Nie wieder... ...Handyanhänger


Noch nerviger als ein Klingelton, der wie ein Frosch quakt, ist ein Handy, an dem ein Frosch baumelt. Erwachsene behängen ihre Mobiltelefone mit Schmuck, der selbst Kindern zu albern wäre.

Früher war alles besser, sogar der Schwachsinn. Wenn es einen Trend gab, dann stürzte man sich auf ihn, hat sich nach einem Monat von Herzen geschämt, und der Trend ging zum Sterben auf den großen Trendfriedhof, wo er sich ein schattiges Plätzchen gleich neben dem Tamagotchi suchte.

Heute hat ein Trend eine Lebensdauer wie eine Lidl-Tüte auf einem Komposthaufen. Als vor drei Jahren die ersten Handyanhänger auftauchten, dachte man noch: wie nett, wie doof, wie schnell das wieder verschwinden wird. Von wegen: Inzwischen bammeln Blümchen, Schweinchen, Delfinchen, Totenköpfchen an jedem zweiten Ein-Euro-Handy und "bezeugen den unverwechselbaren Geschmack des Besitzers, eine perfekte Ausdrucksmöglichkeit von Individualität", wie ein Hersteller dreist lügt.

Im Internet wird für horrendes Geld - 10 bis 20 Euro - Kaugummiautomatenware im Materialwert von Cent-Bruchteilen verkauft: der "samtig rosa Pinguin mit glitzerndem Bäuchlein", das "Strassblümchen mit sexy Fingerkette" und der Hundeanhänger, der bei Anruf blinkt und "I love you" sagt, auch wenn das Handy auf stumm geschaltet ist - ein ideales Accessoire für jede Vorstandssitzung. Ganz besonders toll: Mit dem "original Connection Kit" kann man sogar bis zu vier Handykettchen befestigen!

Wer hat so was? Man sollte glauben: niemand, der älter als zwölf ist. Falsch. Man muss nur einen Weiberabend unter bis eben noch ganz zurechnungsfähig wirkenden Frauen zwischen 30 und 40 verbringen, und es dauert keine zehn Minuten, bis sich das erste Handy mit "Pippi Langstrumpf"- oder "Addams Family"-Klingelton meldet und an einem Glitzergebamsel oder an einem Zobelschwänzchen aus der 800-Euro-Tasche gezerrt wird. "Guck mal, süß, nicht?" Ganz, ganz süß. Wenn man acht ist.

Folgerichtig sind inzwischen auch Gucci, Prada, Escada & Co. auf den Zug aufgesprungen - einer der seltenen Fälle, wo ein Trend von unten nach oben durchgereicht wird. Bei Ebay gibt es Strasskugeln mit Chanel-Logo, bestimmt von Lagerfeld persönlich designt. Über Sinn und Zweck des Handyschmucks nachzudenken verbietet sich von selbst, das war ja schon bei Handy-Etuis fruchtlos: Bis man das Gerät aus so was rausgeprokelt hat (erst recht, wenn sich der ganzganzsüße Anhänger in der superstylishen Handy-socke verhakt hat), ist längst die Mailbox angesprungen. Hat man es endlich geschafft, klackert der Anhänger bei jeder Bewegung ans Gehäuse oder verfängt sich in den Haaren oder bleibt im Ohrring hängen, wie neulich in der Hamburger Hochbahn - den Schmerzensschrei hat man noch drei Wagen weiter gehört.

Natürlich kommt der Trend aus Japan. Dort soll der Tinnef böse Anrufe vertreiben, und deshalb hängt auch gut ein Pfund gemischter Klimperkram an jedem japanischen Handy. (Übrigens, liebe inzwischen wegen Misserfolgs abgestoßene Siemens-Mobilfunksparte: Falls ihr euch je fragen solltet, warum niemand in Asien eure Handys kaufen wollte: Weil ihr keine Handyschmuckösen drangebaut hattet, ihr Deppen!) Doch dank der deutschen Leidenschaft, technisches Gerät mit sinnfreiem Schmuck zu verzieren - Fuchsschwänze an Autoantennen, simulierte Farbkleckse und Einschusslöcher auf Kofferraumdeckeln -, werden wir Japan bald locker abhängen.

Längst hat der Anhängerwahn auch andere unschuldige Geräte wie Digitalkameras und iPods erreicht. Und was kommt als Nächstes: Tattoos für die Espressomaschine? Piercings für den Ladyshave? Es hat gerade erst begonnen.

Meike Winnemuth print

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