HOME

Zum Tod der Cranberries-Sängerin: Danke, Dolores O'Riordan, dass Du mich so nachhaltig verstört hast

Dolores O'Riordan, Sängerin von The Cranberries, ist tot. Unser Autor war kein Fan der Band, trotzdem trennt ihr größter Hit sein Leben in ein Davor und ein Danach.

Verstorbene Cranberries-Sängerin Dolores O'Riordan : "Die Stimme einer ganzen Generation ist gerade veschwunden."

Ich war ein wütender Teenager, als "Zombie" von The Cranberries zum Welthit wurde. Na gut, eigentlich war ich nicht wütend, sondern ängstlich, aber das liegt in dieser Lebensphase nah beieinander. Aber genau deshalb hat der Song und das dazugehörige Video meine Rezeption von Musik und Kunst nachhaltig verändert.

An "Zombie" hat mich damals alles verstört: der klagende, teilweise zweistimmige Gesang; die Stimme von Dolores O’Riordan, die für meinen eindimensionalen Geschmack zu extrem zwischen zärtlich und verzerrt wechselt; das Video, in dem die komplett in Gold gehüllte Sängerin am Kreuz steht. Für Regisseur Samuel Bayer war der Clip, der heute zu den Ikonen des 90er-Musikfernsehens zählt, bereits das zweite Meisterwerk, nachdem er bereits für "Smells Like Teen Spirit" von Nirvana verantwortlich zeichnete. Für mich war "Zombie" zunächst bloß ein ausgesprochen ungemütliches Erlebnis.

Dolores O'Riordan: "Same old theme since 1916"

Ich habe Mitte der Neunziger Jahre fast ausschließlich dunkle und aggressive Musik gehört: Pearl Jam, Rage Against The Machine, Suicidal Tendencies, Metallica, solche Sachen. Die furiose Wut dieser Werke diente für mich als Katalysator meiner Teenage Angst – nicht weniger, aber auch nicht mehr. Mögliche Botschaften, die über die Musik transportiert werden konnten, interessierten mich nicht. Musik war für mich ein Mittelfinger an die Welt, und er wurde aus dem Bauch heraus geschwungen. Für Musik galt für mich dasselbe wie für Sex, den ich damals noch gar nicht hatte: Um sie zu genießen, sollte man tunlichst den Kopf ausschalten.

Bis "Zombie" bei MTV und Viva so heftig rotierte, dass mir schwindlig wurde.

Aus meiner ersten Abneigung gegen den Song wurde Neugier. Ich wollte wissen, was das "same old theme since 1916" war, und warum in dem Video zwar Soldaten, aber eben kein einziger Zombie zu sehen war. Musik, Text, Clip – für mich machte das alles keinen Sinn. In einer internetlosen Zeit sammelte ich fortan alle Fakten, die mir in Presse, Funk und Fernsehen zu "Zombie" serviert wurden. Zum ersten Mal in meinem Leben hörte ich vom Nordirlandkonflikt, von der IRA und von Aufständen auf der britischen Insel. So nah diese Gewalt geografisch lag, so weit weg war sie für mich bis dahin gewesen.

Dolores O'Riordan auf der Bühne

Dolores O'Riordan, Sängerin von The Cranberries, ist mit 46 Jahren in London gestorben


Was will uns der Künstler damit sagen?

Diese Erkenntnis war schockierend, aber wütend oder ängstlich machte mich der Song jetzt nicht mehr. Im Gegenteil war ich nun neugierig auf mögliche zweite Ebenen meiner Lieblingssongs, auf Bedeutungen von Lyrics, die mir bisher verborgen geblieben waren. Ich hörte mich einmal quer durch meine Musikbibliothek und entdeckte jede Zeile, jedes Riff neu. Manches war erhellend, manches enttäuschend – so wie immer in der Musik und im Leben.

Was will uns der Künstler damit sagen? Diese Frage, die gerne zur Phrase verlacht wird, stelle ich mir bis heute bei jedem Song, jedem Album, jedem Film und jedem Buch. Zum Glück konnte ich mir diese Neugier erhalten, sie ist über die Jahre sogar noch größer geworden. Diese Leidenschaft wäre vielleicht auch ohne "Zombie" von den Cranberries irgendwann geweckt worden. Für mich ist sie aber mit diesem Song, dieser Band und vor allem dieser Sängerin verbunden.

Danke, Dolores O’Riordan, dass du einen dummen Teenager damals so nachhaltig verstört hast.

Verstorbene Cranberries-Sängerin Dolores O'Riordan : "Die Stimme einer ganzen Generation ist gerade veschwunden."
Themen in diesem Artikel