. "In Hintertupfingen kämen die Sachen vielleicht nicht so gut an."

Die Hamburgerinnen jedenfalls waren von den Kleidern begeistert: Kleidsamer seien sie, nicht so eng geschnitten, vieles aus fließendem Satin und Chiffon. Und typisch Stella McCartney, schließlich wählte die Designerin ein Best-of aus bereits entworfenen Kollektionen und ließ es neu produzieren. Dabei liegt der Britin ein T-Shirt besonders am Herzen: Es besteht aus Bio-Baumwolle und seine Einnahmen gehen zu 25 Prozent an verschiedene Tierschutzorganisationen. Ein Zugeständnis des Modekonzerns an die überzeugte Vegetarierin und Tierschützerin McCartney, die nicht einmal den Fressnapf ihres Hundes mit Fleisch füllt.


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