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Freizeit: Die Rahmensprengmeister

Wenn es laut wird, prollig und klug, und man dazu hüpfen muss, haben Deichkind eine neue Platte gemacht.

Text: Benedikt Sarreiter | Foto: Jonas Lindstroem

Es ist der letzte Track auf dem neuen Deichkind-Album, der alles über die Brillanz der Hamburger Crew erzählt. Knapp zwei Minuten lang, drei Wörter Text, »Oma gib Handtasche«. Der Beat pocht wie ein Maschinenhammer, die Synthiemelodie trötet, Jumpstyle. Flacher geht es im Elektro-Musiksektor nicht. Einer der größten Hits der Jumpstyle-Szene war eine Version von »Was wollen wir trinken«, zu der Menschen in Youtube-Videos »Lord of the Dance«-artige Verrenkungen aufführten. Nicht schön. Egal. Deichkind kopieren den Sound. Natürlich klingt das ein wenig smarter als bei den Originalen, weil sie einfach bessere Produzenten sind, aber der Prollappeal bleibt. Und dann, auf dem Höhepunkt, die wunderbar hingerotzte Forderung: »Oma gib Handtasche!« Was das soll? Erst einmal ist es ein guter Witz. Witze sind ja nur gut, wenn sie unangebracht und überraschend sind. Deichkind sind die deutschen Meister in dieser Disziplin. Bei so einer Nummer erwartet man textlich Plumpes: »Fuck, Fuck, Fuck!« oder »Die Krüge hoch, hoch, hoch!« Aber nein, Deichkind inszenieren den Track anders, mit Pausen, Steigerungen und virtuoser Stumpfheit bis zu diesem Satz, »Oma gib Handtasche«. Was soll das heißen? Geht es um die Wut der Jungen auf die Babyboomer? Ein Kommentar zur Rentenfalle? Oder auch: nichts? Das ist die Kunst von Deichkind, gleichzeitig eindeutig und uneindeutig zu sein. Der Sound knallt, die Texte auch. Doch was meinen sie eigentlich, was ist der Subtext, und gibt es den überhaupt?

»Wir sehen uns selbst als eine Gruppe von Leuten, die völlig unterschiedliche Ansichten haben. Wir sind nicht total für oder gegen irgendetwas«, sagt Philipp Grütering (Kryptic Joe), der mit Henning Besser (La Perla, DJ Phono) und Sebastian Dürre (Porky) in einem mit ­Magazinen, Fotos und Gläsern zugemüllten Münchner Hotelzimmer Prosecco und Kaffee trinkt. Und dann wird der Reporter erst mal zu einer Partie eines Brettspiels gefordert, das Deichkind selbst erfunden haben. Das Ziel des Spiels ist – was sonst – der Kontrollverlust. Zu erreichen durch Alkoholkonsum und bescheuerte Aufgaben.

Deichkind ist in zwei Fraktionen geteilt. Auf der einen Seite die selbst ernannten »Dinkels« mit Henning Besser und Björn Beneditz, das theoretisch-philosophische Rückgrat der Band, auf der anderen Seite die »Kapitalos« mit Grütering oder Dürre, die Blockbuster und Fast Food mögen. Entgegengesetzte Pole, die sich ergänzen oder, wie es in dem Song »Porzellan und Elefant«, einer flirrend-schönen Schnulze, heißt: »Wie Evel Knievel und Rampe, Häftling und Eisenstange, wie Michael Douglas und Stau, wie Föhn und Badewanne, wir gehören zusammen, Yin und Yang, Gegensätze ziehen sich an.« Die Liebeshymne der Dinkels und Kapitalos.

Die Themen von Deichkind sind Entfremdung durch Digitalisierung (»Sascha Lobo my ass, Peter Lustig, ich komme«); der Weltuntergang (»Alle Häuser sind verpixelt und die Kinder sind im Bett, ganz Dubai hochgezogen und Sylt ist endlich weg«) und die Wutbürgergesellschaft (»Mein Toaster ist immer voller Krümel und immer klingelt es, wenn ich mal schnell was bügel«).

Der Sound: Rollt wie immer, schnaufender Elektrorock, der auf den Körper und nicht auf den Kopf zielt. Er ist, und das ist wesentlich bei Deichkind, auf Party und Exzess ausgelegt. »Wenn du zu uns aufs Konzert kommst, sollten Dinge passieren, die du nicht erwartet hast«, sagt Henning Besser, der mit Björn Beneditz die Bühnenshow und die Kostüme entwirft. LED-Pyramidenhüte und Neonschminke bilden das Outfit dieses postmodernen Partystamms. »Bei unseren Konzerten hörst du dann eben auch so ein Gabber-Stück wie ›Oma gib Handtasche‹, und es ist vielleicht nicht dein Geschmack, aber in dem Rahmen funktioniert es dann. Alles geht.«

Henning Besser versteht die Band als Forschungsgruppe, die untersucht, was Popmusik ist und ob sie umstürzlerisch sein kann oder doch jede aufgeworfene Frage in einen Event verwandelt. Er ist sich noch nicht sicher. Und doch sind Deichkind durch die Verbindung von Gesellschaftskritik und Rauschkultur subversiv. Denn hier wird etwas gefeiert, was in der Ära der Selbstoptimierung verdrängt wird – die Ausschweifung. Rauchen? Hier nicht. Saufen? Aber nur auf dem Oktoberfest. Fressen? Vielleicht an Weihnachten.

Deichkind zeigen Versicherungen, die billigere Tarife für joggende Fitness-App-User anbieten, den Mittelfinger, indem sie auf der Bühne in Hedonismus, Bier und Wodka baden. Nebenbei vermitteln sie ihren Fans in Text und Bild eine Welt, die nicht auf dem Rückzug ins Private und auf besseren Karrierechancen durch Selbstkontrolle beruht, sondern auf der Wärme der gemeinsamen Zügellosigkeit und dem Zweifel am Zeitgeist. Das ist der Subtext, das ist die versteckte Botschaft. »Es ist doch schade, wenn man merkt, dass in den Köpfen der Leute, schon bevor sie etwas tun, die Hälfte der Optionen nicht vorhanden ist«, sagt Henning Besser. »Jeder sollte die Chance haben, seinen Grad an Freiheit zu leben. Ob das gut ist oder nicht, muss jeder für sich selbst herausfinden. Dafür steht Deichkind und diesen Freiraum versuchen wir bei unseren Konzerten zu schaffen. Es geht um Grenzüberschreitung«, sagt er. Und diesen Anspruch versuchen Deichkind auch bei PR-Terminen umzusetzen.

Während der Brettspielpartie kommt der Reporter also auf ein Aufgabenfeld. Er muss sich auf den Boden legen und alle Mitspieler werfen sich auf ihn drauf. Und da stapeln sie sich dann, Dinkels, Kapitalos, vier erwachsene Männer. Ächz! Prosecco! Der übliche Rahmen, er ist so grau. Deichkind arbeiten daran, ihn zu sprengen, immer, überall. Im April beginnt die Tour. Oma gib Ticket!

»Niveau Weshalb Warum« erscheint am 30. Januar:

Dieser Text ist in der Ausgabe 02/15 von NEON erschienen. Hier können Einzelhefte des NEON-Magazins nachbestellt werden. Alle Ausgaben seit September 2013 gibt es auch digital in der NEON-App.