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Traumjob Model: "Nicht mal Pinkelpausen sind selbstverständlich"

Zu dick, zu dünn, beneidet und verachtet: Das Image von Models leidet, dabei sind sie selbst nur Spielbälle der Modeindustrie. stern.de hat mit zwei Models, die eine Modelgewerkschaft gegründet haben, über Arbeitszeiten, nackte Haut und Magerwahn gesprochen.

Warum haben Sie sich dazu entschlossen, eine Gewerkschaft für Models zu gründen?
Knezevic: In der Modeindustrie ist vieles nicht selbstverständlich, was in anderen Berufen völlig normal ist: geregelte Arbeitszeiten, Unfallschutz, Pausen, um etwas zu essen, zu trinken oder auf die Toilette zu gehen oder ein Honorar, das nicht erst nach Monaten bezahlt wird. Wir wollten den Models eine Stimme geben und eine Organisation an die sie sich wenden können, wenn ihnen Unrecht widerfährt. Eines unserer Hauptanliegen ist die Sicherheit der Mädchen und der Schutz ihrer Gesundheit.

Warum ist der so besonders nötig?
Knezevic: Weil Models besonders häufig Situationen ausgesetzt sind, in denen sie anzüglich behandelt werden oder bei denen sie sich verletzen können.

Zum Beispiel?
Koen-Cohen: Es ist normal, dass selbst sehr junge Mädchen sich ohne Schutzwand bis auf den Tanga entblößen müssen - und ein Haufen Männer glotzt ihnen dabei zu. Stilisten grabschen einem unter den Rock, angeblich, um ihn gerade zu ziehen. Oft wird man als Model in Dessous oder Bademode stundenlang in eisiger Kälte fotografiert, aber wenn man deswegen krank wird, kommt keine Versicherung für den Arbeitsausfall aus. Auch nicht, wenn man sich den Fuß bricht, weil man in High Heels auf einem Trampolin herumhüpfen musste. Oder wochenlang nicht arbeiten kann, weil ätzende Schminke oder Industrie-Lacke Allergien und Ausschläge ausgelöst haben. Ich selbst musste monatelang eine Brandnarbe verstecken, die ein Glätteisen hinterlassen hatte.

Und was wollen Sie dagegen tun?
Knezevic: Wir versuchen derzeit mit dem British Fashion Council einen Verhaltenskodex zu etablieren, den alle Mitglieder der Modeindustrie unterschreiben. Und wir verhandeln mit Agenturen über einen standardisierten Arbeitsvertrag, der Arbeitszeiten, Bezahlung und Provisionen regelt.

Üblen Gesellen in der Branche werden Sie damit aber nicht das Handwerk legen.
Koen-Cohen: Deswegen fordern wir auch einen Criminal Background Check, wie er in Großbritannien für Erziehungsberufe bereits üblich ist. Die meisten Mädchen beginnen ihre Modelkarriere im Alter von 15, 16 Jahren, also sollte auch gewährleistet sein, dass die Menschen, mit denen sie arbeiten, nicht wegen Sexualdelikte vorbestraft sind. Wir haben eine junge Kollegin, die mit einem Stylisten zusammen gearbeitet hat, auf dessen Computer später hunderte pädophiler Fotos gefunden wurden. Nachdem er seine Strafe verbüßt hatte, kehrte er problemlos zurück in die Modeindustrie und arbeitet nun wieder mit jungen Mädchen zusammen.

Wie haben denn Ihre Agenturen auf Ihr Engagement reagiert?
Koen-Cohen: Eigentlich haben sie uns dabei gut unterstützt. Viele unserer Probleme waren ihnen bisher gar nicht bewusst und so konnten wir ihr Verantwortungsbewusstsein wecken. Models sind in ihrer Arbeitswelt sehr isoliert, trauen sich kaum ihre Probleme anzusprechen oder gar anzuprangern. Nun wissen sie, an wen sie sich wenden können. Und auch die Kunden und Agenturen sind sensibler geworden, zumindest gibt es inzwischen Toilettenpausen und man bekommt leichter auch mal etwas zu essen und zu trinken.

Stichwort essen und trinken: Magere Models werden immer stärker kritisiert...
Knezevic: Was nicht fair ist. Der Druck, dünn zu sein, ist enorm hoch. Die Designer finden, dass ihre Kleider nur an richtig dünnen Frauen gut aussehen und man muss bestimmte Maße und ein minimales Gewicht haben, um in die kleinen Größen zu passen. Das Outfit sieht dann zwar gut aus, aber das Model auf den Bildern oft nicht mehr. Deshalb werden zu dünne Mädchen in Fotostrecken nachträglich "dicker" gemacht: Spitze Schultern werden runder, hervorstechende Hüftknochen wegretuschiert, hohle Wangen aufgefüllt. Models werden nicht verschlankt, es wird auch anders herum bearbeitet.

Die Frauenzeitschrift "Brigitte" hat sich kürzlich entschieden, für ihre Modestrecken ganz auf Models zu verzichten und stattdessen lieber echte Frauen zu zeigen.
Knezevic: Ich finde das nicht richtig, damit bestraft das Magazin doch die Falschen. Ob Models nun zu dünn sind oder nicht, sie sind doch nicht Schuld am aktuellen Schönheitsideal. Die Schönheitsindustrie und die Gesellschaft selbst prägen doch dieses Bild. Dass eine Zeitschrift ein gesünderes Frauenbild propagieren will, finde ich toll, aber dann sollen sie doch normal aussehende Models buchen. Der Schlankheitswahn hat ein ungesundes Level erreicht, doch man wird das Schönheitsideal nicht über Nacht verändern. Es ist ein langsamer Prozess aber wir haben das Gefühl, dass auch unsere Branche langsam anfängt umzudenken.

Claudia Pientka
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